Perpetuum-ToGo,  art,  pyII,  Writing

Drei Beispiele aus „FATA / VIAM / INVE / NIENT“ aus URU

Drei Beispiele in Folge also:

Beispiel 1. Der Liebesbrief:

Rose du da weilst an deinem sonnigen Flecken, Licht in dein Innerstes dringt, dein Kelch betörenden Duft verströmt, sich die Farbe Rot wie burgunder, purpur, zinober, samt den Farbtönen auf all den Flaggen der Weltnationen gleich den Bahnen des Mutes durch deine Adern zieht.

Rose du da weilst bist du wenn du ein jedes Mal erneut aufstehst und in die Welt hinausgehst, denn deine Erscheinung gleicht einem Wunder, ist die Antwort für die Inhaltsleere – Inspiration gleich dem Gewicht der Welt auf deinen Schultern ruht.

Inspiration deine Seele wenn sie da Augen sehen, Herzen erkennen und Körper aktivieren lässt.

Rose-Liebe-stillschweigendes Übereinkommen-Smaragd-Kleeblatt-Symphonie-Orchester-Traum-Mozar-Lachen-Sehnsuchtsfüller-Kreuz-gordischer Knoten-Knospe-Vergänglichkeit-Querung-Kunstgriff-Herausforderung.

Beispiel 2. Der Beweis:

Beweis – bist du gut genug für mich frage ich dich da sich der Zeiger kontinuierlich bewegt?

Beweise noch und nöcher da sich die Göttinnen und Götter des Dritten Jahrtausends in stillschweigendem Übereinkommen daran gemacht haben die Fragmente zu einen, Unterschriften zu sammeln, Aufmerksamkeit zu generieren, das Podest für einen weiteren Sieg bereitzustellen, die Fanfaren erklingen zu lassen und den Zenit im Zentrum der Manege jenseits von Zirkus zu zelebrieren.

Beweise sind es die deinen Verstand befriedigen, doch was ist in deinem Herzen was da noch nicht angelangt ist?

Wagt sich die Inkarnation deiner Existenz noch ein weiteres Mal aus dem Mantel der Konvention?

Liebesbriefe lasse ich dir tausendseitig als Bestseller in Regale all der Buchläden der Welt stellen denn wie sollte ich sonst deine Aufmerksamkeit gewinnen?

Beweisen muss ich dir meine Liebe nicht, denn das Ende ist erst der Anfang einer elliptischen Choreographie.

Beispiel 3. Das Treppenhaus:

Lange träumte ich von ihm, endlich gehe ich empor die Stufen, ich sehe die Träume die nicht dazu bestimmt waren auf Ewigkeit zu bestehen verbrennen und weiß, dass ich da im Gebäude der Zeitlosigkeit ein Mensch bin, der das Erdgeschoss verließ mit der Gewissheit auf der höchsten Etage zu schreiben.

Den Masterplan hatte ich bereits doch er war für andere Gebäude, so muss ich all die Türen öffnen, warten, mich trauen, aus der Bequemlichkeit in die Neugierde und Wagnis treten, einen die Informationen die mir zugetragen werden und darf nicht auf den Balkonen der Zwischenetagen in der Schönheit mich auf Dauer verlieren und vergessen welches Ziel ich da in meinem Innersten trage.

Denn es sind Treppenhäuser, die Geheimnisse offenbaren und in die Ferne blicken, die Legenden das Licht der Welt finden lassen und die Füße der Zeitmeister tragen.

Ich klopfe an, „Herein“, ich öffne, „Ja bitte?“, „Papier, Papier, der Platz wird knapp…“, warten… „Bitte“…

„Glück gehabt“, sage ich mir, „Danke und auf Wiedersehen, ach warten Sie, ich habe da noch etwas für Sie“, greife in meine Tasche und gebe ihr den Liebesbrief. „Vielleicht sehen wir uns wieder im Treppenhaus und als kleiner Tipp – ich bin niemals im Aufzug anzutreffen.“

Eine weitere Etage, überall sitzen die Menschen an Schreibtischen oder in Sälen, ich öffne hunderte Türen, erhalte Wogen der Empörung ob der Frevelhaftigkeit einfach einzutreten, schüttle ab die Energien, streiche mir über die rechte Augenbraue und halte kurz inne mir vor Augen zu führen, wie viele Menschen wohl da empor gingen.

R.I.P.-Tafeln an den Wänden immer wieder angebracht, denn in der Tat gab es aus unerfindlichen Gründen leider welche, die den Ausweg aus dem Labyrinth suchen mussten, das Fenster öffneten und in die Tiefe sprangen. R.I.P., die ihr eure Flügel im Gehen nicht umfänglich fandet, R.I.P., die ihr frühzeitig unter der Erde euch erkanntet, R.I.P. ihr leeren Seelen, die ihr eure ureigenen Kräfte noch nicht gewahr wurdet.

Eine weitere Türe, obliegt es mir in dieser Geschwindigkeit emporzusteigen?

Ich klopfe an, „Ja bitte“, „Entschuldigen Sie, wie weit ist es noch bis nach oben?“ – „Nach oben? Es gibt kein Oben. Das hier ist das einzige existente, es gab noch keinen der diese Unverfrorenheit besaß mir unterstellen zu wollen nicht an höherer Stelle zu sitzen.“

„Danke Ihnen und einen schönen Tag“, ich schließe die Türe und denke mir ein „Ich weiß es nicht, tut mir leid“, hätte es auch getan.

Ich halte kurz inne, betrete einen Balkon, bewundere den Ausblick von dort oben, blicke nach oben doch kann das Ende nicht erkennen.

Adler, Falken, Krähen, Fledermäuse und Brieftauben bewegen sich hier – in der Ferne die Gehöfte da ich einst wandelte und die ich mein Zuhause nannte – meinte zu glauben diese seien der Endpunkt. Doch nun blicke ich auf sie und frage mich, warum ich mir der Existenz diesen Turmes mein gesamtes Leben lang nicht gewahr wurde.

Weiter geht es, ich renne einige Stockwerke in der Annahme schneller ans Ziel zu gelangen doch werde mir der Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens bewusst. Schweißtropfen fallen auf den Stein, ich stürze aus Unachtsamkeit und hinterlasse Blut auf diesem Abschnitt, wäre es mir jetzt noch möglich bei einem größeren Unfall wieder umzukehren frage ich mich. Törichte Frage, es gibt kein Zurück mehr – ob ich nun ein Promille, 50 Prozent oder 99 Prozent bereits geschafft habe ist von nachrangiger Bedeutung.

Dort stehen einige Menschen im Gang und ich höre sie murmeln: „Soeben habe ich einen Anruf erhalten von Kollege X aus Stockwerk Y, dass einer an die Türe klopfte und nach oben wollte.“

Gelächter.

„Was bildet der sich ein? Oben? Hier ist das Oben! Wenn mir dieser tollpatschige ahnungslose Naivling begegnet, dem werde ich gehörig meine Meinung sagen.“

Ich überlege kurz, ob ich im Schatten warten soll, bis sie ihre Zwiegespräche beendet haben, doch werde mir gewahr, dass ich bereits zu lange Zeit im Schatten verbrachte und nicht noch länger warten kann und so gehe ich weiter, sie stehen im Weg.

„Entschuldigen Sie, ich habe mich verlaufen, ich muss zum Ausgang schnellstmöglich.“

Völlig irritiert sind sie ob der urplötzlichen Erscheinung eines Fremden, zeigen in drei unterschiedliche Richtungen, lassen mich vorbei nach oben, schütteln nur die Köpfe und führen ihr Gespräch da weiter.

„Wo waren wir stehen geblieben? Also – ja, wenn er mir begegnet – dem werde ich so etwas von die Meinung geigen. Hunderte Menschen befinden sich unter mir, ich bin ganz oben.“

Ein wenig erschöpft bin ich, setze mich auf den kühlen Absatz, frage mich, warum ich nie Gespräche wie die ihrigen führte, warum ich alleine in einem Treppenhaus umhersuche in der Annahme, dass es ein Oben gäbe. Warum weile ich nicht mit meiner Frau in dem Einfamilienhaus Elternurlaub nehmend?

Es spielt keine Rolle, ich befinde mich nun hier, es gibt kein Zurück, ich atme tief ein und aus, sammle meine Kräfte ein weiteres Mal und gehe weiter. „Bibliothek“ steht in Stein eingemeißelt geschrieben. Unzählige Bände von Büchern, doch zu lange las ich weise Worte, verinnerlichte mir einzelne Botschaften wie: „Ask, and it shall be given you; seek, and you shall find; knock and it shall be opened to you“ oder „Not all of those who wander are lost.“

Einzelne Bücher mögen gleich Kometenschweifen mit ihrem Erfolg eingeschlagen haben – gleichgültig ist es mir, denn ich habe ein weiteres Ziel fixiert.

Neues Stockwerk, neues Glück, die Räume werden offener und weiter, mehr Durchzug und Weitblick, weniger Einflüsse des Unten, ich klopfe.

„Herein“, „Guten Tag, mein Name ist…, wie viele Stufen sind es noch bis nach oben?“

„Setzen Sie sich. Eine vortreffliche Frage, die Sie da mitbringen. Kaffee?“

„Danke.“

„Nein Danke oder Ja Danke?“

„Nein Danke.“

„Selten kamen in der Zeit da ich an diesem Platze weile Menschen, die diese Frage stellen. In der Tat kann ich mich nur an drei erinnern. Nr. 1 war eine Reinigungskraft, die am Ende ihrer Kräfte sich befand. Ich brachte Sie nach unten. Nr. 2 war mein Kollege, der einen Aprilscherz machte. Von ernsteren Fällen dieser Art las ich allerdings nur in Büchern aus der Vergangenheit. Sagenumwogen werden dort die Geschichten von Einzelschicksalen geschildert, die mit Expeditionen und Tragkräften ausgestattet auf eine Reise ohne Rückkehr sich begaben das Oben zu ergründen.

In all den vielen Jahren die ich nun hier sitze bin ich nun zu dem Entschluss gekommen, dass es zwei umfänglichst geprüfte Ansätze gibt diese Frage zu beantworten.

Ansatz 1: Gibt es ein Oben? Wo fängt das Oben an und wo hört es auf? Was bedeutet Oben, ist nicht jeder Punkt da ich mich befinde oben wenn ich doch weiß, dass ich mich auf einer drehenden Erdkugel mich befinde?

Ansatz 2: Wir befinden uns hier in Stockwerk Nr. 237. 1.659 Stufen haben Sie bereits erklommen, da ich zu denen gehöre die Oben sitze, also 70 Prozent unter mir liegen, sind es nun maximal 711 Stufen bis nach oben. Zudem habe ich mehrere Theorien, die ich Ihnen im Detail erläutern kann…“

„Danke.“

„Nein Danke oder Ja Danke?“

„Nein Danke. Ich muss mich verabschieden.“

„Eine gute Reise wünsche ich Ihnen noch. Aber darf ich Sie Fragen was Ihr wahres Anliegen doch wahr?“

„Ich habe es inzwischen vergessen, vielleicht ein anderes Mal.“

Zu viel Theorie in einzelnen Zimmern, ich wähle den dritten Ansatz, es einfach auszuprobieren und nach Oben zu gehen. Ein wenig schwindelig wird mir von der dünnen Luft und all den Kreisen, ich lehne mich an und finde einen zusammengefalteten Zettel im Stein. „Tragfähig sind nicht die Entschlüsse, die in Abwägung aller relevanten Belange getroffen werden, sondern solche, die zu Eingebungen geschehen.“

Ich setze ihn zurück, gehe weiter, kalt sind meine Füße, leer ist mein Magen und trocken meine Kehle, doch ich muss weiter. Keine Ahnung ob Tag ob Nacht, ob ich im Jahr 2022 oder 2050 bin, ob eine Stunde oder ein Jahrhundert vergangen ist, seitdem ich mich bereits im Treppenhaus befinde.

Wozu diente der Beweis noch einmal?

Schwerpunktmäßig um mir Kraft zu geben. Eine weitere Türe, ich klopfe an, keine Antwort, ich klopfe noch einmal, keine Antwort, ein letztes Mal, keine Reaktion, vorsichtig öffne ich die Türe einen Spalt.

Fahles Licht, Modrigkeit, „Hallo… ist da jemand?“

Ich trete ein, darf ich das, was wenn ich mich verlaufen habe? Wo befinde ich mich? Es sieht so anders aus als in all den Büros zuvor. Merkwürdige Instrumente und Formeln hängen an den Wänden, Teleskope und Zepter, ein Ring dem Goldenen des heiligen Bischofs Arnulf ein wenig ähnlich, Kerzenschein und eine mystische Atmosphäre. Skizzen und kryptische Zeichnungen an den Wänden samt einem Plakat mit dem Titel „Der Adept“:

Der Adept

ist der Meister.

Seine Fähigkeiten wurden so ausgebildet,

dass er einen kreativen Vorsprung besitzt.

Er hat seine Gaben seinem höheren

Bewusstsein übergeben, so dass sie jetzt

selbstlos und voller Integrität genutzt werden.

Er wendet im Ausdruck seiner meisterlichen

Eigenschaften sowohl Kunst, als auch Wissenschaft an,

obwohl er auch in anderen Bereichen

Meisterschaft erlangt haben mag.

Der Adept ist in seiner Mitte und im Frieden.

Er bringt andere zu Ganzheit, damit sie Einheit und Eins-Seins erfahren.

Der Adept weiß, dass er in allen Situationen

und Umständen von Inspiration geführt wird,

um Transzendenz zu bringen.

Er vermittelt allem was er berührt Wert und Selbstwert.

Ich trete ans Fenster, dort sitzt in der Abenddämmerung eine Gestalt im Stuhl vertieft in ein Teleskop blickend.

„Entschuldigen Sie, ich erlaubte mir einzutreten. Ich bin auf dem Weg nach oben.“

„Ja, das soll es geben.“

„Was betrachten Sie?“

„Die Sternbilder der nördlichen Hemisphäre, wie sie sich verändern, ihren Glanz und ihre Schönheit. Sehen Sie Anwar Al Farkadain, Regor, Ras Elased Australis, Torcularis Septentrionalis oder Bogardus durften meine Augen bereits erblicken.

Schön hier oben nicht?“

„In der Tat. Atemberaubend. Aber wie weit ist es noch bis nach oben?“

„Oben, unten, spielt es eine Rolle wo Sie sich befinden, spielt es eine Rolle wo ich mich befinde? Ich befinde mich nun hier und bin zufrieden damit. Wenn ich My Lyrae, Rho2 Cephei, Sigma Puppis, Ypsilon Orionis, Kurkah und Sarir gesehen habe werde bin ich glücklich, dann kann ich sterben und werde mich im Oben befinden.“

In seiner Welt lebte dieser Mensch, ich schleiche mich aus dem Zimmer, würde mich gerne auf das Sofa legen, kann ohne Anhaltspunkt was das Oben in der Realität bedeutet jedoch nicht zur inneren Ruhe kommen.

Ein neues Kapitel, die Türen werden weniger, kein Ausweg aus diesem Treppenhaus.

Eine andere Tür, ich klopfe an, „Herein“, ich betrete den Raum, weitläufig und erhaben wie noch keiner zuvor, der Blick des Menschen durchbohrt mich im Bruchteil einer Sekunde.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

Diese Erscheinung sitzt an ihrem Schreibtisch, Elfenbeinschatullen, Heraklesseide, Hingabe und Fleiß.

„Ich suche das Oben.“

„Mut haben Sie junger Mensch, dass Sie mit dieser ausgezeichneten Frage auf dieser Ebene vor mir in Erscheinung treten.“

„Ungeachtet der Tatsache, dass es bereits spät ist erfordert es, dass ich das Oben finde.“

„Was wollen Sie da oben? Geld, Anerkennung, Gewissheit?“

„Zentriertheit, Einung und Ausblick. Kein Zweiter der wagte, Damoklesschwerter kreisten über dem Haupt meines bescheidenen Selbst und so entschied ich mich vor Ewigkeiten dazu diesen Weg einzuschlagen.“

„Kompliment, es sich noch 4.350 Stufen bis nach oben. Sie sind ein Meister oder ein Verrückter, da Sie in ihrem Alter bereits hier sich befinden und Worte wie diese aus ihrem Mund verlauten lassen.“

„4.350 Stufen…? Sicherlich, haben Sie eine Empfehlung für mich, wie ich mir die Zeit verkürzen kann?“

„Meinen Sie nicht alleinig im Erreichen des Ziels Erfüllung zu finden, genießen Sie den Prozess, erfreuen Sie sich, dass wir uns hier oben begegnet sind. Erlauben Sie, dass ich noch ein paar Stufen mit Ihnen gehe?“

„Gerne.“

„Wussten Sie bereits, dass dieser Turm der Einzige ist, der noch in seiner ursprünglichen Form besteht? Es gibt unzählige Märchen und Schilderungen wie die Bauarbeiten einst vollzogen wurden, Millionen von studierten Köpfen zerbrachen sich die Köpfe im Einklang mit den modernen Naturwissenschaften die Beweise zu erbringen. Doch es erscheint unmöglich. Ich muss nun leider wieder umkehren, ein wenig Arbeit wartet an diesem Tage noch auf meinem Schreibtisch, ich liebe die Gänge nach oben und wünsche Ihnen weiterhin nur das Beste. Auf Wiedersehen!“

Die Dunkelheit schleicht durch die Fenster herein, ich male eine Fackel auf ein Papier, nehme sie heraus und entzünde sie, weder Musik noch Bücher würden mir im Moment etwas geben, ich denke an die Frau, der ich meinen Liebesbrief überreichte und frage mich, wo sie in exakt diesem Moment weilt und ob sie weiß, dass sie das Oben gemeinsam mit mir erblicken wird wenn ich diesen Ort gefunden habe und all die Grundgesetze umschreibe, so dass es ihr obliegt an diesem Fleck zu weilen.

Einem Platzhirsch gleich schraube ich mich weiter in die Höhe, kann nicht aufgeben, nicht so kurz vor dem Ende, sie weilen da sie weilen da sie weilen da sie weilen. In Gedanken berechne ich aus Langeweile die Tragkräfte der Konstruktion dieses Turmes, zeichne vor meinem inneren Auge eine detailgetreue Abbildung auf festem Fundament, trete ans Fenster, lasse die Fackel am Glase kreisen – möglicherweise schaut ja ein Kind von den Siedlungen in die Richtung des Turmes und richtet seine Aufmerksamkeit auf diesen Platz, an Wunder glaubend.

Ich gehe weiter, immer weiter und weiter, ich denke an mein Elternhaus und meine Familie und hoffe, dass sie wohlauf sind und sich damit arrangieren können, dass ich dieser Mensch bin, der immer wieder auf Besteigungen dieser Art sich aufmacht.

Mein Leben rasselt gleich einer Werbeschleife im Schnelldurchlauf durch meine Gehirnrinden, ich weiß genau, warum ich mich nun da befinde da ich mich befinde.

Fichtenharzduft strömt aus der Ferne zu mir herüber gepaart mit der Salzluft der Meere, ein Tropfen des Amazonas wird von einer Möwe im Munde getragen, mein Herz setzt aus, eine Nahtoderfahrung habe ich, die Fackel brennt hinunter, es hilft nichts, der Weg wird durch das Warten nicht kürzer. Ich erhebe mich, ein Erdbeben, ein Blitz schlägt irgendwo auf den Boden, weitere hunderte Stufen vergehen wie im Flug, Stockwerk 204 steht da geschrieben. Das kann nicht sein, befinde ich mich in einem Wurmloch? Glück gehabt, nur Staub: 1.204. Es läuft gut, fast zu gut. Geräusche die sich nicht in Worte fassen lassen erklingen auf der anderen Seite der Mauersteine.

Wildes Gekreische und Schreie generieren Gänsehaut gepaart mit Schockstarre, doch wer wäre ich wenn ich nicht der wäre der ich bin da ich der bin der ich bereits seit jeher ward?

So klopfe ich an wie gehabt, Stille, leises Gekicher gefolgt von einem „Herein!“.

Ich öffne die Türe und es trifft mich der Schlag. Nicht. In weiser Voraussicht malte ich vor Betreten des Raumes Schutzschild, Lichtschwert, Hermesschuhe samt Helm priorisierter Klasse (und nicht zu vergessen einen Beutel zuckersüßer Bonbons) auf die Seiten. Vorsichtig muss ich jedoch in der Tat sein, da mir nur noch sieben derer verbleiben.

Nach oben gehen will gelernt sein…

So stehe ich also im Saal und muss ein komisches Bild für diese Geschöpfe auf Stockwerk Nr. 1.207 abgeben. 23 Augenpaare zähle ich, die aus Nischen, Schrankwänden und Wanzen herauslugen. 23:1 – faires Duell?

Einer gegen alle kenne ich aus Erfahrung doch wie bereits erwähnt ist es mir zuwider dieses Spiel des Ichs und des Ihrs weiter noch zu spielen.

Was ist also meine Taktik diese Kreaturen für mich zu gewinnen?

Ein Ass müsste ich noch im Ärmel haben.

Mist!

Kurzärmeliges Hemd, weise Voraussicht fehl am Platz. Eine 3,5-minütige Introduktion im Schnelldurchlauf mit dem Lichtschwert also einem Samuraikämpfer auf Kamikazeaktion gleich wenn meine Mission misslingen sollte. Einen alten Walkytalky trage ich noch in meiner Tasche, drücke die Play-Taste, kaputt, drücke auf Repeat, Repeat, Repeat, Repeat, alles bewegt sich in Zeitlupe: „Hold up / Hold on / Don’t be scared / You’ll never change what’s been and gone / May your smile / Shine on…“, die Augenpaare erscheinen nur bedingt beeindruckt, ich drücke die weiter Taste, ein Techno Beat mit gefühlten 170 BPM dröhnt knacksend ans Außen. Aus Unachtsamkeit fängt eines dieser Augenpaare im Takte der Klänge an mitzuschwingen, so eine schlechte Show kann ich also nicht abliefern. Ich ziehe den Helm auf und die Hermesschuhe über, aktiviere die Nighttime-LED-Ambiente-Funktion des Lichtschwertes, ziehe ein bisschen Konfetti aus der Hosentasche, werfe es in die Luft, schreie „Hey, Ahoi, Che-Che-Che“, klatsche dreimal in die Hände, drehe mich im Kreis doch muss feststellen, dass meine Talente nicht genügen dem Publikum vor mir Friedensgebete auszusenden.

Plan B also.

Zu sehr war ich mit malen beschäftigt als dass ich einen Plan P in Petto hätte.

6 Seiten verbleiben mir nun noch bis oben.

Reflektierendes Licht berührt mein Gesicht so als würde ich an einem Schreibtisch um 18:23 Uhr in Lörrach sitzen. Zündender Impuls?

Fehlanzeige, die Ulke wagen sich aus ihren Verstecken.

Wegrennen nach unten?

Wegrennen nach oben?

Mitten durch das Fenster springen?

Den Kampf entfachen?

Türschloss malen und wieder zusperren so als wäre rein gar nichts gewesen?

So gerne würde ich mich an einen Ratschlag aus der Vergangenheit erinnern.

Doch wo ist er in der Not der Stunde?

Schockstarre überfällt mich, meine Gedanken müssen laut wie Zementmischer rattern, ich schließe meine Augen und stelle mir vor, wie ich in einem Raumschiff zwischen Wurmloch 4907895pi und dem Planeten Varlubojus Trompol mich befinde und eine ausgebildete Crew von guten 200 Köpfen sich an Bord aufhält. Ich schiebe die Auswirkung meiner nicht weiter wissenden körperlichen Schale einfach auf.

Meine Seele ist im Raumschiff Lichtjahre entfernt, möge geschehen was geschehen soll. Das Raumschiff wird beschossen. Mission gescheitert.

Ratlos.

Ausweg?

Aussichtslos.

Platzhirsch der ich einst war meilenweit entfernt.

5 Seiten verbleiben noch.

Leerlauf.

Achterbahnfahrt.

Endgegner.

Des Rätsels Lösung?

Okay.

Ich lege den Helm, das Schild und das Leuchtschwert ab, räuspere mich kurz und öffne meinen Mund.

„So wie ich hier stehe, so könnt ihr mich jetzt in diesem Zustand auffressen. Aber seid euch gewiss, dass ich exakt in dieser Vorsehung auf diesen Stock gekommen bin um von euch gefressen zu werden. Nie würde ich auch nur das Oben in Erfahrung bringen können, ihr würdet mir den größten Gefallen bereiten wenn ich nun wie Winehouse, Jackson oder Zweig frühzeitig von diesem Planeten scheiden könnte.“

23 Augenpaare lassen verlauten: „Nie werden wir dir diesen traurigen Gefallen Erfüllung werden lassen, du darfst das Oben ersuchen in der Tat, denn nur wenige sind es, die in diesem Vorhaben derartig bestrebt sind wie du.“

Sie nehmen ihre Masken und Kostüme ab, sprechen aus einem Mund: „Seit Dekaden ruhen wir hier damit beauftragt Menschen wie dich in ihren ureigensten Unterfangen von ihren Träumen abzubringen, sie zu verunsichern und in die Weite entfliehen zu lassen. Die wenigsten klopften an die Türe und noch niemand wagte es uns standzuhalten. Gehe deinen Weg!“

4 Seiten verbleibend.

Die Hermesschuhe habe ich anbehalten, dann geht es gar ein wenig schneller. Gleich dem Wrestler im Ring ziehe ich empor, weiß, dass ich auf all den weltlichen Ruhm verzichte, weil ich diesen Pfad eingeschlagen habe. Eine Türe verbleibt noch. Ich klopfe an.

„Herein.“

Eine gänzlich neue Erfahrung. Gleich einer Einschaltquote von 1,7 Milliarden zur Primetime hat sich eine Energie aufgebaut, die mit nichts zu vergleichen ist.

Niederträchtigen Felsbrocken gleich vermag es die kreolische Synagoge nicht den letzten Wunsch von meinen Augen abzulesen.

Eine immense Schaltzentrale befindet sich da encore. Bildschirm über Bildschirm. Geburtenbücher all der Menschen der Erde, sich aktualisierende Zellen auf all den Tabellen und Listen über die Listen von Listen, Truhen über Truhen, Schätze, Reichtümer, Wissenshorizonte und Schlüssel.

Eine Profession mit grauem krausem Haar, Monokel und Fächer in der Hand gesellt sich in der Geschwindigkeit einer Fee zu mir, fragt mich ob ich den noch bei Sinnen sei auf Flughöhen wie diesen zu wandeln.

„Sind wir nicht alle Menschen? Irgendwann standen Sie auch zum ersten Mal hier oder?“

Einen verwunderten Blick ernte ich, schüttelnder Kopf: „Aha. Ja. So muss es sein. In der Tat. Freilich. Lange Zeit. Gestern. Ja. So ist es. Also. Völlig aus dem Konzept. Ich. Ja. Was wollten Sie? Kurzerläuterläuterung gefällig?“

„Bitte ja.“

„Heimatplanet Erde. Jahr 2022. 7,9 Milliarden Menschen. 510 Millionen Quadratkilometern. 70 Prozent Wasser. Schaltzentrale hier. Göttinnengleich. Ich. Hier. Beizeiten. Mag man meinen. In Wahrheit jedoch leider meist stille Betrachtende. Fassade. Mehr verwalten. Kein Gestalten. Wunderwerk diese Welt. Wunderwerk Sie da. Mensch ich. Du. Zeitlos Momente wie diese. Patentrezept? Gibt es nicht. Zündstäbe noch viel weniger auf Höhen wie diesen. Also folgen Sie der Intuition. Vertrauen. Bewusstsein. Frequenzen der Einheit.“

„Interessant. In der Tat äußerst interessant. Eine Frage habe ich allerdings. Wo geht es nach oben?“

„Oben? Hier ist das Oben. Sie sind am Ende ihrer Reise angelangt.“

„Angelangt ich? Das kann ich mir im Prinzip nicht vorstellen. Ende jetzt hier? Erscheinung Sie das Ziel? Unvorstellbar… Erkenntnis, Mehrwert, Richtschnur für mich? Was ist mit den verbleibenden Stufen?“

„Diese dienen nur als Zierde. Sie wurden geschaffen uns glaubhaft zu machen, dass es kein Ende gäbe. Sie sind nichts weiter als eine Illusion. Aber glauben Sie mir, das hier ist das Ende. Nun können Sie wieder umkehren.“

„Warten Sie, wenn es also das Ende darstellt, welchen Beweis haben Sie dafür?“

„Beweise? Gehen Sie weiter so lange Sie möchten. Ist Ihnen das nicht Beweis genug?“

Ihre Erscheinung flackert, das Bild ist brüchig, das hier ist das Oben doch sie ist nicht das Ende. Trügerische Erscheinung alte Dame, die mir glaubhaft machen wollte sie sei der Weisheit letzter Schluss.

Ich gehe aus dem Raum, schließe die Türe, renne weiter nach oben, immer schneller und schneller, die Stufen werden nicht weniger sondern immer mehr, ich bin am Ende angelangt doch das Oben in aussichtsloser Ferne.

Innehalten.

Hinsetzen.

Nachdenken.

Abstand nehmen.

Sie da.

Ich hier.

Rätselhaftes Leben.

Ich schließe die Augen.

Ich ziehe mir einen fliegenden Teppich, springe aus dem Fenster auf ihm surfend sagend: „Destination Oben!“. „Zu Befehl!“, ich ruhe mich aus und genieße die Reise.

Geraume Zeit später Ort Oben.

Höhe Unbekannt.

Ausblick atemberaubend.

Unbeschreiblich.

Unbezahlbar.

Raumschiff zweite Klasse.

Erstklassig handschriftliche Bekundungen von da oben.

Ich öffne die Augen noch ein klein wenig weiter Oben.

Verheißung und Gefühl.

Ende und Beginn. Oben.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert