El Diario,  formgiving,  pyIII,  Writing

Ein neuer Weg

Prolog

Ein Stück weit ist der Alltag eingekehrt. Der Karton mit der Remington Rand Schreibmaschine steht immer noch im Eck. Nicht ausgepackt. Meine nächste Buchbestellung trägt folgende Titel: Carmen Kurtz „Oscar-Atomspion“, Juri Gagarin „Mein Flug ins All“, Alma Karlin „Einsame Weltreise“ und „Ein Mensch wird: auf dem Weg zur Weltreisenden“, Paul Bowles „Up Above the World“ und „Himmel über der Wüste“, Fred Bodsworth „Der letzte Eskimobrachvogel“. Die Sonne scheint. Das Schreiben – „Fluch und Segen“. Kein Ende in Sicht, doch allerdings auch nicht der alles verändernde Durchbruch. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Irgendetwas zwischendrin. Jeder Text ist eine neue Herausforderung. Es gibt ihn nicht den perfekten Moment der Veröffentlichung.

Mechanisch arbeite ich die unterschiedlichen Schritte von den Einträgen bis zum Buch ab: Klappentext, Cover und Überschriften erstellen, Fotos durchgehen und einfügen, ein neues Word-Dokument mit der Formatierungsvorlage erstellen und dazwischen immer wieder Kaffee trinken, nicht verzweifeln, das Fenster öffnen, an die frische Luft gehen. Ich ziehe mich wieder zurück in mein Zimmer, verkrieche mich an meinem Schreibtisch, an meinem Laboratorium, ich bin der Adept, der mit all den unterschiedlichen Zutaten und Gedankenschnipseln darum bestrebt ist, das größere Ganze zu sehen und die Fäden sinnvoll zu spinnen. Wieder denke ich mir, dass meine Zukunft davon abhängt, wie viel Mühe ich mir jetzt gebe. Aber warum überhaupt noch Energie in ein Projekt mit dem Kurztitel „WEG“ investieren? Was ist mit den 23 Büchern, die aus eigener Feder in meinem „Perpetuum Publishings“-Holzbuchregal stehen? Ich mache mir bewusst, dass das Morgen in einem jeden gegenwärtigen Moment erschaffen wird. Dekaden können wir in Archiven in der Bemühung damit verbringen, die Vergangenheit bis ins kleinste Detail erforschen und durchdringen zu wollen. Doch im Kern werden all die Mühen einzig darauf abzielen einen Beitrag im Heute zu leisten der unweigerlich dazu führt, den Zeitgeist zu gestalten.

Manche Schritte die wir gehen mögen die kleinsten und unscheinbarsten sein. Doch die Menschen, die sie in der Realität gehen, gegangen sind oder gehen werden, mögen in ihrem Innersten Jahre benötigt haben um all die erforderliche Stärke und den Mut aufzubringen, von einem gewohnten Verhalten abzuweichen und schließlich mit einer neuen Energie die eigene Komfortzone zu verlassen.

Die Pflanzen und Bäume denken nicht darüber nach, wie sie wachsen müssen. Es geschieht ganz aus ihnen selbst heraus. Es ist ihre Bestimmung. Jedes Lebewesen auf unserem blauen Planeten wächst einfach im Einklang mit der Natur. Es geht gar nicht anders. Das eigene Selbst muss allerdings nicht mit einer über 300 Jahre alten Tanne oder mit einem mächtigen Mammutbaum, der einst im Jahre 1959 als Sämling in das Erdreich gelegt wurde, verglichen werden. Nein. Das eigene Selbst ist allgegenwärtig und in einer jeden Pflanze in Teilen vorhanden.


Lesehinweise:

Die Einträge in Kursivschrift wurden zunächst handschriftlich in einem analogen Tagebuch festgehalten und anschließend digitalisiert.
Die normalen Einträge setzen sich zusammen aus direkt auf dieser Internetseite geschriebenen Abschnitten sowie auf einer externen Reiseapp mit Trackingfunktion festgehaltenen „Kurzeindrücken“.

Allgemeine Informationen zur Reise:

  • Start- und Endpunkte: Marseille – Toulouse
  • 5 Länder, 73 Tage gesamt – davon 49 Tage auf dem Sattel, 4.075 zurückgelegte Kilometer, 43.630 überwundene Höhenmeter
  • Zwischenstationen auf der Strecke:
    • In Frankreich (Teil I):
      Marseille – Arles – Sète – Béziers – Capestang – Argens-Minervois – Carcassonne – Montréal – Fanjeaux – Mirepoix – Loubières – Castillon-en-Couserans – Portet-d’Aspet – Saint-Bertrand-de-Comminges – Bagnères-de-Bigorre – Lourdes – Oloron-Sainte-Marie (Soex) – Saint-Jean-Pied-de-Port
    • In Spanien (Teil I):
      Roncesvalles – Erro – Zubiri – Pamplona – (Donostia-San Sebastian – Hendaye (Fr.) – Irun – Zarautz – Deba) – Puente La Reine – Gares – Estella-Lizarra – Logroño – Navarrete – Nájera – Atapuerca – Burgos – Castrojeriz (San Anton) – Carríon de los Condes – León – Astorga – Rabanal del Camino – Ponferrada – O Cebreiro – Sarria – Palas de Rei – Santiago de Compostela – Cee – Fisterra – Muxía – Negreira – Padrón – Caldas de Reis – Pontevedra – Redondela – Vigo – Viladesuso – A Guarda
    • In Portugal:
      Póvoa de Varzim – Vila do Conde – Matosinhos – Porto – Furadouro – São Jacinto – Figueira da Foz – Nazaré – Peniche – Ericeira – Lissabon – Almada – Setúbal – Sines – Vila Nova de Milfontes – Odeceixe – Aljezur – Sagres – Lagos – Faro – Tavira – Vila Real de Santo António
    • In Spanien (Teil II):
      Huelva – Matalascañas – Cádiz – Vejer de la Frontera – Tarifa
    • In Marokko:
      Tanger – Tanger Med
    • In Spanien (Teil III):
      Barcelona – Palafrugell – La Jonquera
    • In Frankreich (Teil II):
      Perpignan – Narbonne – Argens-Minervois – Carcassonne – Toulouse
  • Geschriebene Zeichen exklusive Leerzeichen: 167.036

Ergänzende Hintergrundinformationen:

  • Nationale und internationale (Fern-)Wege, die erkundet wurden:
    • Europäische Fernradwege – EuroVelo 1, 3, 8, 17
    • Europäische Fernwanderwege – E3, E4, E9, E12
    • Pilgerwege – Camino Francés, Camino de Fisterra y Muxía, Camino Portugués, Camino Portugués de la Costa
    • Weitere Wanderwege – GR65, GR78
    • Regionale und nationale Radwege – Canal du Midi, Ecovial Literal Norte, Pirinexus
  • Die GPS-Dateien der Etappen 1 bis 49 finden sich unter nachfolgendem externen Link: www.komoot.de/user/

Gliederung

„Der blaue Weg“ – Samstag, 13. Januar 2024 – Remstal

22:25 Uhr
Das erste neue Notizbuch in diesem Jahr – ich bin aufgeregt, wohin mich jene Reise führen wird und wie viele jener noch folgen werden. Wieder die erste neue Seite eines Journals, wohin wirst du mich führen, Füllfederhalter, was wird mein „Der blaue Weg“, wo befindet sich mein Stuttgart? Morgen dann Barcelona, ich bin aufgeregt, wird mein Rucksack problemlos bei den Handgepäckmaßen durchgehen, Gedanken in meinem Kopf, doch Frieden in meinem Herzen. „Heal your Heart – El Diario“ ist beendet, das spüre ich, die Energie des Neubeginns trägt mich, es ist Zeit für ein neues Kapitel, „Ein neuer Weg“ wartet darauf mit Zuversicht und mutigen Schritten begangen zu werden. Zwei Teelichte brennen. Eines in den letzten Zügen auf dem Schreibtisch HEA anstrahlend, das andere auf meinem Nachttisch vor der Jungfrau von Lourdes und dem Tintenfass. Ich trinke Artimisiatee für meine Zellen und bete. Mein Atem ist sehr ruhig, ich freue mich weil ich weiß, dass ich dieses Papier bis nach Santiago de Compostela tragen werde. Auf welcher Seite werde ich mich dann befinden, was wird mir dann begegnet sein, für was werde ich mich entschieden haben? Heute gab mir meine Mutter die zweite Version „ZUMUTUNGEN“ meines Großvaters. So liegt dieses Exemplar nun also auf dem Schreibtisch und wartet darauf, von mir digitalisiert zu werden. Ganz klassisch möchte ich Seite für Seite händisch transkribieren, damit ich in sein Denken, in sein Fühlen, in sein Sein hineinkomme. Ich habe begonnen die „Schreibtage“ meiner Notizbücher festzuhalten. Heute habe ich knapp zwei Stapel geschafft. Ich habe also jeweils eines auf dem Tisch geöffnet und dann auf einem separaten Papier die Daten eingetragen. Mein Ziel ist es eine große Übersicht all der Tage zu haben, da ich schrieb. Sie kann freilich nicht abschließend sein – die Journale allerdings wird sie gut abbilden. Was sonst noch geschah? Ich fuhr mit der S-Bahn (pünktlich!) in die Neckarstadt, traf meine Schwester an der U-Bahn-Haltestelle „Degerloch“, wir spazierten in der Kälte umgeben von Eiskristallen Richtung Heusteig via Santiago-de-Chile Platz (Äquivalent in Lateinamerika „Plaza Stuttgart“) und gingen dann schließlich im Bohnenviertel an der B14 in ein Café namens Ché. Dort fühlte ich mich wohl und war gut aufgehoben. Morgen um 19:00 Uhr werden Ma. und ich aller Voraussicht nach Jaya Deva live in Katalonien sehen. Es wird spannend.

Der Counterpart Algiers – Samstag, 20. Januar 2024 – Remstal

17:33 Uhr
Hier sitze ich nun am Schreibtisch und schreibe auf dem Smartphone mit meiner Bluetooth-Tastatur. Es ist eine gute Kombination. Es funktioniert reibungslos. Der Deal ist klasse. Das steht außer Frage. Nun denn, die Zeit ist gekommen, da ich weiterziehen muss. Alles gerät ein weiteres Mal aus den Fugen. Hier sitze ich auf dem Stuhl, doch bereits in 48 Stunden werde ich in der Metropole am Mittelmeer – dem Counterpart Algiers – eintreffen. Dafür bin ich dankbar. Und auch, dass ich meinen angebissenen klappbaren Apfel nicht mitschleppen muss in meiner Satteltasche.

22:14 Uhr
Nun ist es nicht mehr allzulange bis nach Marseille. Ich darf Fuß fassen – ich wünsche mir Fuß zu fassen. Heute fing ich an, das „UNRUHE / ZUMUTUNGEN“-Manuskript meines Großvaters zu digitalisieren. Und am Freitag auf der U-Bahnfahrt vom Flughafen Leinfelden-Echterdingen bis ins Stuttgarter Zentrum mit der Linie 6 schickte ich einen Preisvorschlag an die Verkäuferin einer Schreibmaschine. Genauer gesagt handelt es sich um eine Remington Mark II – Sperry Rand. Ich hoffe also, dass meine Mutter das Paket bei meiner Abwesenheit in Empfang nehmen kann und wird. Zwei Teelichte brennen. Am frühen Nachmittag beendete ich die analoge Schreibtage-Übersicht. Nun verfüge ich also über eine Tabelle seit Anfang 2018 mit jedem Tag und dem Namen eines Notizbuches – sofern es Einträge gibt. An maximal fünf Tagen habe ich in drei Journalen gleichzeitig Einträge vorgenommen. Was mir diese Übersicht zu geben vermag, das weiß ich tatsächlich selbst nicht so wirklich. Was vermag sie zu bringen die Zukunft? Für dieses Jahr wünsche ich mir, mit dem Rad auf dem Rückweg wieder in diese kleine bezaubernde Ortschaft nahe Barcelonas zu fahren, da einem am frühen Morgen bereits Wildschweine über den Weg laufen. Ich spüre, dass ich mich an einer Gabelung befinde. Nun geht es ein weiteres Mal darum, mich für eine Richtung zu entscheiden. Spielt die Wahl eine Rolle? Gibt es die passende Entscheidung? Alles hat sich verändert. Ich weiß, dass ich auf spiritueller Ebene kein Sandkorn bin . So darf ich mich also wie so oft zuvor transformieren.

Die Route 66 – Sonntag, 21. Januar 2024

18:59 Uhr
Perfection is not a question of ability but the will to believe in the simplest solution beyond any other choice. Mein Herz schlägt laut, in 24 Stunden werde ich mich in Marseille befinden und gedanklich bereits ein Stück weiter in Santiago de Compostela sein.

Am 01. Februar 2020 erstellte ich die Route Marseille – Santiago bereits in meiner Kartenapp der Wahl. 1.706 Kilometer und gute 20-tausend Höhenmeter sollten an sich keine größere Herausforderung darstellen.

Mit 314 km/h durch Aix-en-Provence – Montag, 22. Januar 2024

09:19 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Zweiter Versuch: Ich sitze im IRE von Stuttgart bis Karlsruhe, habe soeben die Meldung auf dem Smartphone erhalten, dass der Anschlusszug ausfällt, gut, dass ich 1,5 Stunden Puffer eingeplant habe. Improvisieren ist auf einer solchen Reise grundlegend. Die Nacht war kurz und unruhig. Gestern Abend zählte ich noch die analogen Schreibtage zusammen, die ich aus den Datumsangaben der einzelnen 58 Notizbücher Seite für Seite herausgelesen habe. In Summe sind es 900 Tage im Zeitraum 2018 bis Ende 2023. Einen Monat habe ich mit 31 in Folge geschriebenen Tagen. Wie wird es weitergehen mit „Perpetuum Publishings“? Ich weiß es nicht. Das Bücherregal no. 1 quillt über, im März ist es erforderlich, dass ich in der Holzwerkstatt meines Vaters das zweite baue. Ma. hat mir einen Flyer für eine Permakultur-Ausbildung im Süden Spaniens vom 01. April bis zum 01. Juli geschickt. Eventuell ist das eine Option.
Das „UNRUHE / ZUMUTUNGEN“-Manuskript meines Großvaters ist zu rund 10 Prozent digitalisiert. Wenn ich Portugal erreiche, werde ich Land no. 39 oder 40 von meiner Liste abhaken können.
Was sind die Gründe für diese weitere Reise?

10:40 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Das Warten ist ein Teil der Reise. Werde ich nach Marseille kommen? Stand jetzt ja. Wenn ich in Santiago de Compostela ankommen soll, dann werde ich ankommen. Kein Weg ist zu weit. Mir ist ein wenig kühl, ich habe eine kleine Blutorange gegessen, beim DB-Servicezentrum habe ich die Auskunft erhalten, dass der Regional-Express theoretisch fährt. Theorie und Praxis sind zwei Paar Schuhe. Im TGV werde ich mich entspannt zurücklegen können und einen Kaffee trinken. Der Karlsruhe Hauptbahnhof ist charakteristisch wegen dem Fahrradparkhaus beim Ausgang Ost. Mittlerweile kenne ich glaube ich fast alle ICE-Bahnhöfe in Deutschland. Ist ja auch nicht sonderlich groß das Land.
Als welcher Mensch werde ich wann wieder im Remstal ankommen? Welche Erfahrungen werde ich gesammelt, welche Begegnungen gehabt und welche einzigartigen Momente in mein Herz geschlossen haben? Was wird der Rest des Jahres, der Rest der Dekade, der Rest des Jahrhunderts bringen? Kopf hoch und vertrauen, fliege mit den Spirits und den Adlern. Alles ist so wie es sein soll.

11:30 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Ich weiß nicht, mit wie viel Glück ich es jetzt noch geschafft habe einen ICE bis nach Offenburg zu erhalten. Auf die letzte Sekunde habe ich noch ein Ticket für mich digital gebucht. Für das Fahrrad ging das allerdings nicht. Nun habe ich auf Geratewohl das Fahrrad trotzdem in den Zug gestellt. Konkreter gesagt in ein Fahrradabteil ganz zu Beginn mit sieben freien Stellplätzen. Jetzt sind es nur noch sechs. Wenn ich oder mein Fahrrad rausgeschmissen werde und 60 Euro Strafe zahlen muss dann soll es so sein, dann verstehe ich die Deutsche Bahn allerdings noch weniger. Also heißt gegenwärtig die Devise tief durchatmen und vertrauen. Alles wird sich regeln.

13:40 Uhr – TGV in Straßburg
Endlich sitze ich in dem Zug, der mich an den vorläufigen Zielort bringen wird. Fast hätte es nicht mehr funktioniert. Hier erhielt ich die Information, dass in Besançon ein Mensch mit einem zweiten Fahrrad einsteigen wird, dass es nett wäre, wenn ich die Satteltaschen vom Fahrrad abmache. An den Bahnsteigen gab es keine Durchsagen bezüglich Verspätungen oder Zugausfall. Wobei auch dieser Zug jetzt mit vier oder fünf Minuten Verspätung abgefahren ist. Ich bin gespannt darauf, wer alles unterwegs einsteigen wird. Gut ist sie mir noch in Erinnerung die Rückfahrt im TGV von Marseille aus bis Mulhouse. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit – viel ist seitdem geschehen. Wieder die Gedanken, als welcher Mensch ich zurückkehren werde. Der Stress vom Vormittag ist abgefallen. Man muss es nicht verstehen, wenn ein Zug planmäßig an der Abfahrtstafel, vom Servicepersonal kommuniziert als auch von der Smartphoneapp bis 20 Minuten vor Abfahrt angezeigt wird, und dann plötzlich durch die vier Worte „Zug fällt heute aus“ zerstört wird. In einer kleinen Pfütze also sog ich noch die letzten Hoffnungsschimmer auf und flehte zu Gott, dass ich doch noch eine Lösung finde. Alles Schnee von gestern, so langsam muss ich mich mental auf die bevorstehenden Etappen einstellen. Meine Füße sind kalt und irgendwie bin ich nur so semi-motiviert. Aber das ist ein Teil des Spiels. Wieder ist da die Fensterstrebe auf Kopfhöhe, die einen freien Blick in die Landschaft behindert. Aber sollte ich nicht meinen Fokus doch lieber auf das Positive richten? Meine zwei Füllfederhalter sind voll, ich habe noch etwas Tee und der Barrista oder vielmehr die Barrista an Bord heißt Pamela. Das Leben darf aus mir herauskommen, ich darf mich so annehmen, wie ich bin. Lange brannten die Kerzen in der vergangenen Nacht. „Ab Morgen werde ich ein neuer Mensch sein“, sprachs und zog los. Zwei Notizbücher nehme ich mit auf diese kleine Expedition – „Restoration“ aka „… with an open heart / the body“ no. 60 und eines mit Sternen und Zahlen, das ich damals am Mittelmeer im Vauban-Viertel in einem ausgezeichneten Buchladen erworb. Mit wie vielen gefüllten Seiten werde ich zurückkehren? Gibt es nicht doch andere Dinge, die besser oder wichtiger wären?

14:22 Uhr
Das Reisen ist ein fester Bestandteil meines Lebens. Sicherlich steckt nicht in jedem Menschen die Notwendigkeit, den blauen Planeten da er weilt, atmet, geht und liebt immer wieder neu zu erkunden. Dies gilt es zu akzeptieren. Mittlerweile schreibe ich in meinen Lebenslauf, dass ich gerne schreibe und bereits sieben Millionen Zeichen exklusive der Leerzeichen angefertigt habe. Ob das jemanden beeindruckt, das weiß ich nicht und darum geht es mir auch nicht. Mir ist schlichtweg wichtig, dass die Leute erkennen, dass ich etwas Großes habe, das mir wichtig ist und wofür ich kontinuierlich aufstehe. Hätte ich mich irgendwie mental auf diese Pilgerreise vorbereiten sollen? Warum mache ich so etwas? Geht es mir um den Glauben, um das Spirituelle, darum sagen zu können, dass ich in Santiago war? Bereits in 14 Tagen soll ich dort gemeinsam mit Ma. wandern. Es erscheint mir noch in Gänze unreal. Ich atme kontinuierlich ein und aus, Ecuador schlägt in mir, Ecuador verlieh mir den Frieden, Ecuador ließ mich wieder aufleben. Das Panelapulver in der einen Satteltasche wurde in Kolumbien hergestellt, ich kaufte es nördlich von Barcelona. Die Platanos, die ich gestern zubereitete, wuchsen in Ecuador auf, wurden dort geerntet und für den Export vorbereitet. Eventuell aß ein anderer Julian die Kochbananen, die ich dort im Manduriacu-Tal mit Gilmar, Carlos und Don Marcelo pflückte. Träumen wird ja wohl noch erlaubt sein. Warum entscheide ich mich oft für Sachen, die sich abseits des Gewohnten befinden? Jeder hat seinen eigenen Weg, früher blickte ich zu häufig im Außen nach links und nach rechts. Heute bin ich mehr bei mir, mehr in der Mitte meines Zentrums. Ich habe erkannt, dass man sich nicht aufregen oder empören muss, wenn einem etwas nicht gefällt. Gleichzeitig sollte oder gar darf man sich nicht wegducken. Man kann aufrecht sein und das Rückgrat zeigen, Unverhältnißmäßigkeiten ansprechen ohne zu mutmaßen oder aufgrund nicht umfänglich vorhandener Tatsachen zu spekulieren. Das Manuskript meines Großvaters zeigt oder lehrt mich wieder, mich in das Denken meines Gegenübers hineinzubegeben. Es ist nicht damit getan, die Schreibmaschinenseiten von ihm abzutippen, nein, die Rechtschreibung muss angepasst werden, es müssen Namen, Orte und Institutionen überprüft und möglicherweise für das heutige Zeitgeschehen nicht mehr passende Aussagen anhand von Anmerkungen oder Kommentaren in den passenden Kontext eingeordnet werden. Nun befinde ich mich auf Seite 10, was wird sich da am Ende des Jahres befinden? Französisch kann ich nicht mehr wirklich sprechen. Beim Bäcker stolperte ich bereits über die Zahl „deux“ in Verbindung mit „Pain aux raisins“. Immer wieder verwechsele ich „Gracias“ mit „Merci“ oder sage „Si“, wenn ich eigentlich „Oui“ meine und es mein Gegenüber auch erwartet. Der Barrista an Bord meinte vorhin zu mir: „Alors, maintenant, nous parlons espagnol.“ Jeder Mensch um mich herum scheint angekommen, hat seinen Alltag und ist verwurzelt. Ich dahingegen bin das im Sonnenlicht regungslos stehende Staubkorn, die gescheiterte Existenz, der David am Boden. Das Blut fließt durch meine Adern und Venen, in mir pulsiert es, ich bin zumindest angekommen in diesem Zug auf Sitzplatz no. 28.

Schwere Regentropfen prasseln auf die Scheibe, der Himmel ist von dick-dichten Wolkenschleiern verhangen. Alles Zeichen, dass es eventuell nicht die beste Jahreszeit ist, um mit dem Rad über die Pyrenäen und weiter durch das Hinterland Spaniens zu strampeln. Aber okay – ich sage mir, dass ich Artimisia-Tee, Mandeln, getrocknete Mangos, Bananenchips, Kürbiskerne, Haferflocken, einen Liter vegane Milch, zwei Packungen Müsliriegel und ein paar Teebeutel mitgenommen habe. Im Zweifelsfall kann ich mich an ihnen sattessen, so dass ich kugelrund bin, dass ich mich nicht mehr vom Fleck bewegen kann und de facto notgedrungen an Ort und Stelle meinen Anker in den Boden rammen muss um zu bleiben. Mein Magen knurrt, das Essen des Tages war gewöhnungsbedürftig und eher zuckerhaltig. Pasta und Kohlenhydrate en Masse wären da deutlich besser gewesen. Ich glaube, dass ich mich erkälte. Da bahnt sich was an. Liege ich morgen nicht mit einem Fieberschub im Hostelbett? Ich darf vertrauen und alles so annehmen, wie es ist.

15:37 Uhr
Wie angekündigt stieg soeben in Besançon ein zweiter Radfahrer ein. Ich gehe davon aus, dass er doppelt so alt ist wie ich. Die letzte Radreise war über ein Wochenende von Mannheim bis Mainz. Im Hinterkopf habe ich immer noch den Gedanken, dass ich mich falls alles schief laufen sollte – auf den Sattel setzen und einmal rund um den Globus fahren kann. Nichts ist unmöglich. Halte deine Träume fest im Visier und sei dir gewiss, dass du an die Orte gespült werden wirst, die für dich bestimmt sind. Wir hängen da alle gemeinsam mit drin. Die Sonne scheint an dem Ort da sie weilt bei ihren Rotkehlchen, hier immer noch der verschleierte Himmel. Ist es eine Reise zurück in der Zeit? Werde ich Schnee bis nach Santiago sehen? Wohin gehe ich, wohin fahre ich, auf welchen Schienen bewegt sich der Zug? Oskar hatte seinen Meteor-X23, ich habe meinen schwarzen Surly Long Haul Trucker aus Edelstahl. Das Morgen einzig eine Erfindung des Geistes? Ich spüre meinen Körper, bin verbunden und verwurzelt mit der Erde, mit dem Wasser, mit dem Wind und mit dem Feuer, mit den unsichtbaren Wesen, mit den Pflanzen, mit den Tieren und mit den Menschen. Meine Ahnen stehen hinter mir – ich hier an derselben Stelle, da eine jede Seele die Schwelle übertreten musste. Jenseits der Tagträumerei existiert eine Zeit. Ein Bild ohne Rahmen wäre ein See ohne Ufer wäre ein Buch ohne Einband oder Ende.

Was ist mir wichtig? Die Verbindung mit meiner Schwester, die Beziehung zu Ma., das Schreiben, die Gewissheit, dass ich meine Mutter und meinen Vater liebe, einen jeden Tag mit funkelnden Augen und einem Kribbeln in meinen Poren aufstehe…

21:13 Uhr – Marseille
Ich befinde mich nun im „The People Hostel“ in der Nachbarschaft Les Grands Carmes. Mein Magen ist gefüllt mit zwei recht großen Stücken Pizza-Fromage spezial und Funghi als auch einem Tee. Ich glaube es war ein arabischer Schwarztee. Die Höchstgeschwindigkeit vorhin im Zug war 314 km/h zwischen Avignon und Aix-en-Provence. Nur punktuell doch trotzdem beeindruckend was der Erfindergeist des Menschen samt dem Glauben auf die Schiene gebracht hat. Wenn man sich vorstellt, dass in der Dunkelheit Frankreichs Menschen durch die Landschaft in diesem Tempo brausen und mehr oder weniger normal gehen können, dann ist das faszinierend. Die Fragen, ob diese Geschwindigkeit letztlich so vielversprechend ist und welcher Strom dabei verbraucht wird klammere ich aus. Die erste Nacht meiner Pilgerreise werde ich also in der ältesten Stadt des Landes verbringen. In sechs unterschiedlichen Zügen bin ich heute gefahren.

„Caravan“ auf der Avenue du Président Kennedy – Dienstag, 23. Januar 2024

10:20 Uhr – Châteauneuf-les-Martigues
Nachdem ich von der Boulangerie Nahdi mit zwei frisch gebackenen Pain-aux-Chocolat und einem Café au Lait versorgt wurde sitze ich nun im kleinen Zentrum auf einer Holzbank in der Sonne – vor mir ein Parkplatz, hinter mir eine bemalte Hausfassade (Straßenzug, Leben, Geschäftigkeit). Das Verlassen Marseilles war ein wenig anstrengend, im Morgengrauen gegen 07:40 Uhr radelte ich los, fuhr zunächst nach ein paar Metern über eine größere Scherbe mit dem beladenen Hinterrad, es krachte gewaltig, doch der „unplattbare“ Reifen hatte sich bewährt. Ich verzichtete darauf, in die Altstadt oder zum Hafen zu fahren, verließ also direkt Richtung Nordwesten das Millionengeflecht, musste mir die Straße mit schweren LKWs, Autos und Schlaglöchern teilen und erreichte schließlich doch nach den ersten Höhenmetern idyllischere Landstriche. Mein Magen blieb leer, ich war zu nervös, um in der Unterkunft zu frühstücken. Die Nacht war in Ordnung, vermutlich fand ich gegen 23:30 Uhr Schlaf. Ich wachte immer wieder auf, oft öffnete sich die Zimmertüre, Leute kamen und gingen, packten ihre Taschen, das Geräusch der Reißverschlüsse – vermutlich waren alle acht Betten belegt. Dann vorhin bei einem Kreisverkehr hielt ich an um auf die Navigationsapp zu schauen, wie ich weiterfuhr sah ich, dass aus dem angrenzenden Grundstück ein mittelgroßer Hund (wirkte nicht wirklich gefährlich – doch nach den Südamerikaerfahrungen ist das Aussehen oder die Größe nicht unbedingt relevant) gerannt kam, ich wurde schneller, er neben mir, wir bewegten uns beide auf der Straße (mit den Autos), dann nach knapp 200 Metern ebbten seine Laute ab, ich nahm ihn nicht mehr wahr. Ich hoffe, dass er nicht überfahren wurde. Werde ich Arles und Santiago einzig durch eigene Kraftaufwendung erreichen?

11:28 Uhr – Martigues (Polarsteps-Eintrag)
Ich verlasse das kleine bezaubernde Hafenstädtchen Martigues im strahlenden Schein der Sonne auf der Avenue du Président Kennedy mit „Caravan“ auf dem linken Ohr. Welch ein Finale, ein grandioser Tag.

13:56 Uhr – Irgendwo an einem Kanal weit hinter Fos-sur-Mer
34,3 Kilometer sind es noch, nicht wenig, aber die Strecke führt abseits der Straßen auf schönen Wegen am Wasser entlang. Und es wird voraussichtlich bis knapp 18:00 Uhr hell sein. Ich sitze barfuß im Schneidersitz auf dem Gras, esse aus der XXL-Schale (leider Aluminium) Feinblatt-Haferflocken und meine Spezialmischung bestehend aus Bananenchips, getrockneter Mango und Kürbiskernen, dazu etwas feinen Panela und Hafermilch. Langsam komme ich in Frankreich an und kann mich auf diese Tour eingrooven.

Das weiße Pferd – Mittwoch, 24. Januar 2024

10:17 Uhr
Ich sitze auf einer Holzbank am Canal du Rhône à Sète in der Sonne, es ist ein herrlicher Tag, um 08:02 Uhr fuhr ich von dem Hotel mit leerem Magen los, fand mich schnell auf einem Radweg, der mich unter der Autobahn auf der Brücke über die Rhone brachte und verließ auf wenig befahrenen Nebenstraßen Arles. Die Natur hatte mich bald in Beschlag genommen, schnurgerade Achsen zogen mich durch die weiten Felder der Camargue, an den Seiten die majestätisch weißen Pferde, Wildgänse, Maisen, Nutrias und eine Katze. Ich merkte die Kilometer des gestrigen Tages in den Beinen. 12 Stunden lag ich im Bett in der Dunkelheit – ich schlief zwar nicht die gesamte Zeit, doch döste vor mich hin, spürte in mich hinein, stellte mir die Frage nach dem Warum. All die Eindrücke prasseln wieder auf mich ein, Marseille eine Ewigkeit entfernt, die Handschuhe zog ich vor knapp 20 Minuten an, das Meer werde ich heute wieder lieben dürfen.

12:33 Uhr
Ich sitze auf dem Sand am Wasser, das leichte Rauschen der Wellen tut gut, ich befinde mich in Le Grau-du-Roi und mal sehen, ob es etwas damit wird, bis nach Béziers zu kommen. Ein gutes Hostel habe ich dort entdeckt, aber wer weiß, vielleicht hat Gott auch anderes mit mir vor. Mein Gesicht ist eingecremt, in meinem Magen befindet sich ein Thunfischsandwitch, ein Apfel und ein paar Datteln. Ich bin müde und erschöpft. Auf der Route kamen mir zwei Radreisende entgegen, wir grüßten uns, doch ich befinde mich auf meinem Weg. Was heißt das? Meine Mutter sagte mir vor der Abfahrt, dass ich mein eigenes Leben habe. Was bedeutet das? Der Sand hält mich, die Sonnenstrahlen auf der Haut tun gut, mein Blick weitet sich, wenn ich zum Horizont schaue und all das Blau wahrnehme. Mir gefällt es hier, doch gleichzeitig gibt es da diese Stimme die sagt: „Fahre weiter, du hast noch einiges vor dir, du kannst jetzt nicht so lange Pause machen.“ Schenke ich ihr Beachtung?

Capharnarhum – Donnerstag, 25. Januar 2024

Hier sitze ich nun also am Strand und ein wenig kommt es mir so vor, als sei ich gestrandet. Ich sitze auf dem Sand und bin an einen Holzsteg angelehnt. Rechts von mir in weiter Ferne die langgezogenen Pyrenäen. Werde ich es bis nach Santiago schaffen? Die Worte von Ma., dass ich mich nicht stressen sollte sind mir noch im Gedächtnis. Ich habe mich dazu entschieden, nur bis nach Béziers zu fahren. Das sind ungefähr 40 oder 50 Kilometer in Summe. Ich stand um 08:00 Uhr auf, ging ins Bad, frühstückte im Hostel, trank einen Café au Lait und den Orangensaft, aß vier oder fünf Brote und eine Orange, unterhielt mich mit Ralf aus dem Remstal. Meine Oberschenkel schmerzten, habe ich mir nicht zu viel zugemutet? Ralf meinte zu mir, dass es das Wichtigste ist, Zeit zu haben. Was genau meinte er damit? Wir alle haben die gleiche Zeit, 24 Stunden ist der Tag im Leben eines Menschen lang. Doch was stellen wir in dieser Zeiteinheit an, was machen wir, wie wichtig ist uns diese Zeitspanne? Am Morgen kaufte ich in der Bäckerei – sie sah von außen und auch von innen ausgesprochen teuer aus – zwei Pain-aux-Chocolate und bezahlte sage und schreibe zwei Euro dafür. Es ist sagenhaft. Im Nachhinein hätte ich mir zehn davon kaufen sollen. Naja, jetzt befinden sich diese in meinem Magen, ich esse die letzten Datteln und meine Spezialmischung auf, mein Köper sehnt sich nach Energie. Ich schreibe mit der Bluetooth-Tastatur, mein Smartphone steht mit dem aktivierten Notizenprogramm in meinem rechten Schuh. Was werde ich heute noch machen? Wohin wird es mich verschlagen? Wenn ich jetzt losfahre, dann könnte ich um 13:30 Uhr in Béziers sein. Doch was dann? Ursprünglich berechnete ich, dass ich am Samstagabend in Lourdes ankommen könnte. Doch ist das das Reisen. Was ist letztlich alles von Bedeutung? Ma. hat mir eine sehr schöne Nachricht geschrieben, gemeinsam liefen wir einen Weg im Traum. Es erfreut mein Herz. Wie geht es in meinem Leben weiter? Was werde ich mit den mir bevorstehenden Jahren anstellen? Wohin gehe ich? Wo bleibe ich?

Schon wieder mache ich eine Pause, nachdem ich vielleicht drei oder vier Kilometer gefahren bin. Ich befinde mich am Canal du Midi, es ist ruhig, auf der gegenüberliegenden Uferseite befand sich lange ein kleiner Eisvogel, es ist der zweite innerhalb von zwei Wochen. Ich hoffe, dass mit dem Einchecken im Hostel am Nachmittag alles gut klappt, damit ich mir noch die Stadt anschauen und mich entspannen kann. Morgen möchte ich bis nach Carcassonne radeln. Ich habe ein kleines Bild der Novene zu Unserer Lieben Frau von Lourdes. Wenn es gut läuft, werde ich dort am Sonntag sein.

17:12 Uhr – Béziers
Es ist ein Abenteuer. Jetzt befinde ich mich vor der Pilgerherberge und warte auf den Menschen, der mich einlässt. Der Tag war in Summe facettenreich – ich bin froh “nur” bis nach Béziers gefahren zu sein. Die Straße wo ich auf den Einlass warte ist viel befahren – aber welche Ansprüche kann ich als Pilger haben? Was ist meine Würde als Mensch? Autos befinden sich hier überall, die Leute scheinen sich gerne abgeschottet von ihrer Umwelt in einem Käfig die meiste Zeit im Stau zu befinden. Mir gefällt die Altstadt hier – man spürt, dass sich Béziers im Umbruch befindet, dass wie überall auf der Welt die Transformation sichtbar ist und manche Dinge schlichtweg Zeit brauchen. Vorhin erhielt ich meinen ersten Stempel im Pilgerpass in der Kathedrale Saint-Nazaire. Es war ein merkwürdiges Gefühl, dort standen ein Mann und eine Frau mit Kärtchen, sie verhielten sich passiv, doch dann sprachen sie mich an – ich erhielt den Stempel und mir wurde die Pilgerherberge samt der Telefonnummer gezeigt. Nun hoffe ich, dass es funktioniert mit der Übernachtung und dass ich bei all dem Lärm den wichtigen Schlaf finden kann. Was zeichnet einen Pilger aus, warum begibt man sich auf den Weg, was ist der Antrieb und die Motivation? Die Leute bewegen sich alle fort im Raum-Zeit-Gefüge, aber in welche Richtung ziehe ich? Ich freue mich, wenn ich in einer guten Woche Ma. sehe, ihre Hand halte, ihren Atem höre, ihren Herzschlag spüre, gemeinsam mit ihr verschmelze und einfach bin. Doch noch existiert da diese räumliche Distanz zwischen uns, noch bin ich auf mich alleine gestellt. Vermeintlich. Denn ich weiß, dass ich geführt werde, dass meine Gebete erhört werden, dass mich Engel begleiten und all die mir wichtigen Menschen mit mir an meiner Seite gehen. Ich darf darauf vertrauen, dass die richtigen Dinge geschehen, dass sich abseits des Sichtbaren kontinuierlich Hebel und Rädchen bewegen, damit sich die Sachverhalte fügen und alles im Einklang ist. Südamerika ist nun weit entfernt, ich darf hier in Europa Wurzeln schlagen und meine Flügel weiter ausbreiten. Ich darf einfach sein. Ich darf gehen Schritt für Schritt und sehen, was noch nicht in der Realität existiert. Gott ist bei mir. Das weiß ich. Gott hört mir zu und er schaut auf mich, er schützt und behütet mich. Er gibt mir Kraft, wenn ich zweifle und er leitet mich, wenn ich hadere. Er fängt mich auf, wenn ich falle und er breitet…

Auf dem GR78 – Freitag, 26. Januar 2024

19:43 Uhr – Carcassonne
Endlich liege ich im Hostelbett in einem 4-Bettzimmer alleine. Auf dem Weg sah ich in Argens-Minervois ein sehr schönes Bed-and-Breakfast, eine Epicerie und einen Fahrradladen – das alles sehr idyllisch an einem Kanal gelegen. Es war allerdings vielleicht 13:00 Uhr und ich wollte das Fahren noch nicht beenden. Lange machte ich mir wieder selbst Stress. Doch auch heute dachte ich des Öfteren an die Worte Renés, dass Zeit am Wichtigsten ist. Es ist ein besonders wertvoller Impuls, der mich den gesamten Weg begleiten wird. Die Strecke – vorwiegend am Canal du Midi war bis auf einen kurzen Abschnitt vor und hinter Capestang landschaftlich schön und reizvoll. Capestang habe ich angesteuert, weil der GR78 – Chemin du Piedmont pyrénéen – Wander-, Pilgerweg von Béziers aus selbige Stadt als folgendes Etappenziel aufgeführt hat. Im Zentrum ging ich in die Collégiale Saint-Étienne, es war eine besondere Stimmung, ich zündete eine Kerze an, gleichzeitig wurde ich mir bewusst, dass ich in Kirchen nicht ausschließlich finden kann, was ich in der Welt nicht finde. Dort hielt ich Ausschau nach einem Pilgerstempel, doch es war keiner vorhanden und ansonsten auch keine Aushänge bezüglich dem Pilgern oder dem Jakobsweg. Es ist nicht das Gleiche, im Januar unterwegs zu sein wie im April. An ein paar Stellen werden Rad- und Fußwege am Ufer des Kanals aufgrund von Bauarbeiten “offiziell” gesperrt. Im Regelfall gibt es allerdings doch immer Möglichkeiten, diese zu kreuzen. An einer Stelle – es war gute 20 Kilometer (vermutlich eher 30) vor Carcassonne – war plötzlich der Weg mit Schildern gesperrt, ich fuhr weiter mit meinem Ziel fest im Blick, drei Bauarbeiter standen dort und riefen mehrmals laut “Route barée” und wedelten leicht theatralisch mit ihren Armen, so dass ich doch bitte umkehren solle. Aber so einfach ließ ich mich nicht abwimmeln. Sollen sie mir doch Auskunft geben, wo die Umleitung ist, wie weit es ist etc. Sie weisen auf die rund 100 Meter entfernte Straße und sagen dort geht es lang, dann mustern sie mich genauer, fragen mich, woher ich komme und wohin ich gehe, was mein Tagesziel ist und dann sagen sie plötzlich, ich solle ihnen folgen. So schiebe ich also mein Rad, an einer winzigen Stelle auf einer Länge von knapp 2 oder 3 Metern muss ich also über ein recht schmales Betonteil mit dem Rad. Dann meint der eine von ihnen noch, um 16:00 Uhr sei ich in Carcassonne, es dauere nicht lange. Doch bereits da schwant mir, dass er mich ermutigen möchte (was auch funktioniert), dass die Wahrheit allerdings eine andere ist. Es gibt viel Gegenwind, minimal geht es aufwärts, die Wege sind weitestgehend mit Kies bedeckt, immer wieder gibt es Abschnitte, auf denen geschoben werden muss (zumindest wird es empfohlen), oder Schilder fehlen exakt an den Stellen, da sie am wichtigsten wären. Bereits wie ich mich am Morgen nach dem Schließen der schweren Eingangstüre der Gîte Bon Camino auf den Sattel setze spürte ich meinen gesamten Körper – doch insbesondere mein Gesäß. Es ist immer ein wunder Punkt, das war es schon auf jeder Radreise. Bei den vielen Kilometern im Sattel spürt man früher oder später noch die Oberschenkel, eventuell die Knie oder die Füße, die Handflächen, die Schultern, den Nacken und den oberen Rücken. Okay, ich war bereits vor der Tour schon recht stark verspannt. Dann entdeckte ich – es war 17:00 Uhr – in Trèbes eine Gîte mit dem Fahrradlogo, mit einer Pilgermuschel am Gartentürchen, es ist ein sehr schönes Schleuserhäuschen unmittelbar am Kanal. Ich wähle die Telefonnummer inklusive der 0033-Vorwahl für Frankreich, direkt meldet sich ein Mann, ja es ist ein Zimmer frei für eine Nacht, was es koste, da kommt er aus dem Garten auf mich zu, wir beenden beide das digitale Gespräch, der ältere Herr meint zu mir – Quatre-vingt plus cinq pour le petît-dejeuner. Das ist mir dann doch deutlich zu viel, so gut kann ein Zimmer oder eine Unterkunft in meinen Augen gar nicht sein, wenn ich dafür 80 Euro zahlen soll. Okay, wenn es ein Wellnesspaket, ein reichhaltiges Abendessen und Frühstück, eine umfangreiche Getränkeauswahl samt Weinverkostung und eine Sauna gäbe, dann würde ich es mir überlegen. Er fragt mich, was ich denn zahlen möchte, ich sage maximal 40 Euro, es seien drei Sterne und es ist die einzige Gîte vor Carcassonne. Er hat dort seine Nische gefunden und nutzt dieses Alleinstellungsmerkmal oder Privileg meiner Meinung nach nun aus. Letztlich ist er dann doch hilfsbereit, erklärt mir, wie ich zu einem mehr oder weniger nahen Hotel (Kette an vielbefahrener großer Straße was für mich ein absolutes No-Go ist) komme und wie die Jugendherberge in Carcassonne heißt. Wie lange bräuchte ich bis dorthin – eine knappe Stunde – wie lange ist es in etwa hell – eine knappe Stunde und es könne sein, dass es am Kanal noch eine Sperrung durch eine Baustelle gebe. Alles an mir hat sich bereits auf Seife und eine angemessene warme Dusche, frische Kleidung und eine Pizza gefreut. Aber nichts da, ich muss in den sauren Apfel beißen und weiterfahren. So plündere ich also meinen Müsliriegelvorrat, esse ein paar Hand voll Studentenfutter um noch etwas Kraft zu erhalten und strample dann in der vor mir tief stehenden Abendsonne durch die kühler werdende Luft am Ufer über Kies und Wurzeln unter dem ewig langen Schatten der im gleichmäßigen Abstand stehenden Bäume. Ich buche ein Hostel im Stadtzentrum, damit ich die Garantie habe, dort einen Schlafplatz und einen festen Ort ansteuern zu können. Einfach weiter am Kanal entlang, bis ich irgendwann unter den Bahngleisen durchfahre und dann auf der Straße vor dem Bahnhof nach links abbiegen und dort nach drei Querstraßen nach rechts muss. Das merke ich mir, um nicht dauernd auf mein Smartphone zu schauen und zu wissen, dass der Akku notfalls auch ausgehen kann. Jetzt liege ich also im Bett, in ein paar Minuten werde ich das Licht ausschalten, noch einmal Arnica-Kügelchen (geringe Dosierung) nehmen, die “Peacemaker” in meine Ohren stecken, mir die Decke über den Kopf ziehen und versuchen zu schlafen. Ich habe nur bedingt Lust morgen weiterzuziehen. Zwingt mich jemand dazu? Das Hostel wo ich bin hat im Erdgeschoss eine große Bar mit Livemusik, das Zimmerfenster geht Richtung Innenhof, ich höre die lauteren Stimmen der Gäste. Ich muss nicht noch eine zweite Nacht hier bleiben. Fest steht allerdings, dass ich es morgen Vormittag ruhiger angehen lasse und mir maximal 60 Kilometer vornehme. Vielleicht vertrete ich mir auch die Beine und erkunde das historische Zentrum samt einer oder zwei Kirchen. Ich darf einfach darauf vertrauen, dass ich automatisch die richtigen Entscheidungen treffen werde.

Cristo Redentor auf dem Zuckerhut – Samstag, 27. Januar 2024

13:52 Uhr
An einem herrlichen Platz sitze ich nun auf einer Anhöhe barfuß im Schneidersitz auf meinem dunkelblauen Sherpa-Oberteil. Ein Raubvogel kreischt, ein Vogel zwitschert und eine Wespe summt. Mein Füllfederhalter auf dem Papier macht zudem Geräusche. Wo ich heute Nacht schlafen werde – ich habe nicht den blassesten Schimmer. Ich kam an drei oder vier Gîtes mit der Pilgermuschel an der Türe vorbei. Vier Stunden ist es noch hell.

14:05 Uhr
Gerade kam eine ältere Dame mit (vermutlich) ihrem Enkelsohn vorbei, sie laufen den Teil auf dem GR78 immer von Brézilhac bis nach Fanjeux um einen Kaffee zu trinken und dort etwas zu essen. Nicht viele Leute sind um diese Jahreszeit unterwegs. Wieder muss ich mich entscheiden, ob ich weiterfahre oder noch schreibe. Zu verlockend allerdings dieser Platz, der Orangensaft, der Ziegenkäse und das frische Campagnarde-Baguette vor mir. Notfalls verbringe ich die Nacht hier. Die Pyrenäen in der Ferne sind bezaubernd, gleichzeitig schüchtern sie mich ein, da ich weiß, dass ich sie früher oder später queren muss, wenn ich nach Spanien möchte. Hinten an meinem breiten Schutzblech habe ich nun den Pilgeraufkleber befestigt, damit die Leute auch sehen, was der Grund dieser Reise ist.

In Montréal de L’Aude erhielt ich den ersten Stempel des Tages. Tatsächlich gestaltet sich das gar nicht so leicht, da ein Großteil der kleineren Kirchen geschlossen ist und ohnehin am Wochenende Rathäuser und Informationszentrum nicht geöffnet haben. In der Stiftskirche Saint-Vincent von Montreál hatte ich dann Glück, in der Nähe des Altars traf ich auf eine Frau, sie tätigte einen Anruf und begleitete mich dann gen Rathaus mit den Worten, dass ich dort erwartet würde. Gute fünf Minuten später erschien dann nicht der Bürgermeister höchstpersönlich, sondern ein Polizeiinspektor, er gab mir den Stempel, wieder musste ich noch um das Datum bitten. Anschließend ging ich in den Salon de Thé & artisanal brésilien “OBA” direkt neben dem Pilgerweg. Dort lud mich der Brasilianer Raimundo auf einen kleinen Kaffee und einen Café au Lait ein. Nicht wirklich, ich bestellte sie, doch am Ende sagte er, es würde nichts kosten. Als Ausgleich kaufte ich ein schönes Ledergeldmäppchen für 10 Euro aus Brasilien mit dem Zuckerhut und dem Cristo Redentor sowie RIO. Man weiß nie, wie das Schicksal spielt. Dort entschied ich mich dazu, nicht mehr meiner digitalen Navigation sondern den perfekt ausgezeichneten GR78-Wegweisern zu folgen. Ich orientiere mich also an den weiß-roten Markierungen oder den gelben. Wenn unten links ein zusätzlicher Balken ist bedeutet es, dass es an der Weggabelung nach rechts geht. Im Regelfall sind an jedem Laternenmast oder Pfeiler Xe angebracht, um noch einmal eine zusätzliche Sicherheit zu haben, dass der Weg dort nicht langgeht.

17:53 Uhr – Mirepoix
Direkt angrenzend an die Kathedrale befinde ich mich in einer ausgesprochen schönen Unterkunft. 25 Euro ist der Preis pro Nacht inklusive Frühstück. Ich bin froh, dass ich diese Unterkunft gefunden habe. Es dauerte allerdings ein kleines Wenig. Mit dem Rad steuerte ich unmittelbar das Zentrum an und sah dann wieder am Altar (beziehungsweise in der Nähe) drei ältere Menschen, die dort die Vorbereitungen für den abendlichen Gottesdienst tätigten. Ich sprach den älteren Herren an, ob er wisse, wo es eine Unterkunft gäbe, wir verließen das sakrale Gebäude durch eine Seitentüre und er zeigte mir an einer Aushangtafel (vermutlich vor der Pfarrei) die Nummer einer Unterkunft. Ich wählte sie, prompt meldete sich auch eine Dame, sie befindet sich allerdings in Paris und vermittelt mir eine andere Gîte. Nur ein paar Meter entfernt steht also das schöne B+B-Gebäude, auch dort wähle ich die Telefonnummer, nach etwas warten meldet sich wieder eine Frau, sie befindet sich noch im Auto, könne mir aber den Türcode geben, ich kann in das Zimmer, mein Rad in den Gang stellen und mich einrichten. Perfekt. Ich verzichte auf die warme Mahlzeit, ich habe noch eine Packung Mandeln, 80-prozentige Schokolade (eine ganze Tafel), Käse und Baguette. Einen heißen Tee habe ich mir gemacht. Auch hier gibt es Bücher und kleine Essenssachen, an denen ich mich bedienen könnte. Gefühlt begegnete ich heute recht vielen Leuten, ich werde offener, vielleicht liegt es an dem Aufkleber, den ich an meinem Rad befestigt habe oder schlichtweg an dem Mut.

Ein Glas Rotwein bei Kerzenschein – Sonntag, 28. Januar 2024

17:44 Uhr – Castillon-en-Couserans
Nun sitze ich also in der Helligkeit mit vor mir brennendem Kerzenlicht, einem Glas Rotwein aus der Plastikflasche und meiner warmen Mahlzeit von gestern und heute – ein Baguette mit Ziegenkäse belegt, in der Mikrowelle eine Minute lang erhitzt, viel Knoblauch, Salz und Pfeffer hinzugefügt – am Tisch in der kleinen Gîte. Wenn ich ausatme sehe ich die Luft. Jetzt hat es draußen 13 Grad Celsius, auch wenn es hier drinnen deutlich kühler sein muss. Fünf Warmshower-Hosts habe ich gestern Abend noch angeschrieben, einzig einer hatte mir abgesagt. So musste ich also ins Unbekannte fahren. Nein, es ist nicht die optimale Jahreszeit für eine Pilgerreise. Aber mittlerweile fühle ich mich etwas fitter, eventuell werde ich die 121 Kilometer bis nach Lourdes morgen schaffen. Wobei die 2.150 Höhenmeter schon recht happig sind. Heute waren es 1.380 Höhenmeter bei 94,5 Kilometern. Es gibt Schlimmeres. Der Tag war prächtig, jeden Tag möchte ich aufschreiben, dass es mein schönster Radtag des Lebens war. Weil es der Wahrheit entspricht. Am Morgen verließ ich um 08:30 Uhr die Unterkunft. Der erste Mensch den ich sah war der ältere Herr, der mir gestern bei der Suche der Schlafmöglichkeit half. Wieder verließ er die Kathedrale über den Hinterausgang, erblickte mich, und wie ich die Satteltaschen am Gepäckträger befestigte stand er auch schon mit einem Staubsauger in der Hand neben mir, strahlte mich an und fragte wie ich geschlafen habe, wünschte mir eine gute Reise, wir schüttelten uns die Hände und er zog freudig pfeifend von Dannen.

18:27 Uhr
Den einzigen Pilgerstempel des Tages habe ich mir hier vorhin selbst gegeben und mit Datum versehen. Vermutlich ist das nicht im Sinne des Erfindenden gewesen aber die Alternative wäre halt kein Stempel an diesem Sonntag gewesen. Ich habe mich ins Bett zurückgezogen, unten war es mir schlichtweg zu kalt. Ich liege im Schlafsackinlay mit drei dicken Decken darüber, glaube allerdings, dass ich noch für Nachschub sorgen muss. Ich habe ein Glas Wasser mit einem gehäuften Teelöffel Natron in einem Zug getrunken (es schmeckt abscheulich) und danach einen Schluck Rotwein ergänzt. Dass ich heute nicht geduscht habe stört mich nicht sonderlich – gleichzeitig sehne ich den Tag herbei, wenn ich Wäsche waschen, mein Rad reinigen und auch zum Friseur gehen kann. Das Bicarbonat wurde mir das erste Mal in Ecuador empfohlen, nachdem ich recht ausgelaugt vom Cerro Imbabura kam. Ich hoffe, dass sich meine Energie in den kommenden Stunden regeneriert, damit ich das Werk des morgigen Tages erfolgreich vollbringen kann. Marseille erscheint mir eine Ewigkeit entfernt weg. Immer wieder hatte ich heute die Stationen Lourdes – Saint-Jean-Pied-de-Port – Pamplona und Santiago de Compostela im Kopf. Zudem dachte ich an Portugal, Marokko und Andorra. Die Zeit wird die Antworten bringen.

Der Col de Portet d’Aspet – Montag, 29. Januar 2024

20:46 Uhr
Wieder ist der Tag im Flug vergangen. Ich habe es nicht bis Lourdes geschafft, es war schlichtweg zu haarsträubend. 30 Kilometer “fehlen” mir noch bis dahin, doch was bedeutet “fehlen”? Die Nacht war kurz, ich konnte nicht wirklich schlafen, am Morgen in der Dunkelheit von Castillon-en-Couserans schälte ich mich um 06:45 Uhr aus dem Bett. Es kommt mir Ewigkeiten her vor. Was wird morgen geschehen? Meine Lippen und mein Gesicht brennen, vermutlich war der Aufstieg auf den Col de Portet d’Aspet auf 1.069 Höhenmeter doch happiger.

Schwarze Buchstaben auf weißem Grund und rot umrandet: LOURDES – Dienstag, 30. Januar 2024

19:32 Uhr – Oloron Sainte-Marie
Endlich bin ich in Lourdes gewesen. Ich bin müde vom Tag, um 10:00 Uhr verließ ich mein 90 Euro Appartement in Bagnères-de-Bigorre und fuhr dann auf fast gar nicht befahrenen Landstraßen durch Wiesen und Felder durch hügeliges Terrain. Definitiv hätte ich es gestern nicht mehr bis nach Lourdes geschafft. Selbst heute zog es sich und wieder waren da die kleineren giftigen Anstiege. Dann plötzlich ein Ortsschild mit schwarzen Buchstaben auf weißem Grund und rot umrandet: LOURDES. Unerwartet aus dem Nichts – der Siedlungsrand eher unschön – ein Wohngebiet bäuerlich geprägt. Ich dachte es wird spektakulär, der Gesamteindruck gefiel mir eher weniger, im Zentrum Cafés mit in der Mittagssonne sitzenden Menschen, doch irgendwie wollte ich schnellstmöglich die Stadt verlassen. Dann fuhr ich durch die Nachbarschaft in denen jedes fünf- bis achtgeschossige Gebäude ein Hotel war. Überall deren Namen und Sterne, ich glaube, ein Großteil war geschlossen. Dann Cafés und Touristenläden, ich hielt kurz an, um einen Magneten für meinen Spiegel zu kaufen. Ich wählte einen der kleinsten, er gefällt mir. Dann ein paar Touristen, ich bog nach links ab, es geht einen leichten Berg hoch und auf der rechten Seite die Basilika Notre-Dame-du-Rosaire. Soll ich anhalten? Nein, immer noch will ich schnell weiter, wieder in die Stille der Natur, zum Wasser, weg von den Menschen. Warum fahre ich bis nach Santiago, warum mache ich diese Pilgerreise, bin ich Christ, wer bin ich als Mensch, warum wollte ich unbedingt nach Lourdes gehen? Ich habe keine wirklichen Antworten. Auf die Frage ob ich Christ bin spüre ich am Nachmittag im Sattel, dass ich “schlichtweg” ein Mensch bin. Ich muss mir keine besondere Bezeichnung geben oder denken, dass ich durch das Christ-Sein besser wäre. Ich bin ich mit allen meinen Makeln, Fehlern und Schwächen. In der Nacht wachte ich einmal auf, ich war schweißgebadet, doch danach war ich ruhiger, ja Frieden war in mich und in meinen Körper gekehrt. Gestern Abend nach der warmen Dusche mit Tee, Porridge und einem kleinen trockenen Restbaguette im Magen wie ich mit Ma. und danach mit meiner Mutter telefoniert hatte war ich einfach nur abgrundtief erschöpft. Ich lag im Bett mit geschlossenen Augen, das Teelicht brannte, ich schlief nicht aber ich hatte auch keine Gedanken im Kopf, da kam mir ein Bild oder eine Szene sehr natürlich ins Bewusstsein. Es waren in reinem weiß gekleidete Menschen, sie strahlten alle voller Licht und Erhabenheit, es waren Jesus-Menschen oder Christus-Menschen. Sie gingen wertschätzend, ehrlich, würdevoll und aufrichtig miteinander um, gingen erhobenen Hauptes und voller gesundem Selbstvertrauen. Diese Szene war kraftvoll und vollkommen selbstverständlich. Jetzt hier frisch geduscht alleine in dem Centre nautique de Soeix am Ufer des Gave d’Aspe spüre ich das Licht und den Frieden. Ich komme mir gereinigt vor. Am achten Tag Rad fahren in Folge merke ich, wie meine Beine sich nicht nur an die Belastungen gewöhnt, sondern auch an Kraft gewonnen haben. Das bedeutet nicht, dass Momente in denen ich das Rad wegwerfen wolle oder verdamme es nicht mehr gibt. Aber ich habe mich darauf eingestellt sechs bis acht Stunden im Sattel zu sitzen. Der Tag war wunderbar. Nach Lourdes war recht unspektakulär. Um Stempel zu erhalten gehe ich jetzt auch in Rathäuser. Nicht immer gibt es Touristeninformationen, Cafés oder andere Einrichtungen. In dem Rathaus in Sainte-Colome da ich heute war saßen zwei Angestellte – eine Frau und ein Mann – sie lächelten mir zu beim Abschied, beim Verlassen des Raumes fiel mein Blick auf das Portrait des Präsidenten Emmanuel Macron. Morgen werde ich also in Saint-Jean-Pied-de-Port sein. Das steht außer Frage. Den Inharpu-Pass werde ich bezwingen.

Der gelbe Pfeil – Mittwoch, 31. Januar 2024

21:44 Uhr – Saint-Jean-Pied-de-Port
Morgen geht es also so richtig los auf dem Pilgerweg. Was wird mich erwarten, welche Begegnungen habe ich, wird mein Körper den Strapazen standhalten? Wieder Fragen über Fragen, die Erlebnisse prasseln auf mich ein.

„Rutas el mundo en bici“ – Freitag, 02. Februar 2024

08:38 Uhr – Biblioteca de San Francisco
Endlich befinde ich mich in Spanien. Ich bin froh, heute einen Ruhetag zu haben, etwas entspannen und die Stadt per Pedes erkunden zu können. Wenn es hochkommt habe ich seit Marseille gute 30 Seiten geschrieben. Aber glaube ich an meinen Traum von Santiago de Compostela? Glaube ich an meinen Traum von “Perpetuum Publishings”? Ich habe die Kopfhörer aufgesetzt und höre meine “Mix der Woche”-Playlist. Meine Beine brauchen eine Pause. Mittlerweile sind es knapp 880 Kilometer und 11.030 Höhenmeter. Mein Gesäß ist wund, mein Fahrrad steht in der Unterkunft “Jesus y Maria”. Was mache ich aus meinem Leben?  Auf welchen Pfaden wandle ich? Nicht immer sind die Zeichen so offensichtlich wie auf dem Jakobsweg. Ich sehe es vor mir das Buch “Ein neuer Weg”. Wir könnten die Welt verändern. Wenn wir den Mut dazu hätten. Im Angesicht des Wandels wirst du dir früher oder später die Frage stellen müssen, wer du bist. Sicherlich mag ich nicht die “gewöhnliche” Kleidung eines Schreibenden tragen. Aber wer definiert diese? Wer setzt sie die Regeln? Morgen werde ich Ma. hier begegnen. Nicht in Barcelona, nicht im Remstal, nein in Navarra. Der Himmel ist aufgeklart, das Blau zeigt sich, von der Sonne beschienene Wolken ziehen vorbei. An meinem Geburtstag werde ich an meinem vorläufigen Ziel sein. Doch danach folgen Portugal, Südspanien, Marokko, Barcelona, Andorra und Toulouse. In welche Richtung steuere ich? Welche Form gebe ich meinen Träumen?

Das Jahr ist bereits schon ein gutes Stück fortgeschritten. Aber was bleibt von der Energie, die uns einst antrieb? Unzählige Punkte habe ich noch auf meiner Liste, doch was sind sie wert? Was ist das Glück wert, wenn du es nicht teilen kannst? Was ist dein Handwerk von Bedeutung, wenn du damit keine Menschen erreichst? Vor ein paar Tagen auf der Straße wurde ich mir gewahr, dass mein Fahrrad mein Werkzeug ist so wie der Füllfederhalter. Es ist meine Machete, meine Motorsäge, meine Leinwand, mein Traktor und mein Lastkraftwagen, mein Besen und mei Wischmop, mein Instrument samt meinem Kochtopf. Auf dieser Tour werde ich mir gewahr wer ich bin und wer ich hätte sein können wenn die Umstände andere gewesen wären. Mir wird vor Augen geführt, wie wichtig es ist, jeden Morgen aufzustehen und weiterzugehen. Sicherlich, im Alltag können wir nicht immer auf einer äußeren Ebene weitergehen. Wir können und müssen nicht immer über unsere körperlichen Grenzen gehen. Aber wir dürfen uns nach jeder Nacht erneut unter Beweis stellen, wir müssen den Erfolg jeden Tag erneut umarmen und annehmen, wir dürfen die Hände ausbreiten und all die Chancen ergreifen. Gestern wurde ich mir bewusst, was meine Funktion auf dieser Erde ist. Zumindest ein kleines Bisschen. Mit dem Fahrrad bin ich in einer anderen Geschwindigkeit unterwegs. Der Mensch erschuf den TGV, der mit 314 Sachen gen ältester Stadt Frankreichs braust, er erschuf die Überschallflugzeuge, baute Raketen und Drohnen. Er ist ein Übermensch geworden. Doch nur im Herzen können wir wahrlich wir selbst sein. Nur mit unseren Füßen können wir auf dem Boden stehen. Aus eigenem Antrieb müssen wir Dinge bewegen. Unsere Kraft kann Berge versetzen und Wasserflächen teilen. Unser Glaube kann ermächtigen und heilen, beflügeln und verzaubern. Unsere Imagination ist der Schlüssel zum Paradies, denn sie entführt uns in neue Welten und lässt uns alles im Geiste erschaffen. Eventuell bin ich schon längst angekommen. Meine Intuition trügt mich nicht und hat mich noch niemals betrogen. Von Spanien oder Portugal wäre es nicht mehr allzuweit bis nach Brasilien. Immer wieder wabert sie die Verbindung zwischen den Kontinenten in meinem Innen, verzaubert und verhext mich, täuscht und verleitet mich. Doch mit einem jedem weiteren Kilometer der vergeht erkenne ich, dass ich mir treu bleiben muss, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss. Es gibt nicht den perfekten Weg. Jeder hat seinen eigenen Weg. Niemals gibt es ein Zurück. Doch du musst mit deinem Ursprung stets in der Verbindung bleiben, sonst entfremdest du dich von dir selbst. Christoph ist jetzt wieder in Lourdes, Paul, Juan und Thomas sind vermutlich irgendwo zwischen Roncesvalles und Zubiri. Gehen sie alleine oder zusammen? Die aus Pamplona streben vor Anbruch der Dunkelheit gen Puente la Reina. Doch was suchen sie, weswegen zogen sie los, was werden sie finden auf ihren Wegen? Argentinien, Ecuador, Italien (südlich des Gardasees und eine Stunde östlich von Rom), Österreich (Burgenland), Frankreich (ehemals Lille nun Lourdes) und Spanien (Girona) sind die Leute, die ich bislang kennenlernte. Nicht zu vergessen Südkorea. Stets erhältst du, was du brauchst um zu lernen, um tiefer ins Bewusstsein zu rücken und die Erleuchtung zu erhalten, die für dich im gegenwärtigen Moment bestimmt ist. Blicke nicht auf die Wege, die die Anderen gehen. Wenn du zu viel nach links und nach rechts gehst kann es schnell geschehen, dass du über eine Wurzel stolperst oder dich mit den Gedanken quälst, an einer vorherigen Weggabelung in die falsche Richtung gegangen zu sein. Doch du befindest dich stets wo du bist aus einem gewissen Grund. Dein Herzschlag für die Ewigkeit. Dein Atem Zeuge der Vergänglichkeit. Wie ich gestern nach dem Anstieg auf den Ibañeta-Pass vor dem Wind geschützt in einer kleinen Kuhle auf der Erde am Rolandsdenkmal saß, eine Karotte mit Ziegenkäse aß, kam ein niederländisches Ehepaar mit Fernglas und einem Vogelführer, in der Höhe über unseren Köpfen flog ein roter Milan und dann gäbe es noch die Bartgeier: “Los Quebrantahuesos”, jene, die die Knochen brechen – meinten sie. Wenn ich mich recht entsinne können sie bis zu fünf Kilometer hoch fliegen und sich dann auf am Boden befindliches Aas stürzen.

10:20 Uhr
Nun hat sie mich wieder übermannt die Angst, ich muss auf die Toilette, doch ich kann nicht aufstehen, kann nicht gehen, kann mich nicht bewegen, bin bewegungsunfähig. Gerne würde ich mir ein Buch aus dem Regal über die Landschaften des Camino del Norte, über die portugiesische Küste oder Frankreich aus dem Regal holen und durchblättern, aber es geht nicht. Noch nicht.

11:00 Uhr
Und wieder ist es da das Gefühl, dass da noch mehr sein könnte in diesem Leben. Was schrieb Hemingway exakt über Pamplona? Vor mir liegt das recht dicke Buch “Rutas el mundo en bici”. Was halten sie bereit die Träume in meiner Zukunft? Was werde ich anziehen, mit wem werde ich gemeinsam Zeit verbringen, wer ist dazu bestimmt, an meiner Seite zu gehen? Das Morgen mag manchmal mystisch-trügerisch erscheinen, doch in Wahrheit sind es einzig die Nebelschleier, die das Offensichtliche verdecken. Und so kam ich aus den verwunschenen Tälern und muss mir vor Augen führen, dass ich in der Kunst meine Anziehungskraft zu perfektionieren weiter voranschreite. Mein magisches Seil ist die Anbindung an die höhere Ebene, mein Anker ist der Glaube, der sich weit jenseits des Tatsächlichen bewegt. Du wurdest geboren als unwissender Körper, erhieltest sie die Erkenntnis auf deinem Weg, fandest Antworten und beendetest das unendliche Puzzle. Und da brach sie durch die Sonne durch die Wolkendecke um die Oberfläche zu verhexen. Gemeinsam Zeit mit ihr verbringen, das ist es, was ich möchte, das ist was ich bin und seit jeher war, das ist Aufgabe und Bestimmung meines Selbst zugleich. Daher kam ich und dorthin gehe ich, trage die Siebenmeilenstiefel, verzehre mich nach Mystik und Schnee. In der Halle der Legenden stehen nicht viele an den Tagen, da das Natürliche überflüssig geworden ist – denn Maschinen übernahmen unsere Arbeit, vergegenwärtigten uns im Prinzip, wer wir hätten sein können, ließen uns formen aus dem seichten Grund, zu kontinuierlichen Höchstleistungen auflaufen und erstarren vor Ehrfurcht unter dem Firmament der Millionen von Sternen. So komme zu mir stets Inspiration du, führe mich in der Dunkelheit und schütze mich, wenn die Not es erfordert. Ich atme ruhig ein und aus, mein Körper ruht auf dem Stuhl, meine Füße verwurzelt mit der Erde Navarras. Mein Herz, das schlägt, mein Segen auf ewig, mein Reich wird eines Tages kommen, denn ich fing an und werde niemals wieder aufhören. Denn es sind die Verrückten, denen die Welt gehört, es ist das Unbekannte, das uns Kraft gibt, es ist das Finale, das uns singt den neuen Anfang zu beginnen. Weit breite ich sie aus meine Arme, öffne mein Herz, lasse mich fallen in der Güte deines Selbst, im Erfordernis mich stets aus der Schale meines alten Ichs zu schälen, indem ich mich der Handreichung eines Größeren übergebe. Und so wie ich hier in der Bibliothek am Plaza San Francisco sitze, denke, fühle, sehe, meine zu erkennen, da werde ich mir bewusst, dass alles so kommen musste.

11:23 Uhr
Klar kann es sein, dass ich genau an diesem Platz sitzen muss, bis ich alt und grau werde – dann soll es allerdings so sein.

Neben mir sitzt eine Frau, die vor sich ein Buch mit dem Titel “La Biblia – Palabra de Dios” liegen hat. Was werden die Tage mit Ma. bringen, was wird am Ende dieser Reise sein, welcher Mensch werde ich schließlich sein, wo werde ich wohnen, wie werde ich meine Zeit gestalten, auf was werde ich meine Aufmerksamkeit richten? Quito, wie weit bist du nun entfernt, lässt du mich im Stich oder erlöst du mich von all meinem Schmerz? Versorgst du mich mit Kraft und Energie, lässt du mich schöpfen aus unergründlichen Quellen, aus der Tiefe der Essenz?

14:33 Uhr
Im Sonnenschein sitze ich auf dem Platz vor dem Picasso-Café, ich lese “Der Weg in den Kosmos” von Gagarin, ich befinde mich auf dem Jakobsweg, ich darf mein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Das Gute wird sich unweigerlich vom Schlechten trennen, daran führt kein Weg vorbei – Gott ist der Richtende, der Wind ist der Weiser, dein Schatten Anker um weiter ins Zentrum zu finden. Wieder kommen und gehen Menschen, ein Auto fährt die Gasse entlang, die Geräusche der Reifen auf den Pflastersteinen beim Fahren sind schwer zu beschreiben. Sète mit der Exodus ist weit entfernt, jede Reise ein neues Abenteuer, eine neue Welt, ein unbekannter Weg in die Zukunft. Wir dürfen uns nicht der Illusion einer Bequemlichkeit hingeben, ständig befindet sich alles im Wandel, plage dich nicht mit dem vermeintlich Gewöhnlichen, denn sonst hast du keine Gelegenheit mehr, um dich auf das Schaffen zu konzentrieren. Ist es relevant, ob man dich als komischen Kautz oder gar als Sonderling bezeichnet? Wohin ziehst du? In welche Richtung bewegst du dich? Was treibt dich tief im Innersten an? Woraus schöpfst du deine Kraft? Was verleiht dir Flügel? Wem vertraust du dich an? Was betest du? Was wünschst du dir am sehnsüchtigsten? Wer ist Gott für dich? Wie viele Schritte wirst du noch gehen? Was sind deine Zwischenstationen? Auf welche Bank setzt du dich am Wegesrand? In welcher Tätigkeit kannst du dich verlieren? Wie füllst du deine Energie wieder auf? Was siehst du? Was liebst du? Wen führst du und leitest du? Welches Lied singst du? Streichelst du die Katzen am Wegesrand? Nimmst du das nicht Offensichtliche wahr? Folgst du jemandem? Bist du Orientierung oder Leuchtturm? Wo nächtigst du? Was ist sie diese Reise für dich? Kannst du schlichtweg genießen die irdischen Freuden und Güter ohne dich dafür zu verdammen?

18:53 Uhr
Den zweiten Abend befinde ich mich in der Unterkunft „Jesus y Maria“ in Pamplona. Es ist eine besondere Stimmung hier, ich weiß nicht exakt, wie ich den Geist in Worte fassen soll. Die Spiritualität ist hier gegenwärtig, das Zeitlose ist sehr präsent.

Nicht immer gibt es Tage wie diese. Draußen scheint die Sonne, Pamplona ist eine einzigartige Stadt, definitiv nicht Barcelona, anders, vielleicht rauer, vielleicht das spanische Berlin. Morgen werde ich Ma. treffen, wir werden gemeinsam eine Woche Zeit verbringen, ich bin gespannt, was wir gemeinsam machen werden, wie es für mich weitergeht, was unsere gemeinsame Zukunft macht und in welche Richtung wir uns jeweils bewegen werden. Von was ist es letztlich abhängig? Ich weiß es nicht, doch mehr und mehr spüre ich, dass der Glaube an Gott und das bedingungslose Vertrauen an das Universum und alles was damit zusammenhängt grundlegend ist um zu leben, um über sich selbst hinauszuwachsen und sich als ein wichtiger Bestandteil des immensen komplexen Wirkungsgefüges zu begreifen und zu erleben. Wie viele Menschen hier wohl schon ein- und ausgingen? Wie viele gingen über den Jakobsweg? Was treibt letztlich jeden Einzelnen an? Wird Christoph aus Lourdes eines Tages bis nach Spanien weiterlaufen? Welche Gedanken verfolgen jeden Einzelnen in der Dunkelheit und Abgeschiedenheit? Worauf richten wir unsere Aufmerksamkeit und Blicke? Was sehen wir, wenn das Licht gerade schwach ist? Wirke und denke ich auf einer Ebene mit Viktor Frankl, mit Jiddhu Krishnamurti, mit Hesse und Einstein? Was schrieb Hemingway in nächster Nähe? Was mache ich aus meinem Leben? Wie grundlegend ist mein Glaube?

Ich denke immer stärker daran einfach weiter mit dem Fahrrad zu fahren. Es bereitet mir Freude, es bedeutet für mich Freiheit, ich fühle mich mit ihm verbunden. Gleichzeitig hält und stützt es mich, es gibt mir Kraft und versorgt mich mit der Gewissheit, dass ich immer weiterziehen kann. Mir ist es unglaublich wichtig, das Neue und Unbekannte zu erkunden. In mir schlummert dieser Geist, der nur in der Bewegung nach Vorne gestillt werden kann. Jeder hat diese Sehnsucht in seinem Selbst, jeder findet die Antworten auf all seinen Schritten. In der vergangenen Nacht waren deutlich mehr Pilgernde hier, jetzt sind es wenn es hochkommt 40 oder 50 Prozent der Anzahl. Ich habe viel Hunger, der Ruhetag tut mir gut, ich aß am Morgen Porridge, dann vorhin Nudeln mit Tomaten und zwei Knoblauchzehen, Datteln, einen Apfel und einen Müsliriegel. Drei Stunden und 30 Minuten befand ich mich in der Bibliothek, die Zeit verging wie im Flug und gleichzeitig kommt sie mir bereits auch schon wieder Ewigkeiten her vor. Ein Wunder, dass ich gestern erst in Frankreich gewesen bin. Ich habe mir eine zweite Radhose gekauft, meine Wäsche gewaschen, mein Fahrrad geputzt und geölt, den Schlauch am Vorderrad gewechselt und viel in Juri Gagarins Buch gelesen. Ich schöpfe noch einmal Kraft, bevor es weiter geht nach Santiago. Und innerlich bereite ich mich auf Portugal vor, auf Marokko und dann auf die Achse zwischen Barcelona und Stuttgart. In der E-Mail der ECF las ich einen Artikel eines Mannes, der von Madrid bis nach Trontheim mit dem Fahrrad fuhr.

Ich spüre, das ich mehr Zeit in der Natur verbringen möchte, dass es mir wichtig ist, ein Lagerfeuer zu machen und an der frischen Luft zu kochen. Wo ich einst wohnen werde? Das ist mir immer noch ein Rätsel. Gestern kam ich auf dem Ibañeta-Pass an einem Earthship mit schön angelegtem Garten vorbei. Das könnte ich mir gut vorstellen. Vor ein paar Tagen sah ich zwei Mitte oder Ende 30-Jährige, die auf einem Grundstück ihr eigenes Holzhaus bauten. Direkt hinter der Grundkonstruktion stand ein recht alter Bauwagen – hinter einer Plastikplane eine provisorische Dusche. Braucht man mehr im Leben? Was sind letztlich die Ansprüche und wer bestimmt sie? Muss man sie selbst bestimmen oder wurden sie einem einst indoktriniert? Hier kostet ein ausgezeichneter Cappuccino 1,40 Euro.

„Der Weg in den Kosmos“ – Samstag, 03. Februar 2024

11:17 Uhr – Civican Public Library
Seit guten drei Stunden bin ich auf den Beinen. Die Stadt gefällt mir, zwei Cafés habe ich ausprobiert, in dem ersten fühlte ich mich fehl am Platz, wenngleich es dort am ursprünglichsten war. Ich treibe gleich der schwarzen Boje im Pazifik vor Lima immer noch leicht verloren umher, lese weiter Gagarin, warte auf Ma., wärme mich in öffentlichen Gebäuden und blicke stärker in die Zukunft. Heute wurde mir dieses Gefühl der Sehnsucht sehr stark bewusst, wie all die anderen Pilgernden an einem weiteren Morgen aufbrachen, teils bereits um 05:00 Uhr aufstanden und vor Anbruch der Helligkeit in die frische kühle Luft Spaniens traten. Von Martina verabschiedete ich mich als letztes. Ich fragte sie, ob ich sie zum Abschied umarmen dürfte. Sie kommt aus Italien und startete ihre Tour in Toulouse. Sie hat ein Fuji-Gravelbike mit Rahmen- und Satteltasche. Des Weiteren einen Rucksack, GPS-Navigationsgerät und verdammt viel Ausstrahlung. Sie wird vermutlich 1,60 Meter groß sein, doch sie ist ein wahres Kraftpaket und Energiebündel. Es ist ihre erste lange Reise auf dem Sattel. Ich fragte sie, ob es nicht merkwürdig sei, diesen Camino nicht zu Fuß zu bestreiten. Sie meinte, es sei nicht ihr Naturell in ihrer gegenwärtigen Lebensphase gemeinsam mit den Anderen in der Gruppe all die Etappen zurückzulegen, nein, sie sei da eher unabhängiger, freier, glücklicher, neue Menschen kennenzulernen. Sie sprach mir aus der Seele. Den Artikel des Inders Rohan Daniel, der mit dem Fahrrad von Madrid bis nach Trondheim fuhr, laß ich am Morgen zu Ende. Mir gefällt das Zitat von Nietzsche: „What, if some day or night a demon were to steal after you into your loneliest loneliness and say to you: ‘This life as you now live it and have lived it, you will have to live once more and innumerable times more; and there will be nothing new in it, but every pain and every joy and every thought and sigh and everything unutterably small or great in your life will have to return to you, all in the same succession and sequence-even this spider and this moonlight between the trees, and even this moment and I myself. The eternal hourglass of existence is turned upside down again and again, and you with it, speck of dust!‘

„Would you not throw yourself down and gnash your teeth and curse the demon who spoke thus? Or have you once experienced a tremendous moment when you would have answered him: ‚You are a god and never have I heard anything more divine.‘ If this thought gained possession of you, it would change you as you are or perhaps crush you. The question in each and every thing, ‚Do you desire this once more and innumerable times more?‘ would lie upon your actions as the greatest weight. Or how well disposed would you have to become to yourself and life?“

Es sind sehr komplexe tiefsinnige Sätze. Aber warum nicht? Wir alle leben auf diesem Planeten mit einer Bestimmung, mit einer Aufgabe, mit einer Berufung in den tiefen Kammern unseres Herzens, derer es Ausdruck zu verleihen gilt. Die einen steigen dafür in Raumanzüge, die anderen gehen Tag für Tag in Bibliotheken, auf ihren persönlichen Camino, in die kalte mit Nebelschleiern behangene Luft, in die ungezeichnete Weite der beizeiten wahnsinnigen Welt. Sie alle finden ihre Augen von der Erkenntnis des Inhalts und des Warums erleuchtet, sie sind dazu bestimmt, ihr persönliches Glück zu teilen, ihre Maxime zu einem Zeichen für weitere Seele zu erheben. Auf der Reise findest du dich unweigerlich, denn du verlässt den sicheren Hafen, du darfst dich aufmachen um dich selbst in einem neuen Licht kennenzulernen, um der zu sein, der du in deinem wahren Kern bist. Müde bin ich zu lesen, so muss ich schreiben, dieses Jahr 2024 war bislang kein Paradejahr was das Schreiben anbelangt. Aber es ist ein Teil des Prozesses. Jeden Morgen wachst du auf erneut, jeden Morgen hast du die Chance erneut dein Leben auf den Prüfstand zu stellen, dich zu hinterfragen, über dich hinauszuwachsen, an der Stelle da du dich befindest zu verwurzeln und schlichtweg in der vollkommenen Annahme dessen was ist zu sein um aufzugehen in dem Moment. Wir alle tragen unsere Lasten und Pakete. Es geht nicht darum zu teilen wie schwer deine sind, sondern darum den Weg angenehm und erträglich zu machen, immer wieder aus der Seele zu lachen und offenen Herzens den weiteren Herausforderungen zu begegnen. Du wirst letztlich gewinnen. Das verkünden die Bücher im Regal, das verkünden die anderen an deinem Tisch, das verkünden die Weggefährtinnen und Weggefährten, das verkünden die Pfaue und die Rehe. Das ist es was der Inhalt ist, was das Fundament darstellt, was Gott meinte als er sagte: „Ich bin und so sollt ihr sein.“ Alles kommt zu seiner Zeit. Dafür bedarf es bedingungslosen Vertrauens und Glaubens.

Mir fehlt sie die Bewegung, mir fehlt das Verlassen eines Ortes in Richtung des Unbekannten. Mir fehlt mein klarer Anker. Zu lange trieb ich verloren umher, machte mich zum widerspenstigen Handlanger anderer, ging ohne Ahnung wohin und wieviel. Aber ich fand auf meinem Weg, ich meinte oft aufgeben zu müssen doch erhielt exakt in jenen Passagen eine beinahe übermenschliche Energie, die mich zu einer neuen Perspektive brachte.

12:23 Uhr
Immer weiter sprudelt es aus mir heraus das Buch. Ich weiß nicht, in welche Richtung es mich führen wird. Ich weiß, dass mich mein räumlicher Weg auf dieser Ebene zunächst nach Santiago de Compostela führen wird. Ich weiß, dass ich meine Cusco-Umhängetasche mit dem Tintenfass und den zwei Füllfederhaltern bei mir trage. In meinen Büchern befindet sich das Pferdehaar-Lesezeichen aus Quito, gegenwärtig schreibe ich in Notizbuch no. 60. Ich weiß, dass ich zwei gesunde Beine habe, die diesen Planeten noch deutlich weiter bereisen werden. Ich weiß, dass ich niemals müde werde für das Gute zu kämpfen (ergo zu schreiben), dass es meine Aufgabe ist, des Morgens auf diesem sich kontinuierlich drehenden blauen Planeten aufzuwachen, zu glauben, zu finden und zu einen. Denn wir alle kamen aus einem bestimmten Grund, wir alle fanden einst, wir erkannten und wir ließen sie sprießen die Liebe aus unserem Selbst. Wir sind unweigerlich alle miteinander in Verbindung. Es gibt kein Zurück. Die Entwicklung der Neuzeit ist die Verbindung von Mensch und Maschine. Wir sind die wahre Intelligenz abseits der Oberflächlichkeit. Wir sind zarte sensible empfindsame fühlende Wesen. Wir sind die Gigantinnen und Legenden im Verborgenen. Wir schöpfen unsere Kraft aus der Stille, wir sehen was noch nicht manifestiert ist, wir zeichnen die Konturen auf den Leinwänden der ungeahnten Kraft der Bilder, die wir im Träumen fanden. Wir sind verantwortlich für das Morgen. Mit jedem Wimpernschlag leisten wir Pionierarbeit, wir dürfen niemals das Eigentliche aus dem Blick verlieren. Wir gehen um anzukommen – wenngleich wir bereits aus diesem Grund längst angekommen sind.

20:18 Uhr
Das dritte Mal in Folge schlafe ich nun in der Unterkunft “Jesus y Maria”. Hier befindet sich ein besonderer Geist. Die Menschen kommen jeden Tag ab 12:00 Uhr mittags und brechen am nächsten Tag zwischen 07:00 und 08:00 Uhr wieder auf. Teilweise auch früher. Der Weg scheint ein Allheilmittel zu sein. Jeder hat seine Gründe, seine Probleme, seine Verluste, seine Süchte, seine Ängste, seine Zweifel für diese Reise. Gleichzeitig befindet sich jeder unter diesem größeren Schutzschirm, wird geleitet, geführt und begleitet auf seinem Weg wenn er sich verloren fühlt oder meint, nicht mehr alleine aus eigener Kraft weiterzukommen. Jeder Einzelne ist ein unglaubliches Kraftwerk und Impulsgeber, ein Leuchtturm und eine Quelle der Inspiration. Wir hängen alle gemeinsam mit zusammen. Ein Wenig ist es wie auf der Arche Noah im Zentrum Bogotás nur tragender und magischer. Unweigerlich muss alles einen Sinn ergeben. Jetzt wird er mir bewusst der Traum der vergangenen Nacht. Ich kann mich weder an ihn noch an die Details erinnern, doch ich kann mich an das atemberaubende Gefühl erinnern. Wir werden alle getragen und geführt. Egal wie alt wir sind, wo wir herkommen, welche Leiden oder Nöte wir haben, wie sehr unser Herz zerbrochen sein mag oder wie groß unser Problem auch ist – es gibt einen Weg dahinaus. Und das Ziel ist Santiago. Es ist möglicherweise das größte Geheimnis der Menschheitsgeschichte. Jede Seele wandelt vor und nach Sonnenaufgang, vor und nach Sonnenuntergang, im Reich Gottes. Unsere Füße hinterlassen Spuren auf dem Planeten selbst wenn wir die Schritte “nur” im Geiste gehen. Doch diese Arbeit ist ein wahres Wunderwerk unseres Schöpfers. Diese Arbeit ist zeitlos. Sie stellt das Fundament dar auf welchem unsere Kinder und Enkelkinder und alle Generationen, die uns folgen werden, bauen und leben werden. Wir sind die Wegbereitenden für die Zukunft. Wir sind der Schlüssel zum Glück. Die finale Antwort ist die Liebe. Unser Herz ist der Kompass der Wahrheit. Wir sind die Kinder des Glücks und die Hüter der Weite. Wir sind Santiago. So liege ich also im Bett no. 91, Ma. unter mir im Bett no. 92, unsere Herzen schlagen im gemeinsamen Takt, unsere Fingerkuppen verschmelzen und unsere Träume fliegen auf einer synchronen Frequenz. In diesen Tagen begreife ich ein weiteres Mal, dass ich zum Fliegen bestimmt wurde. Nicht immer hast du es in der Hand, wohin du gesetzt wirst, doch immer hast du es in der Hand, in welche Richtung du schaust, in welche Richtung du gehst und mit welcher Einstellung du den Herausforderungen des Tages begegnest. Myriaden von unsichtbaren Strängen durchziehen uns, flechten sich durch unsere Zellen und verleihen uns den finalen Feinschliff. Für die einen stellt jener die Göttlichkeit dar, für die Anderen bedeutet er wahrlich Mensch sein. Den Gezeiten sind wir alle ausgesetzt. Im Regen beginnt die Sonne in Gänze zu strahlen.

„The Camino del Norte“ – Dienstag, 06. Februar 2024

Zwischen 21:00 und 22:00 Uhr – Blai Blai Hostel Zarautz
Nun endlich etwas Pause am Meer in Zarautz. Vor mir liegt “The Camino del Norte”. Der Weg heute war nicht unbedingt sehr lang vom Monte Ulia ab der Jugendherberge bis zum Yellow Deli-Restaurant, doch sehr schön. Erst nach 10:30 Uhr verließen wir unser Appartement no. 7 der Liebe, frühstückten Porridge mit fein geschnittenen Bananen und Äpfeln im Speisesaal oder Aufenthaltsraum und gingen dann (nachdem wir den Windhund Siku ausführlich gestreichelt hatten) auf der Straße zunächst leicht bergab und dann links auf einen kleinen schmalen Fußpfad in Richtung Donostia. Unterwegs blieben wir stehen um die zwitschernden Vögel zu bezeugen oder Bananenstauden (Ecuadorerinnerungen!) zu begutachten. Dann waren wir auch schon wieder mitten in einer Großstadt, raus aus der Ruhe und dem Frieden der Natur, raus aus der Zeitlosigkeit und hinein in die Welt der Ampeln, der fahrenden Autos, der Lenkungen und Versuchungen. Am Royal Nautical Club of Donostia-San Sebastián trafen wir auf einen Freund von Ma., wir gingen in das Sakona Coffee Roasters Café, ich trank einen Cortado mit Hafermilch und aß einen Bananen-Schokokuchen (vegan), wir unterhielten uns (beziehungsweise ich hörte zu), verließen dann gegen 13:30 Uhr das feine Lokal durch Seitenstraßen bis zum Playa de la Concha um all die Ausblicke zu bestaunen, den Wellen zu lauschen, Surfer, Sand, Architektursilhouetten, Leuchttürme – alles mit dabei. Dann gingen wir zu all den Kunstwerken im öffentlichen Raum von Eduardo Chillida angefangen mit “Homage a Fleming” zu “Estela a Rafa Balerdi” bis hin zu “Peines del Viento XV”. Den Camino mit den gelben Pfeilen verlor ich nicht aus den Augen – ich spürte es in mir ziehen, ich wollte den Zeichen weiter folgen, doch wir standen am Ende des Weges bei der Brandung, die Gischt und das Wasser schossen in die Höhe, es wurde geredet und ja, irgendwann ging es dann weiter. Es war der späte Nachmittag, auf der Strecke bis nach Zarautz sollte es nicht viele Unterkünfte geben, aber wir gingen drauf los in Richtung des Unbekannten. Vor einem Hochhaus mit Swimming-Pools rasteten wir, aßen 1,5 Arepas mit Linsen und Gemüse vom Vortag, tranken und genossen die Sonne. In unseren Gliedern noch die Strapazen des vorigen Tages. Es war okay, so wie es vermutlich hätte sein müssen – das Paradies auf Erden, aber ich schien es nicht wahrzunehmen. Dann der Weg – erst parallel an einer Straße leicht bergauf – zu der rechten Seite der bis zum Horizont reichende Arm des Meeres, dann unendlich viele Impulse für die Seele, für dieses Geheimnis des Lebens, für dieses Alles und Nichts. Viel dachte ich darüber nach welche Unterschiede es zwischen dem Radfahren und dem Wandern gibt und ob das wahre Pilgern nicht doch das Gehen darstellt. Aber ich wusste es nicht abschließend, hatte “nur” immer wieder den Impuls einfach bis nach Santiago weiterzulaufen, mein Fahrrad den Fügungen des Universums anzuvertrauen und schlichtweg zu sein. Aber tut es etwas zur Sache? Das Leben spielt einem immer wieder Streiche, in welche Richtung soll man gehen, ja, in welche Richtung soll man gehen? Wie viel darf man Gott anvertrauen oder wie viel kann man ihm gar nicht anvertrauen? Wieder Fragen über Fragen über Fragen.

ZAP-BOOK – 100% Recycled / ‚La petite voice‘ – Mittwoch, 07. Februar 2024

08:33 Uhr – Zarautz
Zarautz mit dem größten Strand im Baskenland, jeden Sommer gibt es hier Surfwettbewerbe und aller Voraussicht nach ist die Stadt sehr von Touristen und Sporttreibenden bevölkert. Ich freue mich sehr auf den Tag, viel Zeit werden wir am Wasser verbringen, es ist Segen für meine Seele, ich gehe auf und fühle die Geborgenheit. Ich trinke Kaffee, wir aßen die vier Stücke des “Yellow Deli”-Muffins und unterhielten uns mit Kristia aus Brest. Sie ist mit ihrem Auto an der Küste unterwegs, wir sind alle mit unseren Rucksäcken an den Küsten dieser Welt unterwegs. In unserem Zimmer hat ein Surfer geschlafen, das Brett liegt auf dem Boden, er ist braungebrannt und hat lange Haare.

Deba – Donnerstag, 08. Februar 2024

18:08 Uhr – Deba
Der Wind bläst und die Nase läuft.

„Eternal Love“ – Freitag, 09. Februar 2024

Ich wünsche mir, dass Pamplona nicht zu meinem Santiago wird. Morgen trennen sich die Wege von Ma. und mir vorläufig wieder. Was wird das Morgen bringen? Was bringt das Jahr 2024? Wo werden sich unsere Wege in der Zukunft kreuzen? Wer bin ich in Wirklichkeit am tiefsten Punkt in meinem Innen? Wohin verschlägt es mich? Was wird nach Santiago?

Ich höre “Eternal Love” von Steve Morgan.

15:20 Uhr – Pamplona
Jede Seite ist ein neues Abenteuer. An meinem Geburtstag werde ich in Cee aufwachen, beten und einen Kaffee trinken.

Der Camino Francés – Samstag, 10. Februar 2024

15:20 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Am Morgen bin ich um 08:30 Uhr von dem Hostel losgefahren. Mittlerweile ist Pamplona bereits weit entfernt. Um 14:00 Uhr bin ich bereits in der städtischen Unterkunft in Estella angekommen. Recht viele Pilgerherbergen auf dem Weg haben um diese Jahreszeit noch geschlossen. Beim Frühstück wusste ich, dass ich nicht den Camino del Norte sondern den Camino Frances fahren werde. Tatsächlich weiß ich nicht so recht, warum ich diese Entscheidung getroffen habe. Aber mittlerweile fühlt es sich gut und richtig an.
Mein Bauch ist noch nicht in Gänze wieder in Ordnung. Das bereitet mir etwas Sorgen, ich möchte nicht sehr lange an einem Platz verweilen, die Ferne ruft mich, aber wie schnell und wie aufmerksam bin ich für die Kleinigkeiten am Wegesrand?

20:48 Uhr
Ich liege seit guten zwei Stunden im Bett und bin sehr erschöpft. Außer mir gibt es glaube ich noch drei oder vier andere Leute. Ich habe gegen 16:00 Uhr eine gute Portion Nudeln mit Tomatensoße und Knoblauch, einer Gurke und einem halben Baguette gegessen. Meine Beine sind müde. Ich spüre die Anstiege des heutigen Tages und die Wegebeschaffenheit. 50 Kilometer auf Mountainbikestrecken sind nicht 50 Kilometer auf der Straße. Ich habe Schwierigkeiten damit, so weit von Ma. entfernt zu sein. Ich vermisse sie, heute morgen um 08:25 Uhr haben wir uns das letzte Mal umarmt, geküsst, in die Augen geschaut, berührt, geredet. Wir haben seitdem geschrieben – aber das ist nicht das Gleiche. Die Route stellt mich auf die Probe. Ich bin froh aus Pamplona gefahren zu sein, ich dachte dort zu versacken. Jeden Morgen gibt es diese Aufbruchsstimmung. Es ist etwas Großes diese Energie zu spüren, die es auf dem Weg gibt. Sie fängt vermutlich bereits in der Nacht an, da jeder noch schläft, doch ist spätestens dann präsent, wenn die ersten gegen 06:00 Uhr aufstehen, ihre Rucksäcke fertig packen und die Unterkunft verlassen. Hier hängt ein Schild an der Türe, dass die Unterkunft zwischen 05:00 und 08:00 Uhr verlassen werden muss. Ich habe heute ein englisches Exemplar von „Vom Träumen und Wachsen“ in einem Bücherregal ohne Bücher gelassen. Vielleicht findet es ein anderer Mensch. Sieben Exemplare nahm ich mit auf diese Reise und sieben Exemplare werde ich auf dieser Reise loslassen. Soll es überhaupt sein, dass ich in Santiago de Compostela ankommen werde? Was verspreche ich mir davon? Was wird meine nächste Fahrradtour sein? Über mir steht: „Lo importante. No és el destino, és el Camino.“ auf dem Lattenrost des über mir liegenden Bettes. Viel darf ich noch lernen in diesem Leben. Gestern kam JM in die Unterkunft, gemeinsam mit Ma. gingen wir in die Markthalle in Pamplona und zum Supermarkt, es war in Ordnung, aber irgendwie fühlte sich die Atmosphäre merkwürdig an. Er kommt aus Deutschland, ich spürte, dass er sehr tiefe Themen mit sich trägt, dass es vieles gibt, was sich zwischen ihm und dem natürlichen Fluss des Lebens befindet. Ist es bei mir ähnlich? Ich war etwas froh, als Ma. und ich in ein Café gingen, und sich die Wege von JM und mir beziehungsweise uns wieder trennten. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch ein guter Mensch ist. Trotzdem muss ich mehr und mehr lernen, auf meine eigene Stimme zu hören, es anderen nicht recht machen zu müssen und einfach ich selbst zu sein. In dem Café in Pamplona an dem Holztisch gemeinsam mit Ma. spürte ich dieses angenehme Gefühl des Lebens, des Seins, des Austausches und meines Herzens. Ich blühte auf und dachte mir, dass dieses Leben ausgesprochen schön sein kann.

Gerade habe ich ein paar Artikel über die Gemeinschaft „Die zwölf Stämme“ gelesen. Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Warum werden bestimmte Gruppen durch die Medien und die Gesellschaft abgestraft? Definitiv gibt es kontroverse Punkte in der Gruppe, aber diese gibt es ebenso in unserer Gesellschaft. Vermutlich ist es nicht per se die Antwort sich abzuschotten und vor den Problemen dieser Welt in die Obhut von Gleichgesinnten zu flüchten. Aber die Menschen in der Gemeinschaft opfern sich für das Wohl ihrer Nächsten auf, sie sind tugendhaft und fleißig, herzlich und hilfsbereit. Leider ging es nicht, dass Ma. und ich am Monte Ulia oder um Zarautz bei ihnen übernachteten um sie kennenzulernen. In beiden Fällen wurde am Telefon kurzfristig die Auskunft erteilt, dass sie Grippe haben. Das Restaurant „Yellow Delhi“ allerdings war sehr lecker, die zwei Leute die ich kennengelernt habe waren sehr freundlich und offen. Sicherlich gibt es immer Schattenseiten im Leben und vermutlich bin ich manchmal zu naiv, sehe einzig das Gute und möchte das Schlechte nicht wahrhaben.

Am Mittag fuhr ich an einem Pärchen vorbei, die am Wegesrand an eine Mauer gelehnt an einem sehr schönen Ort in der Sonne saßen und aßen. Ich grüßte sie, doch da war diese merkwürdige Energie zwischen uns. Mit dem Fahrrad komme ich schneller als andere Pilger zu Fuß, manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mich auf einer anderen Ebene bewege. Viel darf ich also noch lernen. Morgen früh soll es sehr kalt werden, um die 3 Grad, vermutlich werde ich bei Dunkelheit die Herberge verlassen. Acht Euro finde ich ausgesprochen okay, es gibt eine Küche mit den wesentlichen Angeboten, Strom, eine Matratze, ein Kissen, Einwegbezüge (leider aus Plastik), Toiletten und Duschen mit heißem Wasser. In den Gängen und im Eingangsbereich hängen Fotografien vom Weg, von Pilgerinnen oder Pilgern, vorwiegend ältere Menschen, sie sind sehr inspirierend. Was werde ich in dieser Nacht träumen? Wohin wird mich mein weiterer Lebensweg noch verschlagen? Wann werde ich das „UNRUHE / ZUMUTUNGEN“-Exemplar von “Perpetuum Publishings” in der Hand halten? Es bleibt spannend. Morgen geht es weiter in diesem sonderbaren Leben, in diesem kosmischen Spiel, in dem wir alle eng miteinander verflochten sind und wachsen.

Vollkornsticks mit Pflaumenmarmelade – Sonntag, 11. Februar 2024

20:42 Uhr – Nájera
Mehr und mehr komme ich an als Pilger, als Mensch, als Seele in der Gemeinschaft. Gestern in der Unterkunft bot ich dem Südkoreaner Nudeln und eine frische Tasse Tee an. Dankend nahm er sie an. Ich tat das nicht weil ich es musste, sondern weil es sich richtig anfühlte und vielleicht weil ich der erste Reisende des Tages in der Herberge war. Wieder befinde ich mich im Sattel. Pamplona da ich erst gestern morgen noch Ma. küsste und umarmte ist Welten entfernt. Es erscheint mir surreal. All die Eindrücke prasseln auf mich ein. Das Fazit meiner ersten zwei Tage Radfahren ist sehr positiv. Einzig der Gegenwind und die kühlen Temperaturen können sich verändern. Die Leute sind freundlich, oft werde ich gegrüßt. Das einheimische Essen in Form von Paella lernte ich vorhin hier in der Pilgerherberge kennen. Dank gebührt Andrés aus Extremadura, der hier gemeinsam mit Maggi als Freiwilliger arbeitet. Mein Bauch ist noch nicht wieder zu 100 Prozent gesund. Heute startete ich in der Dunkelheit in Estella um 07:25 Uhr. Ich verließ als erster den Ort. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das auf der Tour passieren wird. Ich hielt es nicht länger aus, mich zog es auf den Camino. Schön war es in der Morgendämmerung langsam warm zu werden. Vor 08:00 Uhr trank ich aus meiner linken Handfläche einen Schluck Wein aus einem Brunnen. Den gibt es an der Weinkellerei “Fuente de Irache”. 100 Liter Wein werden den Pilgernden dort täglich zur Verfügung gestellt. Vielleicht hat mich der Alkohol getragen. Ich hatte einen Tagesschnitt von 11,1 km/h. 79,5 Kilometer habe ich zurückgelegt. Dazwischen gab es immer wieder Passagen, auf denen ich schieben musste. Ich nahm zu 95 Prozent den offiziellen Camino, der allerdings weit mehr für Mountainbikes geeignet ist. Lange musste ich dem Gegenwind trotzen. Dann am Vormittag noch Matsch auf den Feldwegen, der sich unter das Schutzblech am Hinterrad hängte. Er trocknete dort und blockierte zu einem gewissen Teil den Mantel. Aufgeben wollte ich nicht. Ich wollte allerdings auch nicht in Logroño schlafen. Also lehnte ich das Angebot von vier Pilgernden in Viarna ab, die zu einem Café gingen und mich einladen wollten. Wir trafen uns kurz in der Kirche der heiligen Maria, ein älterer Herr kam um uns den Stempel zu geben. Aus einem mir nicht näher ersichtlichen Grund waren es dann allerdings zwei Stempel. Logroño war schön. Rund vier Kilometer davor machte ich an einem Platz Pause, aß die Pasta und Tomatensoße aus meiner Vesperdose fertig auf, dazu Vollkornsticks mit Pflaumenmarmelade, Datteln und eine süße Orange. Danach schwang ich mich wieder auf den Sattel, es ging einen leichten Hügel hinauf, plötzlich war da Natalia mit ihrem 29 Zoll Mountainbike neben mir. Wir redeten auf spanisch, sie begleitete mich ins Zentrum der Stadt, gab mir ein paar Datteln, erzählte, dass sie vor 22 Jahren von Uruguay nach Logroño kam und mittlerweile die doppelte Staatsbürgerschaft hat. Ich fuhr oder vielmehr schob durch das Zentrum der Stadt, viele Menschen gingen durch die Gassen über die Pflastersteine, ich wollte in die Kirche gehen, doch eine Weihrauchwolke schlug mir entgegen, es war Gottesdienst und so zog ich weiter. Ein Flohmarkt irgendwo – am Abend erfuhr ich in einem Telefonat mit Ma. die am Vortag in Pamplona antike Briefmarken gekauft hatte, dass der Standinhaber aus Logroño kommt und dort auch sonntags anzutreffen ist. Ich verließ die Großstadt auf gut ausgebauten Radwegen, es gab Parkanlagen und Spielplätze, Ältere, Familien, Freunde und Bekannte gingen umher oder saßen auf Bänken. Es war ein angenehmes Gefühl ihr Zeuge zu sein und ich begriff wieder einmal, wie wichtig eine gute und durchdachte Infrastruktur für die Menschen ist.

Zwischen Belmondo und Saura – Montag, 12. Februar 2024

13:22 Uhr – Kurz hinter Belorado
Ich habe Bauchschmerzen und sitze auf einer Holzbank in der Sonne. Der Ort ist nur semi-schön. Hinter mir verläuft eine mittelmäßig befahrene Straße. Aber die Bank, die öffentlich nutzbare Toilette und die Tankstelle mit Kaffee und Snacks kam genau zur richtigen Zeit. Knapp 50 Kilometer habe ich zurückgelegt, werde ich es bis nach Burgos schaffen?

Ein paar Regentropfen gab es am Vormittag, wieder Gegenwind, unmittelbar nach dem Losfahren eine traumhafte Landschaft mit besonderen gedeckten Farbtönen. Weinreben, rot-sandige Gesteinsschichten, weite Blicke am Horizont und schneebedeckte Berge. Die Nacht war ruhig, vielleicht hatte ich einen glasklaren Traum, ich weiß es nicht mehr. Immer wieder passierte ich Pilgernde, ja, auf dem Rad ist man in einem anderen Tempo unterwegs. Dann kam ein Golfplatz in Cirueña, ein schrecklicher Ort, ein rießiger Ein- und Mehrfamilienhauswohnkomplex mit über 90 Prozent heruntergezogenen Rollläden. Im erschlossenen Wohngebiet vorwiegend Gras. Wer plante einst diesen Ort auf dem Reißbrett, wer investiere Millionen und wer setzte um? Was bedarf es, um diesen Ort attraktiv zu machen? Ich begreife, dass das keine “normale” Radtour ist. Sicher, jede Radreise ist einzigartig, ist ein Abenteuer für sich, aber der Jakobsweg ist auf eine gewisse Art anders. Nicht immer ist dieser besondere Geist spürbar. Aber unweigerlich ist er präsent. Jetzt ziehen hinter mir die Traktoren vorbei, die die Straßen blockieren und die Luft verpesten. An einem Abschnitt auf einem leicht gekiesten Feldweg parallel der Straße überholte ich den ganzen Tross von 50 bis 60 Fahrzeugen. Ich sehne die ruhige Landschaft herbei, hoffe, dass ich bald wieder in der Stille der Natur bin und einfach sein kann.

19:52 Uhr – Kurz vor Burgos auf dem Matagrande bei Atapuerca
Ausgesprochen kalt ist es. Ich habe es mir hier im Freien auf dem Boden bequem gemacht. Die Hauptsache ist, dass ich einen gefüllten Magen und immer noch einen großen Apfel, eine Banane und gute 100 Gramm Datteln habe. Vorhin aß ich als Vorspeise gekochten Apfel und Orange – auf dem Spirituskocher erhitzte ich Wasser, tat einen Teebeutel Minze dazu und fügte das geschnittene Obst bei. Einen Großteil des Wassers füllte ich mir in die Thermoskanne ab. Danach aß ich vier oder fünf Knoblauchzehen mit der geschnittenen Ochsentomate und dem klein gerupften Maisbrot. Es schmeckte vorzüglich. Wie kommt es, dass ich nun hier in der Kälte auf einer Plastiktüte, dem Regenschutz meines Rucksacks und ein paar schmutzigen T-Shirts liege? Ich weiß es nicht so recht. Ich wollte bis nach Burgos, doch es war bereits 17:00 Uhr wie ich in Atapuerca nach links von der Straße abbog und den offiziellen Schildern des Weges folgte. Dann ging es einen steinigen Weg rechts neben militärischem Sperrgelände nach oben. Ich war bereits sehr müde und mein Magen war seit dem Mittag etwas lädiert. Vier oder fünf Mal musste ich mich erleichtern, der Durchfall war recht stark. Ich sage mir, dass es mein Körper ist, der sich erleichtern muss und der sich reinigte. Der Tag an sich war schön, facettenreich und ellenlang. Immer wieder gibt es Passagen mit spirituellen Sprüchen à la: “Loose your mind to find your soul!” am Wegesrand. Ich tue mir noch schwer damit die richtigen Pausen zu machen. Vorhin gegen 16:00 Uhr in San Juan de Ortega hätte ich aller Voraussicht nach eine Unterkunft finden können. Aber das Etappenprofil bis Burgos sah nicht zu anspruchsvoll aus, gute 20 Kilometer, bis 18:30 oder 19:00 Uhr wäre es realistisch gewesen. Doch meine Beine waren schwer, auch heute ging es immer wieder bergauf, bis ab Villafranca Montes de Oca dann auf 1.153 Meter Höhe. Ich schob kontinuierlich. Früher hätte ich das als No-Go tituliert. Aber mittlerweile geht es mir um das Fortbewegen. Im Hintergrund höre ich Stimmen. Wo ich hier gelandet bin ist eine sehr intensive Stimmung. Ein wahrer Kraftort. Über mir der Sternenhimmel, dann die frische Neumondsichel. Knapp 100 Meter entfernt ein alter Steinkreis. Was mache ich aus meinem Leben? Zwei unbefristete Verträge habe ich gekündigt, doch für was – ja, für was? Kalt ist mir noch nicht so wirklich außer an meinen Füßen. Meine Beine sind mit Boxershorts, der langen Unterhose, der langen Jogginghose und der Regenhose recht gut geschützt. Oben trage ich ein kurzes und ein langes Funktionsshirt, das Longsleeve, den Kapuzenpulli aus Marseille, zwei Sherpa-Oberteile und meine Patagonia-Regenjacke. Freilich ist es ein Abenteuer. Aus irgendeinem Grund setzte ich meine häufigeren Gedanken meine Haare ganz kurz zu schneiden oder vielmehr zu rasieren vorhin in die Tat um. Es gelang mir mehr schlecht als recht. Vermutlich hätte ich die Smartphonekamera als Spiegel verwenden können, doch das wäre mir dann doch zu kompliziert gewesen. Am Rasierer überprüfte ich den Akkustand – ein grüner Balken, alles gut, ich öffne den Trimmer und fange mit der Arbeit an. Doch er verhakt sich immer wieder, nach recht kurzer Zeit löst sich die Klinge, die Akkuanzeige leuchtet rot. Plan B muss also her. Gut, dass ich die Klinge meines grünen Opinel-Klappmessers in Ecuador habe schleifen lassen. Das Messer habe ich vor Ewigkeiten einmal gefunden. Seitdem leistet es mir treue Dienste. Also nehme ich ein Büschel Haare in die Hand und säble mit der Klinge. Das Resultat ist glaube ich mitteldürftig. Vermutlich werden die anderen Menschen morgen vor Schock erstarren, wenn ich vor dem Betreten der Kathedrale von Burgos meine Mütze abnehme. Ich bin gespannt, was die Nacht bringt. Fahre ich vor etwas davon? Unweigerlich wird es mich früher oder später einholen, ich nehme mich überall hin mit. Aber im gegenwärtigen Moment bin ich hier unter den Myriaden von Sternen glücklich. Auch wenn im Hintergrund die Auto-…

Verheißungsvoller Buddha-Traum – Samstag, 17. Februar 2024

16:43 Uhr – O Cebreiro
Nun sind es noch rund 160 Kilometer bis zum (vorläufigen) Ende. Ich bin recht erledigt nach den Strapazen des Tages. Um 07:45 Uhr startete ich in Ravena. Marina konnte ich leider nicht wiedersehen. Gestern war der Tag mit Ma., Martina und Marina. Am gestrigen Morgen verließ ich León. Dort frühstückte ich noch gemeinsam mit Matthias aus Nürnberg. Er nimmt sich mehr Zeit für das Kulturelle, steigt immer wieder in den Bus für einzelne Abschnitte, doch hat als Ziel auch Santiago im Kopf, im Herzen oder in der Seele. Das Verlassen Leóns war in Ordnung, es war gut beschildert (mehr oder weniger), irgendwann bog dann ein Feldweg links von der Straße ab. Es ging leicht bergauf und gute zweihundert Meter vor mir sah ich einen Radfahrer. Just da ich “ihn” sah wusste ich, dass es Martina ist, die ich in Pamplona kennengelernt hatte. Ich hätte vermutet, sie erst zwei oder drei Tage später auf dem Weg zu treffen. Gemeinsam fuhren wir gute fünf oder sechs Stunden. In Santa Catalina de Somoza trennten sich unsere Wege. Ich mochte die gemeinsame Zeit mit ihr, sie ist sehr inspirierend, attraktiv und eine starke besondere Persönlichkeit. Am Ende hat sie mir Fernradwege in Italien wie den Aidaweg empfohlen. Immer noch die Frage was ich aus meinem Leben mache. Bin ich ein Landstreicher? Wohin wird mich mein unstetes Leben letztlich verschlagen? Gestern Abend mit Marina wünschte ich mir die Nacht mit ihr zu verbringen. Nicht unbedingt mit ihr zu schlafen, sondern um ihre Energie und ihren Körper zu spüren, um sie zu berühren und sie zu küssen. Sie war sehr lebendig und herzlich. Vielleicht ist sie der Grund, weswegen ich jetzt das kleine Bier no. 3 auf meinem Tisch stehen habe. Heute fuhr ich 90 Kilometer und bewältigte um die 2.000 Höhenmeter. Es war keine einfache Etappe, es stellte mich auf die Probe, doch jetzt bin ich froh, wenn nicht sogar glücklich, dass ich hier auf der Höhe auf 1.300 Metern angelangt bin. Die kommunale Unterkunft kostet 10 Euro. Ich finde, dass es ein angemessener Preis ist. Verlassen mich meine Kräfte jetzt? Der Alkohol löst meine Anspannungen, meine müden Beine und meinen erschöpften Körper. Ja, ich muss weiter. Das weiß und das spüre ich. Und gleichzeitig gibt es einen gewissen Stolz in mir es bis hierher geschafft zu haben. Gute 1.300 Kilometer sind es mittlerweile seit Marseille. Die legen sich nicht ohne Weiteres zurück. Was wird mich an den kommenden Weggabelungen erwarten? Ich darf vertrauen. Ich bin in Verbindung mit den Spirits. Ich bin geborgen im Universum. Alles ist gut. Ich glaube, dass ich betrunken bin.

20:31 Uhr
Nun bin ich also in der Unterkunft angekommen. Die letzten Stunden waren sehr aufreibend. Ich habe Lee kennengelernt, wir haben uns gute drei oder vier Stunden unterhalten. Vorhin am Tisch dachte ich zeitweise, dass mir Osho oder Krishnamurti gegenüber sitzt. Er sprach die Wahrheit, es war die Weisheit. Nach dem Verlassen des Cafés telefonierte ich mit meiner Schwester – es war ein schönes Gespräch – und wieder vertrat ich mir die Beine. Ich ging etwas auf dem Camino zurück um abseits der Stadt in der Natur zu sein. Nach einigen Schritten ruhte am Wegesrand ein Mann. Zunächst dachte ich es sei ein Italiener, der gerade etwas geraucht hatte. Wir nickten uns zu. Irgendwann kehrte ich zurück, unsere Blicke trafen sich wieder, das Telefonat mit meiner Schwester neigte sich dem Ende zu und schon stand Lee neben mir, wir unterhielten uns, es war eine Begegnung, die das Universum arrangiert hatte. Er erzählte mir von seinen Caminos, von seinem einst „normalen“ Leben als Angestellter in den Niederlanden und von seinem Buddha-Traum. Dort wurde er auf die andere Seite von einer Linie gesetzt. Die Bedeutung davon? Dass er seinen Job und seine Wohnung kündigte und anfing zu laufen. Erst nach Paris und dann bis nach Santiago (nachdem ihm in der französischen Hauptstadt von dem Jakobsweg erzählt wurde). Er hat eigentlich fast gar kein Gepäck. Eine kleine Decke. Heute Nacht schläft er draußen. Früher hat er ein Zelt gehabt. Nun sieht er die Kälte als Übungsfeld an, seiner Angst zu begegnen. Aus ihm sprach so viel Weisheit. Seine Augen funkelten. Andere mögen sagen er sei verrückt, doch er ist einzig er selbst. Ich komme wieder hinein in den Schreibflow. Ich weiß nicht, ob es etwas mit der Nähe zu Santiago zu tun hat. Es ist eine Reise ins Ungewisse. Was kommt morgen auf mich zu? Was wenn ich Santiago erreicht habe? Wohin wird es mich letztlich verschlagen? Was bringt die Zukunft? Tief in mir trage ich das Urvertrauen, dass alles seinen tieferen Sinn hat. Ich bin als Kind des Universums in diesem ewiglichen Kosmos geborgen. Alles ist gut. Alles ist heilig. Ich bin im Reinen mit mir selbst. Ich denke an Marina.

Im Auenland – Sonntag, 18. Februar 2024

Kurz nach 21:00 Uhr
Jetzt habe ich es tatsächlich fast geschafft. Ich bin nicht nur in Galizien, nein, die Kilometersteine am Rand zeigen inzwischen eine Anzeige unter 100. Genauer gesagt 68,… Ich bin nicht betrunken, doch habe etwas Wein intus und geraucht. Das Wichtigste ist es meinen Spirit zu schützen. Ich muss einfach mit den höchsten Geistern fliegen. Alles kann, nichts muss. Das Abendessen war gut. Ich habe viele Nudeln mit Tomatensoße und Gewürzen als auch Knoblauch gegessen. Wie viele Menschen gingen diesen Weg bereits? Was passiert mit mir im Morgen? Was wird aus der Beziehung zwischen Ma. und mir? Noch am Morgen startete ich um 07:45 Uhr in O Cebreiro. Es war gut, doch mittlerweile ist es auch schon wieder eine Wellenlänge entfernt. Ich darf mich darauf freuen, dass ich am Dienstag das Meer sehen werde. Ich bin in Verbindung mit all den höheren Mächten. Ich bin ein Kind des Universums. Von Simone habe ich ein paar Züge aus dem Joint genommen. Jetzt ist es ein angenehmes und gelöstes Gefühl. In einer Ortschaft wurde ich fast von einem Hund aufgefressen. Er stand mitten auf der Straße, war groß wie ein kleines Kalb und bellte. Ich wollte mich nicht mit ihm anlegen, aber er sprang immer wieder an mein Rad. Ich versuchte ihn an die Hauswände zu drängen. Letztlich, nach 200 oder 300 Metern, blieb er dann zurück. Was werde ich morgen in Santiago de Compostela in der Kirche anziehen? Dann bin ich ein 34 Jahre alter Mann…

Meine Wegbegleiterinnen – Dienstag, 20. Februar 2024 – Cee

17:45 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Jetzt bin ich angekommen in Cee, ein großes Ziel, fast noch ein Bisschen größer als Santiago de Compostela vermutlich. Ich sitze hier am Strand, bin mit dem Wasser verbunden, blicke auf das Meer, bin ein Teil von ihm. Vermutlich wird es die nächsten Wochen mein Begleiter sein. Die Wellen sind meine Begleiterinnen. Froh bin ich angekommen zu sein, die meisten Pilgernden die ich kennengelernt habe kehren ab Santiago oder Finisterre wieder zurück an ihren Wohnort.
Kai ist weit entfernt – auch wenn wir uns erst gegen Mittag getroffen haben. Er hat von der Ähnlichkeit Cees zu Bergen, von seinem Haus in Valencia und dem in Norwegen, von seinem Porsche 911 und seiner Tätigkeit als Lehrer an einer norwegischen Schule in Spanien erzählt.
Wie wird es morgen weitergehen? Ich bin am überlegen ob es Sinn macht nach Portugal weiterzuziehen. Hat nicht jede Pilgerreise unweigerlich ein Ende? Wohin führt mich mein weiterer Weg? Wie oft werde ich noch aufstehen und losziehen?
Wieder Fragen über Fragen…

„A Carreira“ – Donnerstag, 22. Februar 2024

17:06 Uhr – Negreira
Die Wege verändern sich, unsere Herzen mögen zwar im Einklang schlagen, doch wir fuhren in die entgegengesetzten Richtungen. Wir verloren uns nicht, wir fanden uns in den Unorten und plagten uns. Ich sitze in einem Café unmittelbar im Zentrum der Stadt Ecke Rúa do Carme / Rúa da Cachursa mit dem Namen „A Carreira“ und ich weiß nicht, wie viele Menschen ihr Glück auf dem Jakobsweg gesucht und gefunden haben mögen. Seit einer gefühlten Ewigkeit schreibe ich wieder und es fühlt sich sehr gut an. Mein Fahrrad befindet sich in der Unterkunft, es tut gut es nicht unmittelbar bei mir stehen zu haben. Soll ich morgen weiterfahren? Dieser Morgen war recht anstrengend, es gab viel Wind mit Böen von bis zu 80 km/h und immer wieder Regenfälle. Ich überlegte den Bus nach Santiago de Compostela zu nehmen oder alternativ länger in Muxia zu bleiben. Doch wie bei dem Gefieder des Vogels bedarf es dem freien Flug in der Luft, damit er lebendig bleibt.

Wieder habe ich unzählige Gedanken im Kopf über das Pilgern, die Liebe, die Verbundenheit. Vielleicht sind all die Dinge am Ende des Tages auch ähnlich. Das Schreiben in Südamerika war ein anderes. Aber nun befinde ich mich hier und morgen möglicherweise auch schon wieder an einem anderen Ort. Ja, ich kann in meinen Texten versinken. Die Tage auf dem Sattel tun mir gut. Es sind keine langen Sommertage, vielmehr von 08:00 bis 15:00 Uhr. Eventuell auch ein oder zwei Stunden länger. Was wird mich in Portugal erwarten? Ich glaube nicht, dass ich mich in meinem Leben bereits so lange am Stück in der Natur aufgehalten habe. Eines Tages muss ich nach Muxia zurückkehren und Meeresfrüchte essen. Wobei ich nicht weiß, wie gut die Qualität der Ozeane und ihrer Lebewesen noch ist. Gestern war ich an zwei oder drei Stränden, an dem einen gab es recht viel Mikroplastik und an dem anderen befand sich ein toter Fisch (eventuell ein Thunfisch). Was ist die Essenz des Pilgerns letztlich? Wohin verschlägt es uns am Ende des Tages? Wann werde ich Ma. wiedersehen? Was bringt die Zukunft? Wo ist Marina jetzt? Was ist mir am Wichtigsten? Welche Melodie singt mein Herz? Wie viele Sterne stehen an dem Himmel über meinem Haupt? Welche Vögel durfte ich heute beobachten? Wann wieder Kolumbien? Wann Ecuador? Was ist das Fundament? Vor dem Fenster auf dem Gehweg eine digitale Anzeigetafel mit dem Titel „Camino Fisterra – Muxia“.

19:02 Uhr
Ich denke darüber nach, was mir von Galizien in Erinnerung bleiben wird und was davon ich teilen möchte. Eine Woche werde ich in dieser autonomen Gemeinschaft Spaniens gewesen sein. Der Beginn war hügelig, die Häuser aus Steinplatten gegen die Witterungen konstruiert, die Landschaften ein Traum. Viel Wasser, feuchte Böden, saftig-grüne Wiesen, die Felder zerstückelnde mäandrierende Mauern, Kühe, Schafe, Katzen, dampfende Kamine, von Tau bedeckte Grashalme, kontinuierliche Hügel, herzhaftes Essen, eine in meinen Augen dem Baskischen ähnliche Sprache, positive Energien, Friede und Ackerbau. Galizien das Hobbitland, der Quell des Wachstums, die Oase meiner Seele. Ist es mir möglich auf einer Pilgerreise an einem Ort dauerhaft verweilen zu wollen? Was kommt  nach Galizien? Wie oft wird mein Herz in meinem Leben noch schlagen?

Mein Kopf ist aufgeräumt, wenngleich etwas leerer. Seit gestern lese ich wieder Gagarins „Der Weg in den Kosmos“. Wohin wird es mich verschlagen? Richte dich auf, erinnere dich an den doppelten Regenbogen, den du vor ein paar Minuten gesehen hast und sei zufrieden mit dem Menschen der du bist. Welchen Eindruck wirst du auf dieser Welt hinterlassen, was wird dir die Zukunft bringen? Der Moment ist perfekt, die Geschwindigkeit ist in Ordnung, alles ist gut.

22:15 Uhr
Bereits jetzt schon kommt mir die Reise wie ein endlos langes Abenteuer vor. Immer mehr löse ich mich auf und finde mich in der Gemeinschaft, in der Begegnung, in der Natur. Das Vorwärtskommen verleiht mir Flügel, es lässt mich lebendig sein und bis auf den tiefsten Grund meiner Lunge atmen. Ich bin angekommen und gleichzeitig spüre ich, dass es noch wichtig ist, weiterzuziehen. Wir sind alle Menschen, alle eins im Kern, alle Liebe, alle Licht. Dort unter der Sonne und unter den Sternen ist mein Zuhause. Wünsche gehen unweigerlich in Erfüllung. Diese Reise ist kein Wettrennen. Es gibt keine Konkurrenz. Seite an Seite bewegen wir uns kontinuierlich in Richtung des gleichen Ziels. Wir werden angetrieben von einer unsichtbaren Kraft. Diese lässt uns über uns selbst hinauswachsen. Es gibt weder Abgehängte noch Verlierende. Eine perfekte Abfolge stellen wir dar mit einem jedem unserer Schritte. Unsere Herzen schlagen im selben Takt, unsere Atemzüge formen ein unsichtbares Gemälde der zeitlosen Schönheit. Unser Geist bahnt sich fortwährend gen Zukunft um dort das zu erschaffen, was noch nicht geformt ist. Am Montag, den 22. Januar 2024 begann meine Reise, im TGV nach Marseille betrug die Höchstgeschwindigkeit 314 km/h. Auf meiner Strecke heute von Muxia bis nach Negreira hatte ich einen Schnitt von 11,5 Kilometern. Juri Gagarin flog mit 28.000 km/h um unseren blauen Erdenball. Doch ist es letztlich von Bedeutung, wie schnell wir uns bewegen? Wenn ich ins Remstal zurückkommen werde, dann wartet dort die Schreibmaschine samt dem „Les Planes“-Puzzle auf mich. Habe ich einen Fehler gemacht? Habe ich in der Vergangenheit die wesentlichen Dinge auf die leichte Schulter genommen? Ich weiß es nicht… Eventuell mit der Grund, warum ich wieder losgezogen bin, um mein Glück auf der Straße zu finden. Und ja, ich fand es auf einem jedem einzelnen Abschnitt, in einem jedem Austausch des Blicks, in jedem Tier, im roten Milan, im Flamingo, im doppelten Regenbogen, im Rauschen der Wellen, im Wiedersehen mit Martina, in Marina, in Peter mit seinen zwei Hunden Bogen und Pfeil, in Lee mit seinen Tai-Chi-Schuhen, in Simone und dem Rotwein, in Michael und seinen Erzählungen vom Atlas-Gebirge, in Christoph aus Lourdes und in Thomas, in Juan aus Argentinien und in dem gemeinsamen Camino del Norte mit Ma. Zarautz, Irún, Arles, Carcassonne oder Logroño – Ewigkeiten entfernt.

Das Kreuz der kanarischen Inseln – Samstag, 24. Februar 2024

20:31 Uhr – Vigo
Nun bin ich in einer weiteren galizischen Unterkunft. Vermutlich in der letzten bis auf Weiteres. Morgen geht es nach Portugal. Vorausgesetzt, mein Fahrrad macht es mit und es regnet nicht zu stark. Heute war ein sehr intensiver Tag. Noch am Morgen redete ich mit Gustavo aus Vejer de la Fronterra, wir hatten die Kontakte ausgetauscht, dann ging ich dort in ein Café, saß mit Kiki und Carlos an einem Tisch, wir unterhielten uns ein Bisschen auf spanisch, im Hintergrund lief im Fernsehen so etwas wo Autos im Gelände fahren. Ein älterer Herr kam herein, er verkaufte selbst hergestellte Ketten, die mir ausgesprochen gut gefielen. Ich erwarb eine oder vielmehr zwei – man kann sie ineinandersetzen, es gibt den äußeren und den inneren Teil der Pilgermuschel. Einen für Ma. und einen für mich. Dann nach dem Verlassen des Cafés stand am Himmel der Vollmond. Es war ein von Nebelschleiern und sanften Dunstwolken verhangener Vormittag abseits von Straßen. Ich verliebte mich in die Strecke und genoss die Natur. Dann an einer Stelle an der ich langsam fahren musste stand eine Gruppe mit etwa 20 Personen. Sie machten ein Foto, ich fragte, ob ich eines von ihnen machen solle, sie lachten viel, dann meinten sie, ich solle mit drauf, sie machten ein Foto von meinem Rad und mir, dann standen wir noch zu fünft oder zu sechst. Sie fragten mich etwas aus über die Tour, wir redeten, dann meinte die eine von ihnen sie hätte noch ein Geschenk für mich. Sie überreichte mir ein selbst gemachtes Holzkreuz und ich war so berührt von diesem Moment. Ich war ergriffen, mir kamen die Tränen, plötzlich standen wir dort alle und weinten und lachten. Etwas löste sich in mir, die ganze Gruppe hielt mich, ich konnte mich fallen lassen und losgelöst sein. Es war ein intensiver Moment der Heilung. Glücklicherweise fragte mich eine Frau nach meiner Nummer, wir verbanden uns digital und sie übersendete mir die Fotos. Danach fuhr ich langsam, doch immer wieder kullerten die Tränen, so viele Emotionen, so viel Energie. Wieder wusste ich ganz klar, aus welchen Gründen ich diese Tour mache. Die anderen Menschen, die Begegnungen, diese einzigartigen Momente der Kostbarkeit – egal wie vermeintlich kurz sie auch sein mochten – gaben mir etwas, dass ich lange in meinem Leben nicht hatte. Tatsächlich ist es mir ein Rätsel was im Detail auf diesem Weg abläuft. Vermutlich muss ich es auch gar nicht so genau wissen. Ich glaube, man muss es einfach selbst erleben. Nun liege ich also wieder in einem Bett in einer neuen mir unbekannten Stadt. Vigo ist ausgezeichnet, sofort habe ich mich verliebt – das Meer, die Blicke in die Ferne, die Kulisse der Hochhäuser, die Murals, der nicht genau beschreibbare Charme – schlichtweg alles lässt mich spüren, dass ich mich in die richtige Richtung bewege. Und gleichzeitig gibt es bei all den Empfindungen und Erfahrungen immer noch etwas Traurigkeit, die ganz tief in mir abgespeichert ist. Wie werde ich sie los, was mache ich mit ihr? Naja, vermutlich darf ich sie einfach annehmen und akzeptieren. Ich sollte sie nicht verleugnen oder wegdrücken. Sie hat ihre Berechtigung. Aber sie bestimmt mich nicht, sie ist nicht ich, sie ist ein Spektrum der gesamten Gefühlspalette. Morgen ist dann auch schon wieder ein neuer Tag – so viele Eindrücke, so viele Erfahrungen, so viel Neues. Nein, die Zeit kann ich nicht anhalten. Ich bin ein Fragment in diesem Universum, ich bin ich. Aber dieses Erleben des Ichs, meine Definition des Ichs ist wandelbar. Ich verfüge über den geheimnisvollen Schlüssel, mein Innen zu transformieren, in einem Moment bewusst und voller Mut jene Schritte in das unbekannte Land zu setzen und einfach zu vertrauen, dass dieser Planet ein freundlicher, guter, mir wohl gesonnener Ort ist. Und dafür bin ich dankbar. Ich halte fest, welche Menschen ich auf dieser Reise kennengelernt habe: Da wären Jude (Judith) aus Australien, 59, bezeichnet sich selbst als Nomadin, reist danach nach Gambia, Gustavo aus Vejer de la Fronterra (Spanien) mit Kiki und Carlos, hat einen Hund, der ein Influencer ist, reist gerne nach Marokko, kennt Jerusalem, Ägypten, Peru, Thailand, Indien, Vietnam, Cloë aus Südkorea, hat bei der Korea Cycling Federation gearbeitet, geht noch in die Türkei, Simone aus Bergamo, arbeitet als Barkeeper in den Dolomiten, raucht gerne, mag Rotwein und gutes Essen, Martina aus Turin, ihre erste längere Bikepackingreise, hat 10 Jahre lang in Rom als Schauspielerin gearbeitet, hat ihrem Gravelbike einen Namen gegeben, Matthias aus Nürnberg, pilgert vorwiegend aus spirituellen (religiösen) Gründen, fährt einzelne landschaftlich nur bedingt schöne Etappen auch mit dem Bus, schaut sich auf dem Weg die Museen und Kathedralen / Kirchen an, nimmt sich Zeit, hat den einzigen Roman von Rainer Maria-Rile dabei, Bernard aus Paris, bei dem vor seinem Haus ein Schild mit dem Jakobsweg steht, an welchem er jeden Arbeitstag vorbeigegangen ist. Hat im Rentenalter die Möglichkeit genutzt, sich für „längere“ Zeit auszuklinken und Zeit für sich zu nehmen. Candelaria aus Argenitinien, reiste erst in Portugal und stieß dann auf den Camino Frances, heißt wie der Stadtteil „La Candelaria“ in Bogotá. Andrés aus Kolumbien, arbeitete zunächst in einer Logistik-, Speditionsfirma in Madrid, kündigte dann seine Arbeit mit rund 4.000 Euro monatlichem Gehalt, hat einen mobilen Verkaufsstand rund 13 Kilometer vor Santiago de Compostela beim Flughafen, war den zweiten Tag des Jahres 2024 dort wie ich mit ihm redete, erzählt von monatlichen Einnahmen von bis zu acht oder neun tausend Euro. Begann langsam mit ein paar Artikeln und hat dann über die Jahre ein immer umfangreicheres Sortiment etabliert. Während wir uns unterhielten fertigte er weitere Ketten von Hand an. Hat eine Frau und drei Söhne, erzählt von seinem Traum der großen Familie wenn er älter ist. Jetzt muss er arbeiten, überall Dinero, Dinero, Dinero für die Kinder, doch wenn sie groß sind, dann hat Andrés Enkelkinder und ein glückseliges Leben. Nazaret von den kanarischen Inseln mit der Reisegruppe, die von Porto / Tui aus bis Santiago laufen, sie haben mich recht offensichtlich zu sich eingeladen. Kristia aus der Bretagne, in Zarautz im Blai Blai Hostel kennengelernt, reist mit ihrem weißen Wagen, im Kofferraum kann sie schlafen, steht morgens immer um 05:00 Uhr auf und liest in einem Tarotbuch, hatte eine Eingebung den Stimmen der Tiere zu folgen, zieht entlang der Küste am Meer. Marina aus der Unterkunft in Rabanal del Camino, kann guten Chai-Tee zubereiten, wurde vor sechs Jahren von ihrem Vater gefragt, ob sie nicht in der Herberge wohnen und für diese verantwortlich sein möchte…

A Guarda – Montag, 26. Februar 2024

12:06 Uhr – A Guarda
An einem Montag sitze ich mit kleinem Blick auf das Meer in einem Café direkt gegenüber des Rathauses. Meine Tour ist seit rund 10:30 Uhr für diesen Tag beendet, meine Schuhe sind nass und die Gelegenheit ist gut, mir Zeit für das Schreiben zu nehmen und mich einfach treiben zu lassen. Endlich konnte ich die Vigo-Postkarte an Ma. mit einer Briefmarke versehen und gleichzeitig noch fünf für Postkarten nach Deutschland kaufen. Mein Rad ist in der Werkstatt, gegen 16:30 Uhr kann ich es abholen. Die gebrochene Speiche, der lockere Vorderbau, die nicht wirklich funktionierenden Bremsen und die lädierte Schaltung waren letztlich zu viel und ich konnte ein sicheres Fahren nicht mehr gewährleisten. Ich hatte Schwierigkeiten, mich am Morgen aus dem Bett zu schälen, gegen 09:00 Uhr verließ ich als einziger Gast die Unterkunft, wurde dann von ein paar Regenschauern überrascht. Es sind ungefähr 18 Kilometer gewesen, doch meine Beine brauchen eine Ruhe, ich brauche eine Ruhe, ich muss mich selbst wieder weiter finden und zentrieren an einem festen Ort. Ich bin der Meinung, dass sich A Guarda ausgezeichnet dafür eignet. Wieder die Fragen nach der Zukunft und nach meinem Leben insgesamt. Aber sie relativieren sich in Anbetracht der Tatsache, dass es einfach Schritt für Schritt Tag für Tag weiter geht und das Wesentliche im Regelfall für die Augen nicht sichtbar ist. Wir sind als Menschen alle miteinander verbunden. Ich freue mich darauf, diesem Werk „Ein neuer Weg“ weiter Formen und Konturen zu verleihen. Ich spüre, dass ich in den kommenden Tagen wieder deutlich mehr schreiben werde. Die Küste, das Meer, die Vorfreude auf Portugal und Marokko inspirieren mich – da gibt es Einiges, was ich noch realisieren und erleben darf. Ich freue mich auf die Dusche des Tages, ich freue mich auf trockene Füße und ein warmes Bett. Die Sonne hat ihren Weg wieder an die Oberfläche gefunden, erleuchtet unsere Gemüter und Seelen, lässt uns tief durchatmen und schlichtweg sein. In Vigo am Abend in der Bar saß ein Mann mit seiner Frau und drei kleinen Jungen am Nachbartisch. Ich sah und fand mich in ihm, wir redeten nicht viel, doch wir tauschten Blicke aus. Im Anderen schien es jeweils so etwas wie Anerkennung und Würdigung für den Lebensentwurf des Gegenübers zu geben. In dem Sinne wird es Zeit aufzubrechen, meine Sachen zu packen und weiterzuziehen.

13:47 Uhr
Ich habe das Café gewechselt, ein leckeres frisch gemachtes Bocadillo gegessen und die vier Postkarten geschrieben. Meine Füße sind immer noch nass, gleich steuere ich Richtung Pilgerunterkunft um mich aufzuwärmen. Morgen nehme ich die Fähre nach Portugal – ich hoffe, dass alles glatt läuft. In den kommenden Wochen werde ich dieses Notizbuch beenden – noch bevor ich zurück in Deutschland bin. Meine Wurzeln reichen immer tiefer in den Boden, ich verbinde mich mit allem Leben, mit der Bewegung, mit dem Wachstum und dem Sein. Ich bin schon gespannt darauf, was ich in Porto und Lissabon schreiben werde. Langsam taucht es wieder auf in mir dieses Gefühl Berge versetzen zu können und das Unmögliche Realität werden zu lassen.

15:20 Uhr
Wie wird es für mich weitergehen? Was kommt nach Santiago und Fátima? Worauf richte ich meine Aufmerksamkeit? Wie wirke ich als Teil in der Gesellschaft mit? Welche Fußspuren und welchen Eindruck hinterlasse ich? Wo werde ich letztlich landen? In welche Richtung gehe ich? Was verwirkliche ich als zentrale Bestandteile meines Selbst? Welchen Persönlichkeitsanteilen möchte ich noch Ausdruck verleihen? Welche Wünsche und Sehnsüchte dürfen noch manifestiert werden? Was habe ich im Moment in der Hand? Was bereitet mir Freude? Was schenke ich anderen Menschen?

15:36 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Endlich ist da mein Ruhetag. Rund 18 Kilometer bin ich heute gefahren, am Vormittag gab es immer wieder Regenschauer. Jetzt liege ich im Bett, endlich trocknen meine Schuhe, ich bin hier in A Guarda, habe vier Postkarten geschrieben, zwei große Kaffee con Leche getrunken und mein Fahrrad in die Werkstatt gebracht. Ich hoffe, dass wenn ich es in einer Stunde abhole, alles wieder funktionsbereit ist, so dass ich morgen die Tour fortsetzen kann. Portugal ruft ziemlich laut, ich darf mich darauf einstellen. In einem Buchladen namens „Atlantica“ habe ich mir ein englisches Buch als auch „Washi Tape“ gekauft. Ich bin zufrieden. Zumindest ein bisschen. Die Sonne schaut auch heraus. Vielleicht werden im Laufe des Nachmittags noch andere Pilgernde eintreffen… Ich darf darauf gespannt sein.

Der Fährmann – Dienstag, 27. Februar 2024 – Portugal

18:00 Uhr – Vila do Conde
Nun habe ich ein weiteres Land bereist. Endlich bin ich in Portugal angelangt. Lange hatte ich es auf meiner Liste stehen – nun ist es soweit. Der Tag kommt mir bereits sehr lange vor. Möglicherweise liegt es auch daran, dass hier eine Stunde früher ist. Am Morgen nach der Nacht alleine in dem großen Schlafsaal in dem großen Gebäude in A Guarda war ich froh endlich wieder ohne Defekte, Regen oder ausgesprochen starken Wind weiterfahren zu können. Den Briefkasten fand ich unmittelbar am Straßenrand um dort meine vier Postkarten einwerfen zu können. Dann fuhr ich sieben oder acht Minuten und stand am Hafen vor dem Fluss Minho. Die Sonne spickte gerade am Horizont hervor, die Atmosphäre war leicht magisch. Vorfreude keimte in mir auf. Doch würde die Fähre kommen um das Rad und mich an das andere Ufer zu setzen? Mit einem Fischer sprach ich kurz und er meinte, ich solle unbedingt anrufen. Also tat ich das und begriff schnell, dass ein paar hundert Meter weiter die Landessprache eben nicht mehr spanisch ist und ich nur bedingt viel verstand. Doch mein Gegenüber machte mir klar, dass er fahren wird. Im Regelfall (ab März) fährt eine Fähre pro Stunde, in meinem Fall einzig einmal am Tag. Auf der Internetseite war 09:00 Uhr Ankunft angegeben. Und ich stand da und wartete, blicke auf das Wasser und versuchte am gegenüberliegenden Ufer ein Schiff zu erspähen, dass sich in die sanften Wogen stürzte. Aber ich stand da, der Wind pustete, ich war dick eingepackt, die Mütze und die Regenjacke auf dem Kopf, trank den Tee, den mir am Vorabend die aufmerksame Frau der Unterkunft geschenkt hatte und dachte daran, dass ich mit zwei weiteren kleinen Satteltaschen und einem Lowrider auch um die Welt radeln könnte. Jede Reise hat irgendwann ihre Mitte oder ihren Höhepunkt erreicht. Ab dann mag man sich zwar noch in der Fremde befinden, doch es geht wieder zurück nach Hause in die Heimat zu den bekannten Gesichtern und zu den geliebten Menschen. Ab dort fährt man wieder hin zu dem Gewohnten. Dieses Gefühl empfand ich, wie ich am Hafen stand, ich freute mich darauf, Ma. wieder bei Barcelona umarmen zu können und irgendwann danach meine Eltern, meine Schwester, meine Verwandten und meine Freunde wiedersehen zu können. Dann – ich hatte es nicht mehr für möglich gehalten – kam das Boot. Vier Leute stiegen aus in Spanien, ein Mann mit Rad und kurzen Haaren kam als neuer Gast. In „Siddharta“ wird der Fährmann ausführlich beschrieben. Ich glaube in jedem guten spirituellen Buch spielt das Wasser und selbstverständlich das Ufer samt der Querung eine zentrale Rolle. Gute 70 Kilometer habe ich nun zurückgelegt. Für meine Beine war es eine Umstellung. Doch ich ließ es locker angehen. Im neuen Land machte ich bereits nach ein paar Kilometern eine ausführliche Pause. Da waren das Meer und der Strand so verführerisch und ich konnte nicht widerstehen es von einem Flecken besser zu erörtern. Ich aß den Couscous mit der Tomatensoße (Ratatouille). Es war ein schöner und heilsamer Moment. Der offizielle EuroVelo-1-Radweg führte auf der Ecovia Litoral Norte zwischen den Dünen auf Holzplanken, Pflastersteinen oder asphaltähnlichem Belag. Doch es gab auch gute 20 oder 30 Stufen über die ich mein Rad tragen musste – samt Sandverwehungen von einem knappen halben Meter, die ein Fahren unmöglich machten. Ich regte mich über den EV1 und über die Erstellenden der GPS-Dateien auf. Im selben Moment wurde mir dann allerdings schon wieder bewusst, dass ich dankbar sein sollte und ein konstruktives Vorgehen an den Tag legen könne. Ein solches wäre es zum Beispiel den Verantwortlichen eine sachliche und fachlich richtige E-Mail zu schreiben. In diesem Fall verfasse ich ein Buch in dem Glauben, dass es eine Wirkung erzielen wird.

„Die Reliquie“ – Mittwoch, 28. Februar 2024

12:03 Uhr – Matosinhos (Polarsteps-Eintrag)
Hier am Strand sitze ich auf einer Mauer, esse eine Banane, eine Birne, frittierte Bohnen und trinke Tee. Das zweite Mal der Reise war ich nun in einem Radladen. Ich hatte Glück. Ein Platter am Hinterrad hier in Matosinhos. Nur 200 Meter entfernt ein Radladen. Ein guter Radladen mit einem schicken olivegrünen Brompten im Schaufenster samt Fahrrädern der finnischen Marke aus Helsinki namens Pelago. Ich kaufte mir einen neuen Schlauch für 6 Euro, brauchte dann einen neuen Mantel (dieses Mal von Vredestein) für 20 Euro und zwei Paar Bremsbeläge für jeweils 4,90 Euro. Gleich bin ich also in Porto und ich stehe vor der Wahl den Jakobsweg in die entgegengesetzte Richtung zu fahren bis nach Lissabon oder meiner Navigationsapp auf dem EuroVelo 1 an der Küste entlang gen Süden zu folgen. Ich glaube, dass ich die zweite Option wähle.

19:30 Uhr – Furadouro im „Marias – Hostel & Surf“
Was hinterlasse ich in dieser Welt? Was ist es, das letztlich bleibt? Wohin bewege ich mich? Was vermittle ich anderen Menschen? Wie viel Liebe trage ich in mir? Für welche Eigenschaften und Persönlichkeitsaspekte werde ich anderen Menschen in Erinnerung bleiben? Was geschieht morgen?

Der Strand der Titanen – Donnerstag, 29. Februar 2024

14:34 Uhr – Matosinhos (Polarsteps-Eintrag)
Ich bin nun wieder an dem Ort, an dem ich gestern Vormittag mit dem Fahrrad durchgefahren bin. Irgendwie hat es sich so ergeben, dass das Hostel in dem ich übernachtet habe vorwiegend für Surfer ist. Also sind wir heute zu fünft an den Praia do Titan mit dem Auto und fünf Surfbrettern gefahren um ins Wasser zu steigen. Es war ausgesprochen entspannt und befreiend. Ich habe die Zeit genossen und nach knapp drei Stunden in den Wellen meinen Posteingang geöffnet. Da war eine positive Rückmeldung der Literaturwettbewerbseinsendung. Diese schickte ich irgendwann in Ecuador ab. Das bedeutet also, dass meine geistigen Ergüsse und de facto auch mein Name bei einem Buchverlag veröffentlicht werden. Ich bin gespannt, was das für meine Zukunft bedeutet. Eventuell also doch nur eine Frage der Zeit, bis die roten Teppiche für mich ausgerollt werden.

„Against the Wind“ – Freitag, 01. März 2024

21:00 Uhr – Figueira da Foz
Es gleicht einem Wunder, dass ich einen Schlafplatz gefunden habe. Gute 120 Kilometer habe ich in den Beinen. Noch heute morgen saßen wir nach 9 Uhr gemütlich zu viert am Esstisch im Wohnzimmer beim Frühstück. Nun sind Bruno, Ivy, Hendrick und Joshua weit entfernt. Wobei ich Ivy eventuell noch in Lissabon wiedersehen werde. Um 10:00 Uhr fuhr ich nach der Verabschiedung los. Recht schnell regnete es, nach zwei oder drei Kilometern fühlte sich das linke Pedal ausgesprochen komisch an. Es eierte ziemlich, ich fuhr weiter, bis dann nach wenigen Minuten die ganze linke Kurbel locker war und ein Fahren unmöglich machte. Natürlich war direkt in dem Moment eine kräftige Regenwolke über mir. Ich schob ein paar Mal, da ich nicht unmittelbar an der (wenig) befahrenen Straße anhalten wollte, bog in einen Feldweg ab an welchem in greifbarer Nähe ein schönes Pferd stand und war niedergeschlagen. Wieder ein Defekt in kurzer Zeit. Aber was sollte ich tun? Es befand sich weder ein großer Baum mit dichter Krone noch ein Gebäude zum Unterstellen in der Umgebung. Also eben nass werden, die Satteltasche aufmachen, das in A Guarda erworbene Minitool herauskratzen und hoffen, dass es provisorisch mit ein paar Imbusumdrehungen getan ist. Ich befestige also das Pedal, beziehungsweise die Kurbel, verstaue dann alles wieder, atme in Gedanken einmal tief durch, schwinge mich auf den Sattel und hoffe, dass ich mehr oder weniger problemlos treten kann. Hurra, es klappt. Auf einem mit Pollern abgetrennten Zweirichtungsradweg komme ich also wieder etwas vorwärts. So richtig nicht wirklich, der Umwerfer erlaubt mir nicht vom mittleren auf das rechte Kettenblatt zu schalten. Das bedeutet eine höhere Trittfrequenz und eine begrenzte Geschwindigkeit. Recht schnell fällt mir im Augenwinkel ein Fahrradladen auf – soll ich anhalten oder weiter? Sie sprechen kein englisch, ich bitte den Mechaniker mit nach draußen zum Rad zu kommen und zeige auf das Lager. Er rüttelt kurz am Pedal, scheint dann schnell zu wissen was Sache ist und verschwindet im Laden. Ich hoffe, dass er eine etwas bessere provisorische Lösung als ich hat. Leider kommt er nur kurze Zeit später wieder nach draußen, das Teil haben sie leider nicht auf Lager, er nennt mir den Namen eines anderen Ladens gute 15 Minuten entfernt in meine Fahrtrichtung. Allerdings liegt das nur 80 Prozent auf der Strecke – ich müsste einen Umweg in Kauf nehmen. Irgendwie fahren kann ich noch. Also geht es weiter durch Portugal gen Süden. Da kommt die Sonne raus, meine Kleidung trocknet, wenig Autos sind auf der Straße, ohnehin sehr passable Fahrradinfrastruktur und die vereinzelten Leute (vorwiegend 60 Jahre aufwärts), die ich sehe, grüßen auch noch freundlich. Der Tag scheint sich zum Besseren zu wenden. Vielleicht möchte das Universum einfach meine Willenskraft und mein Durchhaltevermögen testen und ich muss mich eben unter Beweis stellen. Also fahre ich entlang des Wassers mit der mir wohlbekannten weiblichen Navigationsstimme im Knopf im Ohr und meiner aktualisierten „Mix der Woche“-Playlist. Dann irgendwann ist der Weg zu Ende. Also nicht wirklich – ich könnte nach rechts oder links – muss allerdings geradeaus und da befindet sich nur Wasser. Es ist 12:25 Uhr, 42,5 Kilometer sind also schon zurückgelegt, die letzte Fähre fuhr um 12:15 Uhr ab, die nächste erst um 14:15 Uhr. So trifft es sich also ganz gut, dass in der verschlafen wirkenden Küstenstadt namens São Jacinto doch eine Panaderia, Bars und Restaurants geöffnet haben. Ich gehe in die Panaderia, glücklicherweise kann die Verkäuferin englisch, sie ist sehr aufmerksam und hilfsbereit – wann sich wohl das letzte Mal ein Tourist an diesen Ort verlaufen hat frage ich mich so wie ich gemustert werde. Sie möchte wissen was ich denn essen möchte, ob ich beispielsweise eine Suppe brauche, ja das wäre jetzt gut, sie nennt mir den Namen von einem Restaurant nur einen Häuserblock entfernt. Zwar war ich bereits am Vortag zwei Mal essen, doch schließlich befinde ich mich nicht so häufig in São Jacinto. Ihre Empfehlung finde ich nicht, dafür zieht mich ein anderes Restaurant an. Ich schaue auf die Karte vor dem Lokal – Speisen gibt es ab 12 Euro aufwärts – okay, dann muss ich eben wieder Geld ausgeben. Innen zwei besetzte Tische mit Einheimischen, die symphatische Bedienung mit einem großen Herz auf dem Pulli kommt sogleich mit einer Speisekarte, ich frage ob es ein Tagesmenü gäbe, gleich auf der ersten Seite – Glück gehabt. Vegetarische Suppe oder mit Fisch, mit Fisch, zum Hauptgang Fleisch oder Fisch, Fisch, Dorade oder der andere, der andere, zum Trinken, ein Glas Bier vom Fass. 10 Euro habe ich noch gelesen. Kann das wahr sein? Kurze Zeit später kommt sie auch schon wieder, stellt neben der dampfenden Suppe noch einen Korb Brot dazu, es schmeckt vorzüglich, ich habe ja schließlich auch Hunger. Ruck-zuck ist alles verspeist, sie räumt den Teller ab und stellt mir einen ausgesprochen großen gefüllten Teller mit Fisch, Salzkartoffeln und Dörrgemüse hin. Da muss es doch einen Haken an der Sache geben sage ich mir. So eine Portion mit so einem Fisch, dass kann es doch nicht für diesen Preis geben. Aber ich schaufle mir nach und nach alles auf den Teller, esse das Brot leer und lasse einzig noch die Gräten über. Zum Schluss gönne ich mir noch einen Espresso. Ich gehe zum zahlen, da sagt sie 10 Euro. Ich kann es kaum glauben – soll das wirklich wahr sein? Ich lasse ihr also fünf Euro Trinkgeld da, verabschiede mich zufrieden, gehe in die Panaderia, bestelle einen Café con Leche und ein Croissant, es schmeckt paradiesisch, es kostet sage und schreibe zwei Euro. Dann ist es auch schon Zeit für die Fähre.

„Hels on Wheels“ – Samstag, 02. März 2024 – Figueira da Foz

10:31 Uhr
Nun bin ich einen weiteren Tag in dieser Küstenstadt. Zwar habe ich in Nazaré für diese Nacht ein schönes Hostel gebucht, allerdings soll es den gesamten Tag regnen und recht stark winden. An der Rezeption wurde mir mitgeteilt, dass die gelbe Warnstufe ausgerufen wurde – was auch immer das bedeuten soll. Nun sitze ich also bequem in einem Café das mir empfohlen wurde als einziger Tourist unter Einheimischen. Ich bin froh einen richtigen Ruhetag zu haben wenn ich auf den mit dicht-dunklen Wolken behangenen Himmel schaue und meine Beine fühle. Der erste Radladen da ich war – ich spürte schon, dass es nicht erfolgreich wird – konnte mir nicht weiterhelfen. Die Frau war sehr freundlich, ein digitales Übersetzungsprogramm war die Brücke der Sprachbarrieren, doch der Mechaniker komme immer nur mittwochs. Sie meinte ich könne eine Fähre nehmen um in die nächste Stadt zu gelangen, dort gäbe es auch eine Filiale, dort würden sie mir eventuell direkt weiterhelfen können. Doch in Anbetracht der begrenzten Zeit wollte ich in den zweiten Radladen direkt vor Ort gehen, der mir von der Suchmaschine ausgespuckt wurde. Die Öffnungszeit war mit 10:00 Uhr angegeben, doch wie ich vor dem Laden angelangt war stand ich vor verschlossenen Türen. Dort stand 10:30 Uhr und das Gebäude samt der Schaufenster sahen recht gewöhnungsbedürftig aus. Also wieder zurück zum Hostel, damit ich noch rechtzeitig vor 11:00 Uhr eine weitere Nacht buchen kann. Das Mehrbettzimmer war einzig für mich – ich gehe davon aus, dass es wieder so sein wird. Am Morgen auf der Suche nach einer Panaderia stolperte ich in eine Markthalle mit viel Obst, Gemüse und Fisch. An der Seite ein schönes Café, ich bestellte den obligatorischen Café con Leche sowie ein Croissant, setzte mich in den angrenzenden Sitzbereich doch war etwas irritiert wie da ein recht wichtiges Schild stand das ich nicht verstand. Vielleicht wird separiert zwischen Bestellungen am Tisch und an der Bar. Ich frage also die Dame am Nachbartisch auf englisch ob sie wisse, was es bedeute und sie meint, es ist der Hinweis, dass es eine Selbstbedienung gibt. Wir unterhalten uns über die Tische hinweg bis sie recht schnell fragt, ob sie sich zu mir setzen könne. Sie ist Engländerin doch wohnt seit dem Brexit in Portugal etwas mehr als 100 Schritte vom Meer entfernt. Sie möchte auch gerne so eine Tour unternehmen – ich erzähle ihr von meinen Eindrücken und Empfehlungen. Wir tauschen die Nummern aus – sie hat viele Träume und Ideen die sie in sich trägt doch bedarf noch mehr Mut um sie Realität werden zu lassen.

14:49 Uhr
Es ist ein sehr entspannter Tag. Immer noch bin ich im Hostel in Figueira da Foz, glücklicherweise stellt es kein Problem dar, meine Nacht in Nazaré kostenfrei auf morgen umzubuchen. Immer wieder regnet es recht stark und ich bin froh, im Bett unter der warmen Decke zu liegen und heute auf das längere Fahrradfahren zu verzichten. Außer dem Essen und dem Schreiben habe ich heute nicht sonderlich viel gemacht. Mein Körper braucht die Ruhe und die Entspannung. Zu Mittag aß ich beinahe ein ganzes 400 Gramm Vollkornbrot, dazu eine Dose Thunfisch mit Öl und einen großen Salat. Zwei Tomaten, eine Karotte, eine Landgurke, zwei Knoblauchzehen, Pfeffer, die Kräutermischung, Salz und das Fischöl. Ewig hätte ich weiter essen können. Glücklicherweise habe ich noch eine Packung Spaghetti, eine weitere Tomate, Knoblauch, Äpfel, Orangen, Haferflocken und Ideen, um bald wieder morgen früh ausführlich essen zu können. Ich habe die aktuellen Einträge der Radreisenden “Hels on Wheels” durchgelesen, mit Ma. telefoniert und war drei oder vier Mal an der frischen Luft.

Frieden und Liebe – Montag, 04. März 2024

09:49 Uhr
Gestern habe ich die Etappenplanung gemacht und bereits heute reiße ich für den März die Vorgabe für den Tag da ich mich dazu entschieden habe eine weitere Pause einzulegen. Die Touristen vom Wochenende sind entfernt, es ist ein entspannter Montagvormittag in Nazaré und ich sitze in einem Café. Meine Beine danken es mir.

10:02 Uhr
Ich weiß, dass ich gerne um meine eigenen Gedanken kreise. Möglicherweise ist es die Diagnose eines Neurotikers. Der Milchkaffee ist getrunken, die Frühstücksbowl gegessen – alles ist gemächlich, alles ist entspannt. Aus dem Innenraum des Cafés weht der Duft eines Räucherstäbchens heraus. Alles ist gut so wie es ist. Wieder die Frage, wie viel ich noch schreiben möchte. Wobei dieses Jahr nicht so sonderlich viel produziert wurde. Es ist immer noch das erste Notizbuch. Ich habe viele Ideen und Vorstellungen für dieses Jahr, doch was davon wird Realität werden? Ich möchte mich sortieren, habe die Hoffnung, dass es dieses Mal hier an diesem Tisch in Nazaré funktionieren wird – aber ist es wahrlich so? Gestern hatte ich viele Einfälle bezüglich meinem Fahrrad, ich möchte eine weitere Lenkertasche für eine Flasche, eine kleine Rahmentasche und die Patches der Länder die ich bereits erradeln durfte. Ich bin in die richtige Richtung unterwegs. In der Unterkunft „Paz y Amor“ lernte ich Nick aus Australien kennen – er fuhr zunächst an der Ostküste des roten Kontinentes mit seinem Rad und hat sich nun von einem Flugzeug bis nach Lissabon bringen lassen um ähnlich wie ich, nur in entgegengesetzter Richtung, bis nach Santiago de Compostela und dann weiter bis gen England zu fahren. Er ist Fotograf und Tonlehrer, hat viele Projekte, die er realisieren möchte und wird und ist insgesamt sehr inspirierend. Was mache ich? Ich verschleudere mein Geld das ich auf der Stadtverwaltung erhalten habe, stecke es in Kaffee, Übernachtungen, Supermarkteinkäufe und Notizbücher. Vermutlich könnte man es besser investieren. Aber letztlich ist es mein eigenes Leben, irgendwie spülte es mich auf dieser rießigen Welle bis nach Nazaré und dort surfe ich auf einem Stimmungshoch. Alles ist gut so wie es ist. Ich trage meine blaue Patagonia-Regenjacke, die bereits an den Taschen und Ärmeln schmutzig und abgenutzt ist. Dabei besitze ich sie erst neun oder zehn Monate. Sie ist für mich wichtig geworden, sie schützt mich vor dem Wetter und lässt mich im Einklang mit dem Wasser wandeln. Ist das Künstlerdasein gleichzusetzen mit einer gescheiterten Existenz? Gibt es das Patentrezept für das glückliche Leben? Mein Fahrrad steht nun im Keller eines fremden Hauses, die Reifen stehen still, wer wäre ich ohne den Sattel? Wohin werde ich in der Zukunft noch fahren? Gestern Abend vor dem Einschlafen zählte ich die Namen der Länder die ich bereits bereiste auf: USA, Mexiko, Kolumbien, Peru, Ecuador, Ägypten, Tunesien, Türkei, Slowenien, Kroatien, Rumänien, Ungarn, Bulgarien, Serbien, Slowakei, Österreich, Tschechien, Polen, Liechtenstein, Schweiz, Griechenland, Italien, Vatikan, Monaco, Frankreich, Spanien, Portugal, Luxemburg, Dänemark, Niederlande, Belgien, Irland, England, Schweden, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Deutschland…

39 Stück in Summe, nicht die Welt doch auch nicht nur ein Dorf. Was ist mit Norwegen, Marokko, Andorra, dem Süden, was mit Indien, Australien, Nepal, Bhutan, Chile, Argentinien, Uruguay, Paraguay, Venezuela, Brasilien, Island, Kanada, Malta, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, dem Kosovo, Albanien, Israel, Jordanien, Syrien, dem Irak, dem Iran, Pakistan, Afghanistan, Bangladesch, Thailand, Vietnam, Japan, Südkorea, Laos, Kambodscha, Singapur, Malaysia, Indonesien, Neuseeland? Werden das die weiteren 39 Länder sein? Ich habe Kopfweh, mir ist übel, ist es das dampfende Räucherstäbchen? Wir befinden uns alle auf der Reise, wir gehen alle unsere Wege, wir sind alle auf der Suche. Los Angeles und Albuquerque sind weit entfernt, warum Portugal und nicht Südamerika? Wo leben, wo Fuß fassen und Wurzeln schlagen, wo ankommen und bleiben?

Das Schreiben ist eine Kunst und es muss eine Kunst sein und der Mensch wird belohnt werden, der diese Kunst bis ins Detail als Meister beherrscht hat. Wohin werde ich auf dem Meer der Zeitlosigkeit gespült werden? Was kommt nach Alpha und Omega? Welcher Gast wird als nächstes das Café betreten? Die Sonne scheint nun, es weht ein sanfter Wind, ich muss dringend meinen Vater einmal wieder anrufen. Was ist Arbeit?

Wohin spült dich das Meer mein Kind – was bedeutet Leben – wer war Pessoa – was wird mich in Marokko erwarten – warum Lissabon – was ist die Zukunft mit Ma. – wie viele Kilometer wird mein Surly LHT noch atmen – welche Notwendigkeit ist gegeben, meinem Innersten Ausdruck zu verleihen? Und wenn ich in drei Stunden noch an Ort und Stelle sitzen werde, dann werde ich in drei Stunden noch an Ort und Stelle sitzen. Ich habe leichtes Bauchweh, vielleicht war es zu viel Kaffee in recht kurzer Zeit am Morgen. Ich habe Nick einen Zettel mit meinen Kontaktdaten geschrieben – wird er sich melden? Die Sonne scheint, sie ist zeitlos, gleichwohl auch vergänglich. Alles ist vergänglich. Selbst das Licht und die Liebe. Der Frieden allerdings ist zeitlos, denn indem wir den Frieden erleben stehen wir wieder auf und leben wahrlich. Fehlt es unser Generation an wahren Poetinnen und Schaffenden? Wer ist noch dazu bestimmt Zeitlosigkeit zu erlangen? Was ist morgen und was in einer Dekade? Was ist die Besonderheit des Jakobsweges? Was wird aus „Perpetuum Publishings“ werden? Wo befindet sich meine nächste Geldquelle? Weiter, immer weiter und weiter und weiter. Der Mond geht auf und unter, das Tintenfass leert und füllt sich, die Wolken kommen und gehen. Alles hat einen Anfang und ein Ende. Gott ist groß und allmächtig, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Der Schaffende muss schaffen – er kann nicht ruhen. Ich bewege mich in einer Reihe von Orten von A zu B zu C zu D zu E zu F zu G zu H zu I zu J zu K zu L und so weiter und so fort. Alles dreht sich, alles bewegt sich. Die Sonne lacht.

Es ist ein herrlicher Tag. Etwas wurmt es mich, dass ich mich gegen das Radfahren und für die weitere Ruhephasen entschieden habe. Vermutlich befinde ich mich am schönsten Fleck Nazarés. Aus dem Hostel im Dachgeschoss blicke ich auf dem Barhocker a den Panoramafenstern auf den berühmt-berüchtigten Felsen mit dem Leuchtturm, der vermutlich schon das ein oder andere Menschenleben gekostet hat. Vor mir erstreckt sich paradiesisch das Meer bis weit jenseits des Horizontes. Teils erhasche ich die Konturen der Inseln Velha und Farilhões. Hier habe ich meinen Platz an der Sonne. Seit guten drei Stunden digitalisiere ich meine handschriftlichen Aufzeichnungen. Die Kombination Bluetooth-Tastatur und iPhone funktioniert recht gut. Mittlerweile bin ich bei Kaffeeliter no. 2 des Tages. Ich weiß nicht warum. Ich höre eine “396 Hz Mental Clarity Magnet”-Playlist. Neben mir liegt ein englisches Buch von Doris Lessing. Ich esse Erdnüsse mit Honig und Salz. Nick aus Australien wird sich inzwischen irgendwo zwischen den ewigen Dünen befinden. Ich hoffe, dass er Rückenwind hat. Wobei wenn er gen Norden fährt und Rückenwind hat, werde ich Gegenwind haben. Ich hoffe schlichtweg für uns beide, dass der Wind in die für uns passenden Richtungen führt. Die Touristenmassen des gestrigen Sonntags wurden von den Wellen weggespült, jetzt ist sie eingekehrt die Ruhe in diesen kleinen magischen Ort. Am Anfang erschien er mir ausgesprochen unsympathisch. Ich konnte nicht verstehen, wie ich dort nur ein Hostel buchen konnte. Wieder wollte ich so schnell wie möglich weiter. Doch selbst wenn mein Fahrrad zu meinen Flossen werden würde – früher oder später müsste ich doch anhalten und schlafen. Lateinamerika befindet sich weit entfernt. Doch geographisch gesehen bin ich hier in Portugal von Europa aus doch schon ein Stückchen näher an Brasilien, Uruguay und Argentinien. Ich müsste mich nur deutlich anstrengen um eine Flaschenpost bis ans andere Ufer zu werfen. Ich atme tief ein und aus. Immer noch die Frage was ich aus meinem Leben anstelle. Ich schreibe. Vielleicht werde ich auch schlichtweg umkippen oder einen Herzinfarkt erhalten da ich zu viel Koffein samt Adrenalin im Blut habe. Ich atme tief ein und aus und richte mich auf. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht. Was ist der Wert des Schreibens? Wohin treibt es mich noch dieses surreale Leben?

Ja, wir gehen alle unsere Wege auf dieser spirituellen Reise namens Leben und Gott, das Göttliche, das Universum ist omnipräsent. Wir möchten es manchmal nicht sehen oder wahrhaben das Offensichtliche, dabei steht es glasklar vor unseren Augen. Wir müssen einzig den Mut haben es zu sehen, wahrzunehmen und zu erkennen. Wir müssen anhalten und das Gewohnte sein lassen um unsere Perspektive zu verändern und das einzig Wahre zu finden. Wir müssen den Mut haben und neue Schritte gehen.

Am Morgen schlenderte ich durch die Rua da Paz, ich sog sie ein die Meerluft, den Frieden und die Liebe, das Licht und die Energie. Tief in unserem Inneren tragen wir alle diesen Platz an dem alles möglich ist. Dieser Barhocker ist zum gegenwärtigen Moment mein Leben. Er ist meine Heimat, meine Insel namens Hiva Oa, er ist mein Paradies und mein Anker. Er ist meine Ausrede und mein Rückzugsort. Hier bin ich angekommen. Nein, Portugal ist nicht Lateinamerika aber Portugal ist auch nicht Deutschland. Portugal ist der Frieden. In den Kammern meiner Seele ist sie leiser geworden die Stimme die meint mich an einem anderen Ort befinden zu müssen. Korrekterweise ist sie abgeebbt und im Regelfall nicht mehr vorhanden da die Harmonie der Landschaft, die Annahme mit allem was ist und mich umgibt immer kraftvoller wird. Ich meinte, dass sich etwas Signifikantes verändern würde mit “Heal your Heart”. Doch alles blieb beim Alten. Jetzt kommt ein neues Werk namens “Ein neuer Weg”. Die Möglichkeiten sind allgegenwärtig. Wir sind unerschöpfliche Geldquellen und spirituelle Maschinen, die übersprudeln vor Reichtum, Liebe und Gutmütigkeit. Wir sind nicht ohne Grund auf dieser Erde. Wir wurden dazu bestimmt über uns hinauszuwachsen, Konflikte zu schlichten, Grenzen abzubauen und Herausforderungen als Chancen des Wachstums zu erkennen. Wir sind nicht die Krise, nein, wir sind die Menschen. Unweigerlich wird sich die richtige Arbeit früher oder später auszahlen. Mein Schreiben ist mein Social-Media-Kanal. Mein Atem ist mein Gottesdienst. Mein Durchbruch ist das Erdbeben auf gottfernem Land.

Das verrückte ist, dass wir in einer anderen Welt leben könnten wenn wir nur bereit wären etwas an unserem Denken und Handeln zu verändern. Wir könnten einen Unterschied darstellen, wenn wir aus der Masse herausstechen würden und bereit wären etwas Verantwortung zu übernehmen. Wir könnten wahrlich Großes erschaffen mit unseren technischen Errungenschaften im dritten Jahrtausend nach Christus. Wir befinden uns am Scheideweg der Menschheit. Wir sind exakt dort wo wir uns befinden müssen.

20:04 Uhr
Endlich liege ich im Bett, wieder liege ich im Bett, es gab viel Sonne heute, doch ich nahm sie nur durch die Glasscheibe wahr. Gute 60 Seiten digitalisierte ich, fügte sie auf die Internetseite ein, machte mir Spaghetti mit Salat und Tomatensoße, schlief eine Stunde, las etwas in „Ein Wiedersehen im Sommer“ von Jill Barnett, dachte nach über das Leben, ließ meinen Blick immer wieder auf dem Meer und dem Horizont ruhen und telefonierte mit Ma. Ich bin alleine im Hostel, jetzt bin ich der Friede und die Liebe. Ich darf sie aufsaugen die positive Energie – was spüre ich? Ich vermeide es, auf meinen Kontostand zu schauen. Vorhin befand ich mich in einer Bank, doch ich konnte kein Geld abheben. Beim Einkauf im Supermarkt hatte ich ein bescheidenes Gefühl, ich hatte kein Bargeld mehr, werden sie die Karte erkennen? Mit der Plastiktüte in der Hand war ich erleichtert, doch was ist nur aus mir geworden? Irgendeinem Traum jage ich hinterher. Erst sechs Monate Amerika, jetzt diese Radreise, doch was kommt danach? Vermutlich können die wenigsten Menschen meine unstete Lebensführung nachvollziehen. Doch bin ich zufrieden? Immer wieder sage ich mir, dass ich keine andere Wahl habe. Aber entspricht das der Wahrheit? Was sende ich hinaus ins Universum? Welche unverwirklichten Träume ruhen noch in meinem Herzen? Morgen ist ein neuer Tag, morgen sieht alles ganz anders aus, morgen ist die Welt heil und neu. Ich versinke tief im Zentrum meines Seins – Portugal ist nicht Lateinamerika. Ja, ich muss wieder zurückkehren, daran führt kein Weg vorbei. Nun ist hier der Autolärm, ich könnte mir die Kopfhörer oder die „Peacemaker“ aufsetzen. Stattdessen ertrage ich es – möglicherweise auch nur, damit ich mit dem Außen ein Stückchen mehr in Verbindung bin. Wieder die Frage, was mir wichtig ist im Leben. Freiheit und Entspannung stehen ganz oben auf der nicht vorhandenen Liste. Ich brauche weder ein Auto noch eine feste Wohnung. Ich brauche meine Notizbücher, mein Fahrrad und meine Rucksäcke, meine Internetseite, mein Smartphone, mein iMac und meine MacBooks samt den externen Festplatten. Was ist es, das letztlich bleibt? Was hinterlasse ich für die Nachfolgegenerationen? Was gebe ich Kraft und Aufmerksamkeit? Wie mächtig bin ich? Werde ich Nazaré jemals wieder verlassen? Ich sollte hierbleiben. Ecuador samt dem Manduriacu-Tal, Los Cedros, das Intag-Tal, Quito, La Esperanza und Pijal sind Ewigkeiten entfernt. Dabei ist das gerade einmal zwei Monate her.

20:57 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Another rest day, liters of coffee, smooth waves, sun, seagulls and fresh ink. Planning future cycling trips, waving goodbye to the Australia Nick, probably see him in London. Take it easy and chill, embrace the unknown and let go of what doesn’t serve you.

Das Grab Fernando Pessoas – Dienstag, 05. März 2024

19:49 Uhr – Ericeira
Noch heute morgen habe ich entspannt in Nazaré Espresso getrunken, jetzt befinde ich mich schon ein gutes Stück südlicher. Peniche war besonders, dort saß ich auf einem Felsen mit Blick auf die Inseln und das Meer, ein paar Möwen um mich herum – doch wie geht es weiter? Fátima steuerte ich also nicht an, gleichwohl erblickte ich unterwegs des Öfteren heilige Orte in der Form von Kapellen oder Schreinen, die eine Sternschnuppe oder eines der drei Hirtenkinder zeigten.

21:42 Uhr
Nun liege ich hier im Bett. Der Tag heute war recht günstig. Ohnehin muss ich die kommenden Wochen gut haushalten. Gestern blickte ich auf den Kontostand. Immer noch über 1.000 Euro aber trotzdem. In Lissabon werde ich auf jeden Fall wieder 200 Euro abheben – und dann sehen, was kommt. Ich habe das Warmshowers-Abonnement gekündigt, dafür, dass ich etwas bezahle ist der Service deutlich zu schlecht und die Rückmeldequote war zu gering. Was wird mich in der portugiesischen Hauptstadt erwarten? Werde ich die Route überleben bei den Autofahrenden? Heute war der Tag, da ich auf der gesamten Strecke kein EuroVelo-Zeichen erblickte. Ohnehin ließ die Infrastruktur für einen europäischen internationalen Fernradweg sehr zu wünschen übrig. Vor Peniche gab es einen sehr merkwürdigen Abschnitt. Golfplätze, SUVs, rießige abgeschottete Ressortanlagen, eine Tennisakademie und Informationsstände für Immobilien und Bauprojekte. Die Gegend erschien mir nicht sonderlich sympathisch. Vermutlich war auch das mit ein Grund, warum ich deutlich über 100 Kilometer fuhr. Was hätte ich dort auch machen sollen? Es gab keine Zeit für das Trödeln. Am Vormittag machte ich eine Pause um mein Rad zu warten. Es war längst überfällig. Die Stelle da ich hielt war perfekt. Der Frieden samt der Windstille waren omnipräsent. Zuerst reinigte ich Rahmen, Bremsen und Schaltung mit dem alten T-Shirt, dann ölte ich die Bremsen, die Kette, den Umwerfer und das Schaltwerk. Vorne brachte ich neue Bremsbeläge an. Das linke Pedal löste ich, ich reinigte die Kurbel und befestigte sie sorgfältig doch mit viel Kraft wieder. Die investierte Zeit hatte sich gelohnt. Auf den 100 nachfolgenden Kilometern hatte ich kein einziges Problem mehr. Die Straße ging immer wieder hinunter zum Meer und dann kurz darauf wieder recht stark nach oben. Immer hoch und runter. Ich weiß nicht mehr exakt, was heute und was die vergangenen Tage geschehen ist. Alles zu seiner Zeit. Ja – alles zu seiner Zeit. Was ist mir für Lissabon wichtig?

  • Auf einen oder zwei Friedhöfe gehen
  • Das Grab Fernando Pessoas besichtigen.

Reihe P auf Stuhl no. 9 / Collblanc – Donnerstag, 07. März 2024

10:40 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Nun stehe ich vor dem Hieronymuskloster um das Grab Pessoas zu besichtigen in einer langen Schlange von Menschen. Der Ticketkauf dauerte maximal zwei Minuten. Nun bin ich gespannt, was mich im Inneren des Gebäudekomplexes erwarten wird. Schritt für Schritt gehen wir vorwärts. Etwas erinnert es mich an den Vatikan, Florenz oder den Mailänder Dom. Lissabon ist eine volle Stadt, die vermutlich im Wesentlichen aus Touristen besteht. Gestern wie ich mit dem Rad durch das Zentrum fuhr stand dort am Ufer ein Kreuzfahrtschiff, dass die Höhe der Gebäude sehr stark überragte.
Am Morgen wachte ich ohne Wecker um 08:00 Uhr auf, zog mich an, putzte die Zähne, schnitt meine Fingernägel und verließ dann im Nieselregen das Gebäude. Die Straßen voll mit Fahrzeugen, Schülerinnen und Berufstätige kommen mir entgegen. Endlich bin ich in der Hauptstadt angekommen, das erste Mal. Ich bin glücklich hier zu sein und mir die Zeit für alles zu nehmen. Wobei wenn ich mir wirklich die Zeit nehmen würde, dann müsste ich hier eine Woche, einen Monat, ein Jahr, ein Leben bleiben. Ich gehe in Richtung einer Markthalle, in einem Café ist jeder Sitzplatz belegt, ein anderes ist noch geschlossen. So gehe ich gemächlich weiter oder schlendere vielmehr, nach ein paar Metern habe ich Glück nur ein Gast befindet sich darin, die Bedienung ist freundlich, es gibt wieder einen Café con Leche und ein Süßgebäck mit Kokosflocken. Wieder befinde ich mich in einer Nachbarschaft, ich stelle mir die Ftage, was eine lebendige Nachbarschaft kennzeichnet, wo und bis in welchen Maßstab diese existieren können. 2,50 Euro bezahle ich am Ende, einen Euro Trinkgeld lasse ich auf dem Tresen liegen. Ich gehe weiter bis zum Cemitério do Alto de São João, bin einer der ersten Besuchenden an diesem Morgen ein paar Minuten nach der Öffnungszeit. Es ist mit einer der beeindruckendsten Friedhöfe die ich bislang besichtigt habe. Er ist ein Geheimtipp, liegt etwas außerhalb und hat einen besonderen Charme. Ich fühle mich in Ruiz Zafóns „Die Schatten des Windes“ versetzt.

13:29 Uhr – Portugiesische Nationalbibliothek
Nun befinde ich mich an einem weiteren Ort. Möglicherweise sind die Bücher meine Religion. Der Tag war bis hierhin ganz schön und gut, ich lief viel und nun freue ich mich darauf, später im Hostel im Bett zu liegen und die Augen zu schließen. Ich sitze in der Reihe P auf Stuhl no. 9. Draußen regnet es immer wieder, es ist ein wechselhafter Tag und meine Radreise kommt mir wie ein Traum vor. Endlich habe ich ein 24 Stunden Ticket für den öffentlichen Nahverkehr inklusive morgiger Fährverbindung für 10,30 Euro kaufen können. Ich gehe schwer davon aus, dass die 24 Stunden nicht nur bis heute Nacht, sondern 24 Stunden gelten. Davor jedoch musste ich mir zwei Mal in Bussen ein Einzelticket für jeweils 2,10 Euro kaufen. Der Besuch des Hieronymusklosters war lohnenswert und sehr beeindruckend – auch wenn ich den Vatikan, den Mailänder Dom, die Sagrada Familia oder Brunelleschis Kuppel in Florenz magischer, inspirierender oder schlichtweg „lohnenswerter“ fand. Aber letztlich spielt es keine Rolle, Lissabon wäre für mich nicht Lissabon ohne den Besuch gewesen. Im Erdgeschoss des Kreuzgangs erblickte ich dann endlich die hinter Steinen versteckten leiblichen Überreste des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa. Auf der Tafel stand: „Tomb of Fernando Pessoa (1888 – 1935) – One of the most important Portuguese poets of the 20th century. He embodied several literary personalities, such as – Alberto Caeiro, Ricardo Reis and Alvaro de Campos. His body was transferred to this monastery on the 50th anniversary of his death. Author: Lagoa Henriques“

Ich glaube, dass hier in der Bibliothek die intellektuelle Riege des Landes vertreten ist. Mir fällt auf, dass jeder Mensch den ich sehe eine Plastiktüte samt einiger Zettel bei sich auf dem Tisch liegen hat. Im Zweifelsfall kommt also gleich ein Mensch mit einer Reservierung für P-9.Dann muss ich eine unangenehme Situation über mich ergehen lassen. Ich spielte mit dem Gedanken noch ein oder zwei Tage länger in der Stadt zu bleiben. Doch übermorgen ist Wochenende und ich gehe davon aus, dass dann noch mehr „Fremde“ die Sehenswürdigkeiten besichtigen. Mich zieht es nur bedingt auf das Rad aber ich brauche ein Ziel, ich muss einer Konstante folgen, ich möchte die Freiheit, das Neue und das Unbekannte erleben. Alles hat seinen Raum in diesem Leben. Immer noch ist mir bewusst, dass ich noch gar nicht so richtig weiß, was es denn darstellt. Aber immer mehr fange ich an zu fühlen, sehe ich aus meinem Herzen, verändert sich die Stimme meines Bewusstseins. In guten zwei Wochen werde ich vor Ostern Ma. besuchen. Ich freue mich darauf und hoffe, dass mein Geld bis dahin genügt. Es wird definitiv eine Punktlandung werden. Auf dem Rückweg möchte ich dann um alles in der Welt bis nach Andorra. Ich kann nicht exakt sagen warum. Mit Andorra kann ich recht wenig anfangen. Allerdings hoffe ich, dass es als Radfahrer möglich sein wird, das Land per Velo zu betreten. Ich darf also wieder einmal vertrauen. Ich bin auf Seite 146 dieses Notizbuches angelangt. Ich werde früher oder später doch noch fertig werden. Überall existieren Informationen, doch wo gibt es die besten? Was produzieren wir alles an digitalen Informationen und was davon wird einen Mehrwert haben und letztlich bleiben? Ich könnte einschlafen und mich den Gedanken hingeben, dass es nicht relevant sei, ob ich letztlich schreibe noch was ich schreibe. Auch das ist ein Prozess und wichtig ist mir einzugestehen, dass es für meine eigene als auch für die spirituelle Entwicklung grundsätzlich von Vorteil ist, wenn ich an diesen Traum glaube. Was aber soll ich machen? In welche Richtung fahre ich und wie weit werde ich kommen?

14:08 Uhr
Die Zeit verfliegt, aber können wir uns deswegen ohne Tempo bewegen? Immer dreht sich die Erde, diese Tatsache kann einen verrückt machen. Man kann sich an nichts Größerem festhalten, man muss einfach vertrauen, dass alles so laufen wird, wie man es sich insgeheim wünscht. Vor mir liegt das Quito-Pferdehaar-Lesezeichen. Es ist eine Erinnerung an Ecuador, es ist ein Teil von mir. Ich ruhe in meinem Körper, früher hätten mich meine Gedanken an einem Tag wie diesem sehr weit gespült, doch heute ist meine Heimat im Innen gefestigter und deutlich ruhiger. Es ist unweigerlich erforderlich, dass ich mich Woche für Woche weiter dem Universum übergebe. Vermutlich bin ich noch drei oder vier Tage in Portugal – welche Eindrücke hat das Land in mir hinterlassen, wie oft werde ich in meinem Körper hierher zurückkehren? Was passiert im Hostel, welche Menschen werden dort sein, ist Tania da? Es ist eine Reise ins Ungewisse, immer mehr Zeit investiere ich in das Schreiben, ich häute mich gleich einer Schlange, ich muss der werden, der ich bereits seit jeher gewesen bin in meinem tiefsten Innen – an meinem tiefsten Punkt.

15:23 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Ich liege im Bett, die Nationalbibliothek als auch das Hieronymuskloster habe ich nun besichtigt. 7,5 Stunden war ich auf den Beinen, jetzt benötige ich etwas Ruhe, eventuell werde ich später noch einmal gen Zentrum – unter Anderem auch um das 24-Stunden-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr auszunutzen.

21:48 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Wir werden niemals im Detail wissen, warum uns das Leben an die Orte spült, an die wir gespült werden. Morgen geht es weiter – doch kann ich nicht das gesamte Leben auf dem Sprung sein. Die unbekannte Schönheit hier – aus welchem Grund warf sie mir all diese tiefen Blicke zu? Ich werde an sie denken und für sie beten wenn ich morgen auf der Christusstatue mich befinde. In den günstigsten Unterkünften spielen sich die intensivsten Lebensthemen ab. Warum sie, warum sie, warum sie?
Mein Magen ist gefüllt mit einer großen Packung Chips, Couscous und der obligatorischen Tomatensoße (mittelscharf).

22:07 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Doch wie geht es morgen weiter? Man ist schließlich nicht jeden Tag in Lissabon… Ich werde erst die Kathedrale, dann die beiden Pessoa-Statuen abklappern, auf die Fähre nach Cacilhas springen und als einer der Ersten vor dem Ticketverkauf des Cristo Rei stehen. Dann bin ich dem Zuckerhut und Rio de Janeiro ein Stückchen näher, dann werde ich weiter träumen, größer glauben und weiter handeln. Jeden Tag wird es Momente geben, in denen wir fallen. Wir zweifeln und werden von Ängsten geplagt. Doch wenn wir uns zusammenreißen, aufstehen und mit der letzten uns verbleibenden Kraft weitergehen, dann werden wir durchströmt von dieser unendlichen Energie.
Marokko ist nicht mehr weit entfernt, Ma., Andorra und Toulouse ebenso wenig. Vielleicht wird dann irgendwo der Uluru das Ende sein. oder Ushuaia. Oder Land no. 87. Oder das gemeinsame Nest mit den hungrigen Küken und offenen Schnäbeln, mit der Notwendigkeit geliebt, umsorgt und ermutigt zu werden. Es geht immer weiter. Santiago de Compostela ist Welten entfernt, Marseille ein anderes Leben; wer war ich noch im Zug in Stuttgart und wer vor einem Jahr?

22:20 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Ich kann noch nicht schlafen, mein Magen ist zu voll. Ich gehe meine alten digitalen Notizen durch. Irgendwo auf der Rückfahrt in Barcelona zum Flughafen: dort war irgendwo der geschwungene Schriftzug von „La Perdrera“, die Frau mit der MIU MIU-Sonnenbrille, der schwarzen Lederhose, den blonweiß gebleichten Haaren und dem Kreuztattoo auf einem Finger schräg gegenüber von mir in der S-Bahn. Dann die Station „Collblanc“ und die Linie L5.

Der Plan Gottes – Freitag, 08. März 2024

09:24 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Eine gute halbe Stunde warte ich hier noch bis sich das Gelände um die Cristo Rei Statue öffnet. Als letzter Gast erwischte ich noch die Fähre um 08:45 Uhr. Es war nicht mein Ziel sie zu erwischen aber irgendwie hat es sich so ergeben. Wie ich in Chiada an der Rua Garrett angelangte hatte ich bereits die Kathedrale besichtigt. Sie ist sogar leicht außerhalb in Sé stationiert. Auf manchen zentralen Achsen gibt es separate Fahrradwege – ansonsten ist der Platz sehr begrenzt und die vorhandene Infrastruktur muss in teils recht starkem geographischen Territorium ihren Platz finden. Die erste Pessoa-Statue (sitzend) vor dem bekannten Café A Brasileira sah ich unmittelbar, die zweite Statue (stehend) mit einem Buch als Kopf fand ich erst auf den zweiten Blick. Aufgrund der Topographie war der Platz da sie stationiert ist nicht unmittelbar auffindbar. Ich ließ mein Fahrrad an ein Treppengeländer stehen und nahm die Treppen um ein paar Meter weiter nach unten zu gelangen. Leider wurde das unmittelbar dahinter befindliche Gebäude saniert so sind es nicht die schönsten Fotografien. In vielen Abschnitten wenn es berghoch ging musste ich auf dem schmalen Gehweg schieben. Mit den zwei Satteltaschen ist es nicht möglich auf den teils mit Schlaglöchern versehenen Kopfsteinpflastern gemeinsam mit dem Auto- und Lieferverkehr zu fahren – noch dazu, weil es die Schienen und die Straßenbahnen gibt.

18:37 Uhr – Setúbal
Hier in der Jugendherberge bin ich nun angekommen. Draußen pfeift schwer der Wind und mir erscheint es sehr unrealistisch, dass ich noch vor guten zwei Stunden auf dem Sattel war. Es war nicht unbedingt lebensmüde aber schon eine Grenzüberschreitung. Eigentlich fing der Tag mit einer Enttäuschung an, da es nicht möglich war, auf die Cristo Rei-Statue zu gelangen. Dann muss ich also ein nächstes Mal nach Almada oder aber nach Rio de Janeiro um das Original in Augenschein zu nehmen. Meine Oberschenkel schmerzen ausgesprochen stark. Am Morgen hätte ich nicht gedacht, dass es noch so ein kräftezehrendes Fahren wird. Zwei EuroVelo 1 Aufkleber habe ich heute gefunden – beide ganz am Ende an der Weggabelung, da der offizielle Weg bergab gen Praia de Galapinhos und Praia de Galápos flach (mehr oder weniger auf Meeresspiegelhöhe) verlaufen wäre. Ich war bereits recht nass, hatte noch nichts wirklich im Magen, drei leere Flaschen und einen Smartphoneakku bei um die 20 Prozent. Aber Gott hatte anderes mit mir vor. Es waren Schilder angebracht, dass der untere Weg gesperrt ist. Meines Erachtens nach waren sie recht deutlich. Also musste ich in den sauren Apfel beißen und geradeaus beziehungsweise leicht nach oben den Schildern nach gen Setúbal und Convento fahren. Es war eine ausgezeichnete Strecke sofern die Sonne geschienen und der Wind eine Pause gemacht hätte. Aber so eben nicht. Nicht dieses Mal. Es fing wieder stärker an zu regnen, mit aller Kraft musste ich mich am Lenker festkrallen um nicht vom Sattel gepustet zu werden – zu meiner rechten immer wieder faszinierende Ausblicke auf das stürmische Meer, die bewaldeten Berghänge, die Sandstrände und die Häuser von Setúbal in der Ferne. Das Teewasser hat gekocht, immer gibt es etwas, immer geht es weiter, immer wartet dort an der nächsten Weggabelung etwas auf dich zu erkunden. Meine Energien werden wieder aufgetankt, ich sammle Kraft, in der Nacht werde ich mich regenerieren und morgen ist ein neuer Tag. Im Zimmer no. 2 trocknen nun meine Sachen. Es ist immer gut einen trockenen Flecken zum Schlafen zu haben. Morgen steht die nächste Fährfahrt an, wird sie mich sicher ans andere Ufer bringen? Ich spüre, dass ich immer weiter tief in mir ankomme. Das bedeutet, dass ich mich einfach so annehme wie ich bin, dass ich mich in allen Facetten akzeptiere, weil es schlichtweg keine Alternative gibt. Was ich letztlich alles aus Portugal in Erinnerung behalten werde weiß ich noch nicht genau. Eventuell bin ich im Moment auch einfach zu müde um vernünftig nachzudenken. Kreise ich noch immer zu sehr um mich selbst? Es kann möglich sein, doch es ist ein zentraler Bestandteil meines Selbst. Ich bin wie der Borges, der ohne Ende produziert und irgendwann, dann ist jeder Buchstabe ein Borges. Im Traum der letzten Nacht besaß ich einen nagelneuen Ferrari. Ich hatte ihn nicht mit meinem eigenen Geld gekauft, nein, er war von meiner Großmutter oder Mutter. Ich wohnte in den Bergen und dort stand auch das kostbare Fahrzeug und ein paar Freunde kamen dann und wann um sich dieses für eine Spritztour auszuborgen. Selbst saß ich tatsächlich nie am Steuer, ich hatte nie den Wunsch oder das Bedürfnis. Ein merkwürdiger Traum. Dann macht man eine Fahrradtour und dann erscheint einem mit geschlossenen Augen dieser Sportwagen. Bin ich nicht im Delirium – bin ich ein Mensch – wann wird das Schreiben ein Ende haben? Gibt es hier in fußläufiger Erreichbarkeit einen Supermarkt? Wird das Frühstück morgen gut sein? Warum ist die Verbindung mit meinem Vater gerade so wie sie ist?

21:04 Uhr
Es regnet sehr stark, vermutlich wird es die gesamte Nacht und den Vormittag so regnen – meine Motivation hält sich in Grenzen. Aber sollte ich mir daraus etwas machen? Einfach vertrauen, glauben, beten, im kontinuierlichen Austausch mit dem Universum sein und dann werden die Dinge schon geschehen. Manchmal brauchen bestimmte Entwicklungsschritte einfach ausgesprochen viel Zeit. Ich werde schon in die richtige Richtung geführt werden. Alles wird so werden wie es bestimmt ist zu werden. Ich vertraue in die Wegweiser und die Schienen des Universums.

21:22 Uhr
Die drei GPS-Etappen für morgen sehen gut aus. Das Höhenprofil ist nicht anspruchsvoll (es gibt fast keine Steigung) und die Strecke verläuft abseits viel befahrener Straßen. Das macht mir Mut. Morgen wird definitiv ein schöner Tag werden. Wie es dann weitergeht? Einfach Schritt für Schritt – alles zu seiner Zeit. Ich bin immer noch dabei laufen zu lernen. Vielleicht sogar noch mein gesamtes Leben. Doch Gott ist bei mir. Gott ist an meiner Seite.

#litoralsudoestevicentino – Samstag, 09. März 2024

09:23 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Die Sonne ist herausgekommen, meine Fähre gleich am Ufer, ich glaube, es wird ein guter Tag. Das Frühstück in der Jugendherberge mit zwei Tassen Kaffee und den Brötchen während dem Sturzregen war eine Wohltat. Gute 100 Kilometer werden es heute sein, ich hoffe doch, abseits von vielbefahrenen Straßen.

19:56 Uhr – Vila Nova de Milfontes
Nun bin ich hier im Hostel angekommen – habe bereits geduscht, war einkaufen, habe gekocht und gegessen. Es war ein langer Tag mit recht starkem kontinuierlichem Seitenwind. Ich weiß nicht genau, wie ich letztlich hierher gekommen bin. Immer wieder standen dichte Wolken am Himmel, ich wurde nass, dann kam die Sonne raus und unter der Regenjacke und -hose schwitzte ich sehr stark. Es war ein kontinuierliches Wechselbad der Gefühle. Doch irgendwie verlor ich nicht die Hoffnung oder Motivation mein Ziel des Tages zu erreichen. Jetzt befinde ich mich in dem kleinen Fischerstädtchen namens Vila Nova de Milfontes. Irgendwann erreichte ich Sines, dort fuhr ich recht lange eine weitläufige Uferstraße im Kreis um den Stadtkörper. Heute hatte ich irgendwie alles. Da war ein Gewitter, die heftigen Regenströme, der giftige Wind, die Sonne, die immer wieder durchbrach, ein verzaubernder Regenbogen hinter einem Mohnblumenfeld, die Fährfahrt von Sagres bis nach Troja, unzählige Blicke auf das Meer und die Wellen, bellende Hunde die mir teils (für einen kurzen Zeitraum) Zähne fletschend hinterherrannten, Wege mit Sand, die aufgrund all der Nässe zu richtigen Rutschpartien wurden, ein gutes Frühstück und ein reichhaltiges Abendessen. So ist das.

20:23 Uhr
Morgen geht es weiter. Die Wettervorhersage ist zwar nicht optimal, doch ich habe es mir in den Kopf gesetzt und wenn nichts Signifikantes wie ein Orkan auftaucht, dann wird es ein nicht zu anspruchsvoller Tag werden. Sicherlich gibt es diesen Teil in mir der sich die Frage stellt, warum und für was er das Ganze überhaupt macht. Aber alles in allem habe ich eine gute Zeit und ich weiß, dass ich mit meinem Vorhaben unweigerlich andere Seelen inspiriere.

Nach 21:00 Uhr
Direkt an der Wand in dem Bett in dem ich liege ist ein Bild angebracht mit einem alten Fahrrad und den Worten „CHOOSE HAPPINESS“. Irgendwie bin ich froh diese Reise zu unternehmen, bis auf die Fährfahrten mit eigener Kraftanstrengung von Marseille aus hierher gekommen zu sein und irgendwann nächste Woche sagen zu können, Portugal der Länge nach erradelt zu haben. Irgendwie glaube ich, dass ich mich auf einem guten Weg befinde. Ja, alles ist gut. Hier in der Unterkunft ist ein „verrückter Däne“, der bereits ans Nordkapp, durch das Baltikum, Polen, Deutschland, Island, Senegal und Marokko geradelt ist. Er ist deutlich jünger als ich soweit ich das einschätzen kann. Also ist alles gut. Ich bin froh, diesen Ort hier gefunden zu haben und mich jetzt wieder inmitten von Gleichgesinnten zu bewegen. Das Abendessen war opulent. Ein Berg Pasta mit Tomatensauße, eine Landgurke und eine kleine Ochsentomate mit zwei Knoblauchzehen, als Nachtisch eine Packung Chips und zwei Äpfel. Ich habe ja auch ansonsten gar nicht so viel gegessen den Tag über. Morgen wird die Sonne scheinen und alles sieht etwas anders aus.

„uluru dreams“ – Sonntag, 10. März 2024

15:22 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Unzählige Schlaglöcher später, einen bellenden Hund, Schmetterlinge und viele Sonnenstrahlen später befinde ich mich nun in dem herrlichen Aljezur. Der EV1 lief teils immer wieder parallel mit dem Fischerweg. Am Morgen war ich der Vorletzte, der die Unterkunft verlassen hat. Ich weiß gar nicht so recht warum. Um 06:45 Uhr saß ich als erster im Gemeinschaftsraum. Das lag vorwiegend daran, dass ich dort mein Smartphone über die Nacht zum Laden hatte und nicht auf die Uhr schauen konnte. Also hatte ich bereits in den frühen Morgenstunden immer wieder das drängende Gefühl, dass es bereits schon neun Uhr sein könnte. Ja, vermutlich wären die anderen dann bereits schon längst auf den Beinen gewesen. Ich unterhielt mich länger mit Mo aus Graz, der auf den kanarischen Inseln und dann in Marokko zum Wandern unterwegs war. Ich unterhielt mich mit dem verrückten Dänen, der diese Nacht vermutlich wild campend verbringen wird. Nun sitze ich auf der Dachterrasse des bezaubernden Hostels dem Himmel etwas näher. Ja, die Temperaturen waren heute schon recht sommerlich. 21 Grad Celsius hat gegen 11:30 Uhr ein Thermometer angezeigt. Nun bin ich also gar nicht mehr so lange in Portugal.

16:25 Uhr – Aljezur
Irgendwie bin ich hier gelandet – der Tag war entspannt, es war ein Sonntag mit viel Sonne. Das Hostel hier mit der Dachterrasse war eine gute Wahl, dort habe ich Sven aus Norddeutschland kennengelernt, der mir eine Empfehlung für Lagos ausgesprochen hat. Die Gedanken an Marokko werden immer stärker. Wie muss ich mich vorbereiten, um dort Fahrrad zu fahren und mich einigermaßen wohl zu fühlen? Ich muss mein Rad wieder instand setzen, das Rücklicht reparieren, die Schaltung einstellen und die Bremsbeläge (hinten) wechseln, als auch zwei Ersatzschläuche kaufen. Dann würde ich mich schon etwas sicherer fühlen. Ansonsten benötige ich eine analoge Karte und ein Gespräch mit Einheimischen bezüglich der Routen. Mit einem entsprechenden Sonnenschutz wäre ich noch deutlich besser ausgestattet.

19:37 Uhr
Morgen beginnt eine neue Woche. Wohin wird es mich ziehen? Was ist mir wichtig? Was sind meine Sehnsüchte und wie kann ich ihnen Ausdruck verleihen? Alles wird zu seiner Zeit kommen – darauf vertraue ich. Heute führte ich wieder recht viele Zwiegespräche mit Gott oder dem Universum. Ich spüre, dass es in diesen Gesprächen keine Fassade sondern einzig die Ehrlichkeit gibt. Denn ich bin nun einmal so wie ich bin. Und das zeichnet mich möglicherweise aus.

20:27 Uhr
Ich bin dabei „uluru dreams“ zu verfestigen – ich weiß nicht genau, was daraus werden wird noch was exakt die Zukunft bringt. Ich darf vertrauen, dass die richtigen Dinge geschehen werden.

21:11 Uhr
Ich habe mich in mein Bett zurückgezogen, im Gemeinschaftsraum waren es schlichtweg zu viele Menschen, zu viele Gespräche, zu viel Lautstärke, zu viel insgesamt. Vorhin auf der Dachterrasse wie ich mit Ma. telefonierte bellte ein Hund in der Nachbarschaft immer wieder recht laut, Mopeds fuhren dröhnend vorbei, Autos hupten. Ich dachte, ich werde verrückt. Jetzt befinde ich mich hier in dem 8-Bett-Zimmer mit all den Menschen, all den Gedanken, all den Gefühlen, all den Sehnsüchten, all den Träumen. Ich komme mir eingesperrt vor in dieser kleinen Welt, in ihren kleinen beschaulichen Welten. Morgen Lagos und dann gen Andalusien; wer weiß, was mich in Marokko erwarten wird. Ich bin eine lebende Seele, atme morgens beim Aufstehen das Abenteuer ein, muss mich bewegen und den Naturgewalten ausgesetzt sein. Ich muss frei sein und meine Träume verwirklichen. Ich darf mir von niemandem etwas einreden lassen. Ich muss schlichtweg leben so wie ich schreibe. Das ist mein Antrieb, das ist mein Warum, das ist mein Grund. Vom Himmel kam ich auf die Erde, zum Himmel ging ich auf der Erde, zum Himmel werde ich gehen, wenn ich die Erde verlasse. Ich bin ich mit allen meinen Facetten, mit allen meinen Schattenseiten, mit allen meinen Problemen, mit all meiner Seele. Die Sonne ruft mich, die Fremde braucht mich, das Unbekannte zieht mich. Dann am Ende wartet da Ma. auf mich, sie wird mich wieder halten wenn ich meine zu zerbrechen. In ihren Armen kann ich fallen und meinen zu zerreißen, doch sie wird da einfach nur neben mir weiter sein, weiter atmen, weiter sein. Einfach nur sein. All die Erlebnisse prasseln auf mich ein, es ist eine Überflutung an Reizen und Informationen, ich bräuchte jetzt mein Kloster, meinen Frieden, meine Meditation. Ich bin wieder zu viel in meinem Kopf, wieder waren sie da die Trigger nicht zu genügen, nichts wert zu sein, nicht auf Augenhöhe zu interagieren. Zu lange drückte ich sie weg, verdrängte sie, nahm sie nicht wahr oder war entkoppelt von ihnen. Aber das Gestern ist das Gestern, jetzt ist eine andere Zeit, jetzt ist jetzt so wie es ist. Alles ist gut. Ich liege trocken in einem warmen Bett, kann mich ausruhen und Energie tanken. Jetzt kann ich einfach sein.

Wieder denke ich an Lateinamerika. Alles wird gut werden. Alles ist gut.

11. März um 11:11 Uhr – Montag, 11. März 2024

20:03 Uhr – Lagos
Jetzt war ich am südwestlichsten Zipfel Europas. Am Vormittag ging alles ganz schnell. Ich befand mich bereits vor 07:30 Uhr auf dem Sattel, erblickte am Horizont die Sonne wie sie über der Landschaft stand und fuhr über traumhafte Wege durch paradiesisches Grün. Am Himmel war nicht eine Wolke zu sehen, perfektes Wetter also um meinem Vorhaben weiter gen Marokko zu kommen Nachdruck zu verleihen. In der Unterkunft gab es freien Kaffee, doch er war noch nicht zubereitet. So verließ ich ohne etwas gegessen oder getrunken zu haben meinen Schlafplatz. In Carrapateira gab es dann endlich einen Supermarkt – ich konnte mich eindecken. Zumindest in Teilen. Denn vor dem Betreten des Ladens traf mich der Schlag. Dort befanden sich bestimmt 15 Leute – Einheimische, doch größtenteils Wandernde, die vermutlich in der Ortschaft ihren Etappenstart des Tages hatten. Ich fand auch kein offenes Kaffee und so nahm ich meine Beine in die Hand und war dann urplötzlich schon vor dem Leuchtturm bei Sagres. Viele Touristen, es kamen zwei große Reisebusse an, sie standen an dem magischen Ort mit ihren Stativen, schossen Fotos und gingen auf die Klippen. Ich stellte mich an die Seite und wollte einen ruhigen Platz finden – dann stand da eine ältere Frau, wir kamen ins Gespräch und redeten eine gute halbe Stunde. Sie ist Dänin und reiste 1985 über das Meer in die USA. Doch sie nahm sich nicht einfach nur ein Boot, sie trampte auf dem Wasser. Schließlich in New York trampte sie weiter bis Detroit und dann bis Chicago. Sie inspirierte mich sehr stark. Sie sagte, dass sie jeden Tag mit dieser Neugierde und Faszination aus dem Haus gehe – sie war ein wahres Wunder. Ich aß eine Packung Schokoladenkekse und fand dann meinen perfekten Platz da ich einfach die Stimmung auf mich wirken ließ. Viele Leute waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr da. Zu einem Zeitpunkt blickte ich auf mein Smartphone, es war der 11. März um 11:11 Uhr, das Hintergrundbild hatte ich am Abend zuvor gewechselt, es war der Uluru. Die Blicke auf die Küste erinnerten mich an Australien, ich spürte sehr stark diese Sehnsucht in mir ziehen. In Sagres besuchte ich dann das Fort Fortaleza. Eine gute Stunde hielt ich mich dort auf. Ursprünglich wollte ich einzig die Windrose sehen doch dann ging ich den gut zwei Kilometer langen Rundweg entlang. In einer sehr schön angelegten Labyrintharchitektur befand sich ein Blowhole. Alle paar Sekunden drang aus der Tiefe ein rasantes Geräusch hervor. Lange saß ich auf der Bank, fasziniert von der vermeintlichen Einfachheit und gleichzeitig von der urgewaltigen Kraft. Glücklicherweise fand ich in Sagres einen kleinen Supermarkt, deckte mich etwas mit Brot, Käse, Äpfeln, Müsliriegeln und Wasser ein und weiter ging es. Das Wetter hatte sich stark geändert, Temperaturen wie im Hochsommer, die Sonne strahlte unentwegt und es ging immer wieder hoch und runter. Paradiesische Strände gibt es hier an der Algarve. Diese in Kombination mit den Straßen jedoch bedeuten viele steile Anstiege und Abfahrten in denen viel gebremst werden muss. Heute hörte ich das zweite Mal von einem französischen Radreisenden. Ich bin gespannt, ob ich ihn morgen oder übermorgen auf der Strecke sehen werde.

Finally in Faro – Dienstag, 12. März 2024

09:45 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
First stop of the day after probably 7 kilometers of cycling. Great people in Lagos, a lot of inspiration, sun-gazing in the morning at 06:49 Uhr was perfect. Hopefully having the possibility at my private beach today to swim in the sea. If things work out sleeping in Faro, if not in the city in between in Albufeira.

14:32 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Finally break with pasta, bread, peanut butter, and apple and an orange. As well as a lot of sun and the soothing sounds of the waves.

17:39 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Finally in Faro, waiting for a shower, I have one orange left and would like to see the sunset.

„Ein Spaziergang im Hindukusch“ – Mittwoch, 13. März 2024

16:13 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Chill day today, went from Faro to Tavira, now after more than 3.100 kilometers on the road some spiritual rest / insecurity. Sitting in a bar, drank one coffee con leche and two Sagres beer. Wrote six postcards, love the stamps of Portugal, they only sell one price category for international cards. Compared to Spain it is much cheaper. My bike is okay still I should change the chain. I am a little bit melancholic of leaving the country as I have the feeling that I did not experience it fully. But maybe that’s okay and it could be a reason to return. I will be in Morocco on Sunday, will I cycle there?
I have seen quite more cyclists the last couple of days, some with tents, others simply with a bag pack. I guess all of them do cover a different distance. What will Andalusia be like? Tomorrow I will be wiser.
I hope that my throat will become better throughout the day / night/ couple of following hours.

20:37 Uhr – Tavira
Seit dem späten Nachmittag befinde ich mich in der Jugendherberge. Ich bin leicht fiebrig, der Tag zog an mir wie ein Kinofilm auf der Leinwand vorbei, ich betrachtete ihn, doch war nicht wirklich Teil davon. Ich habe mir irgendetwas vom Jakobsweg, von dieser Reise erhofft. Doch jetzt ist alles wie vorbei; ich stelle das komplette Unterfangen in Frage, zweifle, weiß nicht exakt, in welche Richtung ich mich bewegen soll, morgen verlasse ich Portugal, doch was dann? Alles befindet sich im kontinuierlichen Wandel, ich habe morgen wieder 80 oder 90 Kilometer bis nach Huelva vor mir, doch was dann? Die Beziehung zu Ma. fühlt sich gerade sehr brüchig an, die vergangenen Monate hatten wir so viel Kontakt, irgendwie meine ich, dass jetzt eine stärkere Verbindung vorhanden sein sollte, doch was jetzt? Wie wird es weitergehen? Ich habe den Eindruck, dass mir das Leben Menschen, Situationen und Erlebnisse zuspielt und ich schlichtweg zu dumm oder unfähig bin, das Wahre zu sehen. Tief in mir kriege ich schon mit was geschieht, doch was mache ich daraus? Immer stehe ich im Weg. Manchmal frage ich mich, ob es ohne mich nicht einfacher wäre. Ich glaube, ich muss ein klägliches Bild abgeben. Ich bin die gescheiterte Existenz. Doch aus welchem Grund – wie geht es morgen weiter? Aus der Jugendherberge in Faro habe ich das Buch „Ein Spaziergang im Hindukusch“ von Eric Newby mitgenommen. Es lag dort im Bücherregal und ich hatte nicht die Erwartung, dass es ein anderer Mensch benötigen wird. Ich brauche meine eigene Privatsphäre. Die ganze Zeit befinden sich Menschen um mich herum. Es ist zum Verrückt werden. Vorhin kaufte ich mir sechs Postkarten und sieben Briefmarken, suchte mir ein Café und fand in der zweiten Reihe der prominenten Lage eine sehr fertige Spelunke. Einheimische tranken dort nach Mittag ihre Rotweine, ich bestellte meinen Kaffee und ein Bier und finalisierte alle sechs Postkarten. Nach dem zweiten Bier war ich recht angetrunken, ich hatte noch immer nichts gegessen und ohnehin, ich fühlte mich fiebrig, ich war fiebrig. Ich befinde mich nicht im richtigen Zustand eine solche Tour zu unternehmen. Inzwischen bin ich 34 Jahre alt, doch ich kann nicht alleine auf mich aufpassen, ich brauche meine Mutter oder einen anderen Menschen, damit dieser für mich da ist.

Wieder hatte ich am Tag unzählige Einfälle im Kopf was ich schreiben möchte, doch jetzt wo ich den Stift in der Hand halte sind sie alle verschwunden. Mühsam fülle ich ein paar Zeilen, doch es fließt nicht so recht. Ich habe den Eindruck, dass der Fußball die Köpfe aller Menschen aller Nationen eingenommen hat. In welche Richtung steuere ich? Werden meine Halsschmerzen morgen verschwunden sein? Warum ist es mir von Bedeutung nach Marokko zu gehen? Ich könnte dabei enttäuscht werden… Wie kann ich eine neue Geldquelle erschaffen? Was ist der zentrale Bestandteil des Lebens?

Die Vía Verde – Donnerstag, 14. März 2024

08:58 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Ready to rumble, setting of to Spain again, quite excited and not knowing where to sleep this night. Might be a long day.

11:28 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Now leaving Portugal. It was a great experience cycling alongside the coast and it almost feels as a decade since I took the ferry from A Guarda as the only passenger. A lot of impressions since then, weather changes, meeting, memories. I am excited what Andalusia will be like. Reaching Spain there will be one hour of time change.
So far cycling today was really beautiful and relaxed. It was good to take it more slowly yesterday and to rest in Tavira for quite some hours more. The breakfast in the youth-hostel was good Land sufficient, nevertheless I ate just a sandwich with two “Camerons” and took a big milk coffee waiting for the ferry at 11:30.

21:44 Uhr – Huelva
Es ist Wahnsinn, wie die Zeit verfliegt. Nun bin ich auch schon in Huelva, morgen in Cádiz und am Sonntag werde ich dann mit der Fähre nach Tanger übersetzen. Ich bin aufgeregt – so ist das nun einmal. Heute auf der Straße hatte ich wieder die unterschiedlichsten Gedanken – was soll aus mir werden, womit werde ich ab April mein Geld verdienen, soll ich in Marokko Fahrrad fahren und und und.
Letztlich kam ich zu keiner abschließenden zufriedenstellenden Antwort. Aber so ist es vermutlich das Leben. Der Start in Marseille erscheint mir so ausgesprochen fern. Die Infrastruktur bis zur Grenze heute war schön und verlief vorwiegend durch ruhige Gebiete, in Spanien war es durchwachsen. Zwei Mal flimmerte die Luft ausgesprochen stark in der Hitze. Ich merke schon, dass ich hier im Süden bin. Jetzt ist es bereits 22:00 Uhr, in Portugal wäre es erst 21:00 Uhr. Aber es hilft nichts zurückzuschauen. Alles hat seine Daseinsberechtigun
g.

„Wind, Sand und Sterne“ – Samstag, 16. März 2024

12:14 Uhr
Die Wäsche befindet sich in der Maschine, mein Geldbeutel trägt wieder ein paar Scheine, die Sonne lacht, eine neue Kette und ein 28 Zoll Schlauch hat einen glücklichen Besitzer gefunden. Endlich habe ich mit meinem Vater telefoniert. Morgen werde ich in Vejer de la Frontera sein. Heute ruhe beziehungsweise genieße ich Cádiz. Ich möchte ins Meer zum Baden gehen und hoffe, dass es nicht zu unrealistisch ist. Alles zurück auf Anfang. Ich muss oder vielmehr möchte Fortschritte mit der Digitalisierung des Schreibens machen.

12:38 Uhr
Ich sitze auf der Dachterrasse an meinem Platz an der Sonne. Immer mehr spüre ich, wie sehr ich in dieses Leben rücke. Wieder schöpfe ich die Kraft, dass – wenn es mit „Ein neuer Weg“ nichts werden wird – alles seine Bedeutung hat. Eine andere Energie fließt durch mich hindurch. Ich bin sehr entspannt. Rechts neben mir liegt der weiße Zettel mit den Gebeten, die ich vor ein paar Wochen auf dieser Reise verfasst habe. Dieser wird ein weiteres Mal ungelesen in den Papierkorb wandern. Die Tintenfüllfederhalteraneinanderreihungen lauten in etwa wie folgt: „I pray for love. I pray for peace. I pray for harmony. I pray for forgiveness. I pray for ease. I pray for acceptance. I pray for my father. I pray for my mother. I pray for M. I pray for O. I pray for P. I pray for N. and E. I pray for W. I pray for the HCU. I pray for the ECF. I pray for INS. I pray for the LGW. I pray for the HfWU. I pray for Ju. I pray for Je. I pray for An. I pray for Mat. I pray for Skylar. I pray for Flor. I pray for Abigail. I pray for Syrus. I pray for Hector. I pray for Dayane. I pray for the Arche Noah Hostel. I pray for Bogotá. I pray for Floresta. I pray for Xavier. I pray for José. I pray for F. I pray for C. I pray for A. I pray for W. I pray for Emerson. I pray for Anis. I pray for K. I pray for J. I pray for Gundis. I pray for Carlos. I pray for G. I pray for M. I pray for E. I pray for C. I pray for C. for Quito. I pray for A. I pray for S. I pray for Osho. I pray for Babaji. I pray for M. I pray for J. I pray for S. I pray for H. I pray for A. I pray for H. I pray for M. I pray for H. I pray for E. I pray for uncle H. I pray for N. I pray for Magdalena. I pray for Stella. I pray for Esther. I pray for E. I pray for M. I pray for L. I pray for J. I pray for B. I pray for T. I pray for I. I pray for K. I pray for J. I pray for M. I pray for M. I pray for M. I pray for the family S. I pray for B. I pray for A. I pray for J. I pray for J. I pray for D. I pray for forgiveness. I pray for integrity. I pray for T. I pray for M. I pray for J. I pray for S. I pray for J. I pray for P. I pray for D. I pray for H. I pray J. I pray for B. I pray for L. I pray for A. I pray for L. I pray for G. I pray for K. I pray for C. I pray for D. I pray for A. I pray for C. I pray for J. I pray for G. I pray for M. I pray for V. I pray for V. I pray for S. I pray for A. I pray for C. I pray for C. I pray for G. I pray for G. I pray for A. I pray for D. I pray for B. I pray for Mr. R. I pray for Mr. D. I pray for Mr. K. I pray for Mr. G. I pray for Ms. V.

15:33 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Another rest-day in Cádiz, beautiful city with a great energy. I bought a new chain and a tube (finally with the right valve). Yesterday was a long but rewarding ride with 120 kilometers. Part of it was the 30 kilometers cycle on the beach. It was not impossible but also not that easy. I guess all of the tourists in Matalascañas thought that I would be crazy pushing my loaded bike through the soft sand. At first I thought it would be impossible as the wheels were stuck three or four times and I was about to fell off to the ground. But then two other cyclists with proper gravelbikes and only small bag packs approached me from the other direction. I was believing that they already did 29 kilometers and so in my head it would be possible for me too. The only challenge was that the lowest point of the tide was at 12:53 pm and I arrived half an hour later. Nevertheless I accepted the challenge to ride for good two hours in the zenith of the sun. To get more stability I removed some air of the back tire. In the end I removed too much so there was almost none left. But I didn’t want to invest energy in pumping in more so I continued riding. I cycled without real pauses, I only get off the saddle to put out cereal bars and bananas (eating them whilst driving) and taking pictures. It was amazing yet a couple of police vans and fishermen off-road vehicles were on the beach or driving back to the city. It took quite a while until the silhouettes of Matalascañas somehow disappeared and the new forms of landscape appeared in front of me.
Then at more or less 3 pm the ferry arrived. I probably waited for three minutes with six or seven fishermen on scooters. Two of them were curious about my trip and helped me to put in more pressure into the tube. In the end I asked them if they have a recommendation for a cheap dish of the day as I was pretty hungry and still intending to continue the 50 kilometers to Cádiz. They named me a good spot for “Bocadillos” in the second row a bit outside the center directly on my track. Arriving in Sanlúcar de Barrameda the sun was burning, there were a lot of noises and stress. I was on the ground with the air pump. A quiet voice was calling two or three times “Sorry”. It took a bit for me to realize that this voice was ment to reach me. I turned my head and there was another cyclist. A female one. The Irish woman just had started her trip in the morning from Cádiz and she wanted to continue to cycle alongside the beach. I told her that it wouldn’t be possible not mainly for the tough physical aspect but for the rising of the water. She seemed to be disappointed which seemed to be reasonable to me. I introduced her to the EuroVelo-network an gifted her the map with the EV1 which I received in Tavira of the German lady.
Heading to Cádiz at 4 pm was not that hard. Finally I was lucky that I took another boat this day from El Puerto de Santa María for 2,80 Euros included the bike. I got the last one at 7 pm and enjoyed the 30 minutes ride with a beautiful view on the sunset and the mystic Cádiz hidden in surreal fog.

18:15 Uhr
Wieder sitze ich auf einer Dachterrasse. Dieses Mal im wunderschönen Cádiz. Die Sonne strahlt, das Klima ist hier im Süden Spaniens ohnehin deutlich wärmer, die Gebäude strahlen wunderschön weiß. Wenn ich noch wüsste als welcher Mensch ich am Montag, den 22. Januar 2024 in den Zug stieg, dann wäre diese Frage hinfällig. Südamerika holt mich immer stärker ein. Ich komme mich ein Stückchen nach Lima, Bogotá, Mexiko-Stadt oder Quito zurückversetzt vor. Es ist ein schönes Gefühl gepuncht mit etwas Melancholie. Tatsächlich dauert es eine Weile, bis man sich das Leben im Einklang mit den eigenen Träumen erobert und im Einklang mit dem eigenen Selbst aktiv konstruiert. Das Einfachste ist im Regelfall das folgerichtige Ergebnis einer langen Kette an gescheiterten Versuchen. Doch am Ende bleibst du und das wird den Unterschied darstellen. Vielleicht befindest du dich in einem Hostel. Es ist dein Leben. Die Urlauber kommen und gehen. Du bleibst. Bist du deswegen eine verkappte Existenz? Ich denke an Marokko und Tanger, an den weiten Sand und wieder an die Pyramiden. Die Temazcal aus Kolumbien ist Welten entfernt, was bleibt davon? Was stellte ich heute an? Was bleibt für die Ewigkeit? Ich las weiter in “Ein Spaziergang im Hindukusch”, telefonierte mit meinem Vater, entdeckte den Stadtkern und all die unzähligen Gassen, ging in die Kathedrale, kletterte auf den Turm, ging in die Krypta und in das Museum, kaufte einen neuen Fahrradschlauch mit französischem Ventil und eine Kette, machte mir ein XXL-Müsli mit Haferflocken, Sojamilch, Birne, Orange, Datteln und Zimt, trank Kaffee, erwarb in einer Panaderia zwei Empanadas mit Datteln (irrtümlicherweise auch mit Schinken und Käse), schaute in die Ferne, wusch meine Wäsche, hängte sie an der höchsten Stelle des Gebäudes auf einem separaten kleineren Dach auf, legte sie zusammen und verstaute sie in meiner linken blauen Satteltasche, schickte zwei Sprachnachrichten an meine Schwester und wusste nicht so recht wohin mit mir. Auf einer Bank im Zentrum aktualisierte ich einen Paperblanks-Eintrag mit recht ausführlichem Text auf dem Smartphone. Freilich schrieb ich analog. Die Inspiration windet sich hier in Andalusien durch die Häuserzeilen, die Energie ist positiv, das Vertrauen grenzenlos. Manchmal packt mich die Angst und ich frage mich, was ich da eigentlich anstelle aus meinem einen Leben. Mittlerweile versuche ich, dieser Frage nicht mehr allzu viel Aufmerksamkeit zu geben sondern stattdessen meine Augen auf das Leben zu richten. Morgen werde ich in Vejer de la Frontera bei den Bekannten des Jakobsweges übernachten. Ich bin gespannt auf diese weitere Begegnung. Scheinbar soll man von der Dachterrasse bereits auf den afrikanischen Kontinent blicken können. Ohnehin ist das Exotische, das Orientalische, die Fremde hier auf eine andere Art präsenter denn in Portugal. Sicherlich gab es dort brasilianische Einfüsse, viele Seelen mit indischen Wurzeln als auch Heerscharen an Touristen aus allen Nationen – doch Andalusien ist etwas Anderes.
Vor deinen eigenen Augen musst du immer deine eigene Realität erschaffen. Vielleicht braucht es eine Dekade bis man auf einer gewissen Ebene einen Schritt weiter ist, doch das Leben wird am Ende des Tages dafür sorgen, dass man – sofern es auf einer höheren Ebene für einen bestimmt ist— auch kommen wird. Also sitze ich wie so oft zuvor an einem Platz auf diesem 510 Millionen Quadratkilometer großen Planeten und halte sie fest die Seile meines Traumsegels um den passenden Kurs gen Zukunft einzuschlagen. Was jedoch sehe ich dort? Wohin steuere ich? Befindet sich dort eine einsame Insel, ein Refugium voller fruchtbarer Erde, ein sicherer Hafen für stürmische Zeiten, einen universellen Magneten oder eine Oase voller Wunder? Gestern wie ich die 30 Kilometer auf dem Sand parallel des Meeres fuhr flimmerte am Ende der Strand sehr stark. Es war eine optische Täuschung, ich meinte, dort befinde sich ewiges Wasser, ich musste an Antoine de Saint-Exupérys “Wind, Sand und Sterne” denken. Wolken haben sich über den Himmel gezogen, Möwen kreisen kreischend umher, keinen einzigen Meter fuhr ich heute mit dem Rad. Meine Tour ist nicht zu vergleichen mit “In 80 Tagen um die Welt”, mit den Rekordfahrten von Mark Beaumont oder mit den Bergbesteigungen von Reinhold Messner. Das Schreiben auf der Bluetooth-Tastatur mit dem Smartphone ist nicht das Gleiche wie mit meinem angebissenen aufklappbaren Apfel. Was wird die Zukunft bringen? Eventuell ist diese Frage so überflüssig wie: “Wie viel wird es nächste Woche regnen, wie viel Geld benötige ich um zufrieden zu sein, wie groß ist mein Einfluss auf diesem Planeten?” Alles Fragen, alles Geplappere des Verstandes. Er wird nie zufrieden sein. In dem Moment da ich diese Zeilen schreibe bin ich stark mit meinem Körper in Verbindung. Ich ruhe auf dem Boden. Ich spüre die Kilometer des gestrigen Tages, die Sonne auf meiner Haut, das reichhaltige Essen in meinem Magen und etwas Genugtuung, etwas geleistet zu haben. Es mag nichts Signifikantes oder Großes sein. Aber es ist ein Teil von Allem.

Was mich irritiert ist, dass wenn ich auf dem Messenger-Programm schreibe die Tastatur korrekt ist. Das bedeutet, dass das Y an der Stelle ist, da die Y-Taste ist, dass das Z an der Stelle ist, da die Z-Taste ist, Ä ist Ä und Ö ist Ö. Jetzt ist es allerdings wieder so, dass Y Z, Z Y, “ Ä und : Ö ist. Wieder muss ich mir die Frage stellen, was mir am Wichtigsten ist im Leben:

  • Die Freiheit, die Unabhängigkeit, die Autarkie, die Ungewissheit und das Abenteuer
  • Die Entdeckerlust, die Neugierde, die Offenheit und die Existenz ohne Verpflichtung oder Verantwortung
  • Die Momente der Extreme, das Überschreiten unsichtbarer Grenzen, das Spüren des Lebens in all seinen Facetten.

Gleichzeitig sind da in mir der Komfort, die Bequemlichkeit, die Angst und die Unsicherheit. Ich spüre allerdings mehr und mehr, dass ich nicht meine Angst oder meine Unsicherheit bin. Mittlerweile weiß ich, dass falls alles schief laufen sollte, ich mich immer noch auf mein Fahrrad setzen und einmal um die Welt fahren kann. Irgendwo gibt es immer eine Anlaufstelle, eine Bank zum Ruhen, interessierte oder interessante Menschen, etwas Neues zum Entdecken oder schlichtweg Rückenwind.
Also alles halb so wild sage ich mir und fahre fort im Konzept. Möglicherweise sollte ich mir wieder die Frage stellen, wohin mich das Meer spülen wird, wenn ich ein einzelner Wassertropfen bin. Habe ich es in der Hand? Kann ich die Richtung beeinflussen? Ist es relevant wie viel Kraft ich aufwende? Sollte ich den anderen Wassertropfen links, rechts, oben, unten, vorne und hinten Aufmerksamkeit schenken oder mich voll und ganz auf mich selbst konzentrieren?

Der Radreisende auf dem Plaza de España – Montag, 18. März 2024

15:42 Uhr
Ich glaube tatsächlich, dass es bessere Situationen gibt, als in diesem Zustand, in dem ich mich jetzt befinde, zu schreiben. Dennoch wage ich den Versuch trotzdem und weiß tief in mir, dass er erfolgreich sein wird. Es ist ein alltäglicher Montagnachmittag. Ich befinde mich auf der Dachterrasse und trinke Espresso mit einem Löffel Zucker, ich blicke von einem weißen Haus in Vejer auf die Landschaft Spaniens und bin glücklich. Seit dem Mittag haben wir fünf Bier getrunken. Aus dem ersten wurde ein zweites und so weiter und so fort. Direkt am zentralen Platz da EInheimische, neugierige Touristen und Influencer aufeinandertreffen saßen wir, redeten und beobachteten das rege Kommen und Gehen. Alte Männer auf Motorrädern, ein Reiseradler in fortgeschrittenem Alter, ein Gehörloser am Nachbartisch, hübsche Frauen aus Madrid, eine deutsche Frau ohne Orientierungssinn, Paketzusteller, Eltern, die ihre Kinder an der Hand von der Schule nach Hause brachten, eine Frau im Rollstuhl, Engländer oder Schwangere, alles war dabei. Ich saß da einfach und beobachtete die Szenerie und erfreute mich innerlich ein wenig da ich nicht der Erforderlichkeit ausgesetzt war, heute mein Fahrrad in Bewegung zu versetzen. Zwar gingen G. und ich vermutlich acht oder neun Kilometer einen sehr schönen Wanderweg entlang, doch war die Kraftaufwendung im Prinzip nur marginal. Immer wieder erinnerte mich alles an Ecuador oder Lateinamerika im Allgemeinen. Im Hintergrund sprechen leise die Stimmen eines Fernsehprogramms, ein Automotor rattert, die Tastatur klappert, Vögel fliegen gemächlich in der Luft, morgen werde ich in Marokko sein. Ich könnte bereits auch heute dort sein. Aber was dann? Was verspreche ich mir ernsthaft davon? Ich weiß, dass ich nach Marokko gehen darf, dass es ein Privileg ist und dass ich wahrlich glücklich bin, diese Erfahrung machen zu dürfen. Aber was dann? So wirklich weiß ich es nicht so recht, es wird sich entwickeln, ich bin zuversichtlich und dem Universum dankbar, dass es mich an die passenden Orte führen wird. Das Zeitgeschehen hat sich signifikant verändert aber wenn man es nicht gelernt hat das Wahre zu erblicken, dann kann es einen ganz schön in die Irre führen. Meine Beine sind froh über diesen Ruhetag, mein Magen benötigt eine Pause von dem Alkohol, dem Fisch und dem Olivenöl, meine Gedanken schweifen immer wieder nach Barcelona ab und mein Geist ist glücklich. So eingängig wie heute habe ich tatsächlich noch nie zuvor das Leben in seiner vollen Intensität gespürt sage ich mir. Und das sage ich mir nicht nur weil ich es niederschreibe sondern auch, weil es der Wahrheit entspricht.

Gen Land no. 40 – Dienstag, 19. März 2024

17:08 Uhr – Fähre Tarifa – Tanger
Es geht los nach Afrika. Der Radtag war nur begrenzt gut. Ausschließlich fuhr ich auf der Straße oder vielmehr auf dem Seitenstreifen. Über 50 Kilometer war die N-340 meine Begleitung. Der Abschied aus Vejer de la Fronterra war nicht einfach. Unmittelbar um 12:00 Uhr startete ich mit den Kirchenglocken hinein in die Mittagshitze. Die Biere vom Vortag spürte ich noch recht stark, sie hatten meinen gesamten Körper lädiert. In der Nacht konnte ich nicht sonderlich gut schlafen. Immer wieder drehte und wendete ich mich, vieles ging mir durch den Kopf. Immer wieder waren da die Gedanken an Marokko. Ich konnte nicht noch länger in der weißen Stadt bleiben, zu sehr zog das Ferne und Unbekannte an mir. Auf gen Land no. 40 also. Verheißungsvoll erstreckt sich auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar der afrikanische Kontinent. Nein, für mich ist meine Tour keine Spazierfahrt und doch ist sie nicht zu vergleichen mit den Bootsfahrten derer die mit Träumen und Erwartungen dem europäischen Kontinent entgegenziehen. Sicherlich ist das Wasser eine Grenze aber da gibt es noch etwas anderes Unsichtbares das trennt. Ich werde in den kommenden Stunden und Tagen etwas Zeit haben dieses mystische Geheimnis zu ergründen. Möglicherweise wird es auch nur bei ein paar Puzzlestücken bleiben, die wiederum als Orientierung dienen können.

20:23 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
After 3.474,03 kilometers on the bike (as well as pushing) I finally arrived in Tanger. I feel exhausted and drained because of the alcohol. I cycled probably 1.000 meters in Africa. My first 1.000 meters. I survived them. I wonder how many will follow them. Tomorrow is a new day. Everything happens for a reason. Expect nothing, appreciate everything. Slowly but surely I will walk my way.

20:33 Uhr – Tanger
Endlich befinde ich mich wieder in Afrika. Es war zwar nur eine kurze Fährfahrt, doch trotzdem befinde ich mich nun auf der anderen Seite in einem Land, von dem ich tatsächlich ganz wenig weiß. Immer noch stelle ich mir die Fragen, wohin es mich letztlich treiben wird. Alles wird schon werden. Viele Ideen habe ich im Kopf – ein Teil davon lässt sich letztlich umsetzen. Vejer de la Fronterra mit G., K., L., C., D., C. und D. ist nun Ewigkeiten entfernt. Letztlich frage ich mich, welche Kraft mich hierher getragen hat.

Bowles‘ Lettera 32 – Mittwoch, 20. März 2024

12:42 Uhr
Tatsächlich glaube ich, dass ich langsam in Marokko angekommen bin. Am Morgen regnete es kurz, ich vertrat mir ab gegen 08:00 Uhr die Beine, die Gassen waren leer, viele Katzen, Katzenbabies, altes Essen oder Müll in Tüten auf den Pflastersteinen, vor Hauseingängen und auf Treppenstufen. Nun befinde ich mich hier an einer geschützten Stelle in einer für Touristen geeigneten Location. In einem Laden fragte ich nach Tee, doch wegen Ramadan ist es in der Tat nicht so einfach etwas zum Essen oder Trinken während des Tages zu finden. Nachdem ich am Morgen für etwa 115 Euro das Fährticket bis nach Barcelona gekauft habe frühstückte ich im Hostel.

17:14 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
First 24 hours in Morocco. I acclimatized myself a bit to the different energy. In the morning at 8:30 am I left the hostel to explore the Medina which is the old part of Tangier. Almost no people were around, I saw more cats than human beings. There are a lot of small streets and some of them have dead ends. I photographed doors and found some interesting views of places, plants, white and blue colored buildings a contrasts by the early light. As there were some little drops of rain under the clouded sky I put on my rain-jacket. Nearby the harbor in the first row with all of the tourist catching restaurants and money change institutes I found an open agency selling ferry tickets. I asked for the connection Tangier – Barcelona and directly was provided a connection this Saturday 11:00 pm. I chose a Pullman seat for this long 31,5 hours trip. There is no additional price for the bicycle. I paid a little bit more than 1.200 Dirham which is a more or less good price. The boat is provided by the Italian company GNV. The only thing is that starting point is Tanger-Med – a harbor 40 kilometers east of the city. I might cycle to this place.
Now sitting on the rooftop-terrace I have coffee no. 2 this day. The breakfast at 09:30 am was quite delicious – a lot of sweet bakery and a cup of tea. Afterwards I went out again to the Tangier American Legation Museum. I was at points the only visitor in this magnificent building. You can see the history of the more than 200 year long connection between the United States of America and Morocco. Surely it has a strong diplomatic touch to keep this friendship between countries lively but I therefore admire this place as it is demonstrating the strength of a peaceful bilateral apprenticeship. The rooms were colorful, a fountain in the green patio provided a comfortable atmosphere, photographs of presidents such as Kennedy on the walls. I stumbled upon the name of a greater personality: P-A-U-L B-O-W-L-E-S. This US American writer and musician created books such as “Up Above the World”, “The Sheltering Sky”, “Let it come down” or the German title “Die leichte Beute – Stories aus Marokko”. There I also found the beautiful Olivetti-typewriter Lettera 32. The whole house was a labyrinth to me. I could move freely, I felt comfortable and reminded to my trips through South-America. For me it seems to be a good way to slowly connect with a new country by museums. Regularly not to many people frequent them, they silence the outside noises and you can spend as much time as you want to feed your curiosity. Surely not always.
Afterwards I went to the proximate Jewish / Hebrew cemetery which should open at 10 am. A couple of Taxis stood nearby, so it is a sign for a quite frequented place. Now all of the shops were opened but still it was not too crowded. I guess it’s due to Ramadan. The door of the cemetery was closed, a shepherd dog slept directly at the entrance on the ground, lifting up his head observing me as I approached but he was pretty peaceful. After some not so nice experiences with dogs I at the moment seem to be able to judge the energy and temper of them. I went into the nearest shop to ask the man in there – probably the owner – if the cemetery is open. He made a phone call and then said to me in 15 minutes. I first ask people if French is okay, but in the end the conversations mainly end in English or some bad mixture of Spanish-English-French. Still it always works out somehow. I didn’t want to wait 15 minutes right in front of the entrance but also didn’t want to walk much more so I tried to find a coffee place. There were bakeries – without public seats – or small grocery store. I went into one grocery store which seemed to me most promising selling tea / coffee but the man just said that because of Ramadan he doesn’t serve. So I headed back to the hostel. On the way I found a nice niche quite afar from the street – I ordered the typical dish (vegetable version) as well as a tea. Sitting at the table starting to write analogue a beautiful silver can with bread, salad as well as two ceramic bowls with black olives and figs in oil was served to me. I didn’t order salad but I was hungry so I started to eat. After a couple of minutes a simmering clayed bowl of Tajín with more bread was served and I knew that my stomach would be lucky to receive all of this delicious tasty food. The quality seemed to be really good – everything was fresh. I also was given a bottle of plastic water sized 0,5 liters but I didn’t touch it thinking I might have to pay more. But the bill was 85 dirham in total which I think is a more or less good option. Surely it is not a low price but as there are no places for locals serving food during daylight I did a good choice. Afterwards I returned back to the hostel, booking two more nights, going to the rooftop digitalizing my current journal no. 60 titled “… with an open heart / the body”. I worked for more or less 1,5 hours and drank some more tea. The sun was shining pretty strong and at around 3 pm I felt this strong urge to lay down. I pretty soon fell asleep which I normally don’t do. But it felt good, my body, my mind and my soul somehow needed the rest. Right now I feel much more peaceful, the Moroccans I met and talked so far were friendly, helpful and heartwarming.
I am excited to see what the next hours will bring. The sun is low which is a sign that the Muezzins will soon start to raise their voices. It reminds me utterly strong of Egypt and the rooftop terrace of the hostel in Luxor. That’s what I love about Africa, that they strongly keep alive their religion.

19:36 Uhr
Ich liege im Bett und bin recht zufrieden. Alles wird sich mit der Zeit entwickeln. Ich freue mich darauf, morgen einen weiteren Tag in Marokko erleben zu dürfen. Immer noch lese ich „Ein Spaziergang im Hindukusch“. Ich freue mich auf die Fährfahrt nach Barcelona. Ich werde am Montagfrüh ankommen. Ebenso bin ich zufrieden, wieder nach Deutschland zurückzukommen. Vermutlich muss ich morgen erneut Geld abheben. Aber so ist das nun einmal im Leben. Ich habe Hunger doch nur begrenzt Lust auf die Straße zu gehen und mich in das Treiben zu mischen.

22:30 Uhr
Mein erster Tag in Marokko ist zu Ende.

22:31 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
My first day in Morocco comes to an end. I have mixed feelings but to be honest I now feel much more in peace and equity as before. In the evening Nick the other German guy wanted to go out to eat something. I joined him and so he introduced me to a cheaper restaurant where he was the day before. I had the typical soup called “Harira”, another vegetarian Tajín and a cup I’d sweetened mint tea. It was a nice place with mainly locals and it costed 50 dirham which was a good deal. Afterwards we found a pastry on the way – I bought two pieces which were truly delicious. That’s the good thing if you did cycle for a long time that you are allowed to eat nonstop whatever you want. It seems to be a decade since I got up in the morning to have a first proper work in Tanger. In the evening the streets were crowded – you mainly see men but also older people or parents with their children. A young lady covered in her hijab throw an intense look at me as we passed each other.
I sometimes am worried about people that could steal something which means that I am not 100 percent comfortable walking through the streets. I like it so far that I still mainly feel natural. I am confronted with a lot of things about my person – therefore the city, the street, the people and at moments even the cats are a strong and honest mirror. You can’t cheat them. I often think about Latin America. Yet this thought is not so intense as in the past that I have the urge to go there directly. Right now I am here and I will go to Germany next. What happens then is not fully up to me but connected to the circumstances. I can set my intentions and my prayers, I can attract the situations and dreams that I want to attract and I can do what is within my possibilities. But in the end I will receive what I am meant to receive by the universe.
The other German woman in this room carried the book “The Marble Collecter” by Cecilia Ahern. It is funny as I found a book by the same female author in the surf hostel in Portugal and fell in love with it. Now it has become quiet here, the people are mainly calm, there is a lot of ease under the Moroccan sky. It could be that it is connected to Ramadan or to all of the spiritual works that are being performed by society.
What will happen tomorrow? I will have some phone calls, another walk, go and find some tasty food, I will write and digitalize, I may find some more museum or go to the cemetery another time. I do feel comfortable in my skin at the moment. I don’t feel any strong urge to change my situation, to be ashamed of something or to even hate myself as I may have done it in the past. I more and more accept, love and appreciate myself. I am who I am. There will come new people tomorrow as Nick and the woman are going to Spain. I will stay for two more nights. Saturday will be spend mainly waiting for the ferry boat. I arrange myself with it. If you want to travel, this is part of the process.
What else will come tomorrow? I asked this question so many times before and wrote so many answers. At the moment I am bored to find a potential one another time. Maybe I should stop to even ask the question and simply accept of what is.

Ein Minztee mit Rabbi Mordechai Bengio – Donnerstag, 21. März 2024

08:16 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
I am sitting on the rooftop-terrace again accompanied by a cat. As she is sitting on the pages 128 and 129 of my journal which I wanted to transcript and seems to have no intention to leave I focus on this small text. The night was long, still I couldn‘t somehow find many sleep. The sun is out, the seagulls are creating noises, some cars are on the streets but all in all it is still completely peaceful. That‘s why I like Tanger I guess. Not a lot of hurry, tranquility and freedom for the thoughts in once own head. The internet is not working, I wanted to call my mother – but now I have to wait and to change plans and simply accept whatever is not within my power. Slowly but surely I will find my way and pave it with my thoughts and deeds.

12:17 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Right now I find myself in a coffee directly nearby the old city wall. This place was at first the one I said to myself I would never go to because it looks too touristic. But somehow it attracted me and I have another time some quietness without being attracted by others. The day so far was peaceful – in the morning the internet didn’t work, I digitalized one more time, enjoyed the time with the cat, had a little walk in the windy streets and returned for breakfast. It was funny – all of us sat on the rooftop unter the space which was protected by the roof and the windows because of the weather. I liked it. An older French woman with utterly short grey hair spoke to me, another French guy who was traveling so far for three years in his van sat next to me and we were having a long conversation whilst eating. He recommended me Costa Rica. Time flew by, the other German guy gave me his last strawberries as he would leave today and set the intention to do not eat during daylight participating Ramadan.
I left for another walk feeling an inner restlessness, lost myself within the streets I have thought to already know and finally stood in front of a museum right next to the touristic place Petit Socco. The lady at the entrance said the museum is about the history of Morocco and includes paintings as well. So I paid 20 dirhams and entered the „Musée Dar Niaba“. For this amount of money it was truly worth the visit. I read more about the importance of the city for other countries into Africa and the main historic events of the past. Mainly at the first floor portraits and landscape drawings could be found. Painters of Europe but also of Morocco itself with names such as Eugene Delacroix, Diego Martin Lopez (Spanish painter), John Louis Endres, Hans Kleiss, R. Trinidad, Louis Granata, Odette Bruneau, Raymond Gillard, Romeo Charles Agletti, Max Flegier, Henri Pontoy, Jean Pierre Favre, Antonio Fuentes, Olga Koch or Paul Neri were exhibited there. I was strongly reminded to the museums in Bogotá and Medellín. Sometimes it is a strange feeling as you are the only person in a museum and there are around 10 securities being bored. I greeted each of them and said „Shakram“. One more thing that I noted were the „Moukhalas“ rifles and the beautiful ornamented powder bulbs. It’s not only the exhibited pieces that are interesting but the whole scenery, the architecture, the frames, the tiles, the flowers in the yard – the atmosphere in general which can’t be described. Somehow I feel this strong urge to get to know more about Morocco, but also Senegal, Algeria, Syria, Israel, the Iran and Jerusalem. Also I want to return to Egypt, cycle to the north cape and visit the flower island. A lot of ideas in my head or in my heart – reality will show what is meant to truly become true.
I left and gave the old Jewish cemetery „Cimetiere Juif de Tanger“ another try. And… the heavy door was open. I slowly entered not being able to figure out any person looking responsible. Soon a man came to me and he seemed to be the guard or the responsible person. He invited me to look around. Only another man was on this wide area – but soon I was alone with all of the memories of the dead. It is obvious that the cemetery can not be compared with for example the one in Pragues Josefovs 5 neighborhood. I hope that soon there will be prospects or tourist guides in various languages with the history and the most remarkable graves at this site. Later I received the information that 4.200 persons were buried there in the beginning of the 20th century included the one of Constable Attias Abraham and two rabbis. One of them is Mordecai Bengio. Other names that I found on the gravestones are Leon Shocron, Mesod Ederhy, Abraham Pinto Pilo, Jacob Tebelem, Menasse J. Cohen, Abraham J. Cohen and Jacob M. Nahon buried from 1910 to 1934. As a sign of attention I gifted 20 dirham to the old guard who at this moment carried a bucket with earth. It seemed to me that he also was the gardener there.
Now sitting in the „Dopamine – Dar D Dbagh“ coffee listening to the calming Arabic music in the background I wish to be able to continue on the process of writing and traveling for the next months and years. But reality is that the bank account tells a different story – I must create another time a source of income. Deep within myself I feel and know that my prayers become louder and more intense. Everything will figure out sooner or later. I am aware of it. That’s the process of life.

15:31 Uhr
Die Energie hat sich sehr stark verändert – meine beiden Zimmergenossen sind fort, Lino aus Frankreich ebenso – neue Menschen werden kommen. Die Katze liegt mit einem knappen Meter Sicherheitsabstand rechts von mir. Ich habe mich dazu entschieden heute bewusst zu essen und zu trinken. Am Morgen war es das Frühstück in der Unterkunft mit zwei Gläsern Minztee, am Mittag war es die Kanne Tee mit den zwei süßen Teilchen in dem Café – und jetzt knurrt mein Magen, jetzt denke ich an das Essen. Die Digitalisierung ist fast beendet. Ich bin traurig. Mit Ma. läuft es gerade nicht so, wir brauchen Abstand, jeder von uns muss sich bestimmte Fragen beantworten. Ich habe einen gemischten Tag. Ich höre „We Deserve To Dream“ von Xavier Rudd und „Alt und grau“ von Philipp Poisel, immer wieder bilden sich Tränen in meinen Augen, kullern die Wangen hinunter und trocknen dort langsam in dem lauwarmen Windzug. Warum befinden sie sich dort? Sie steckten zu lange fest in meinem Innen, sie fanden keine Wege nach draußen, ihnen fehlte es an Mut. Doch jetzt bricht da wieder ein Damm in meinem Innen, es ist ein weiterer Tag auf dem afrikanischen Kontinent – wer werde ich morgen sein? Als welcher Mensch stieg ich am Montagmorgen im Remstal mit meinem Fahrrad in den Zug und als welcher Mensch werde ich am 03. April wieder ankommen? Alles braucht seine Zeit, ich darf darauf vertrauen, dass meine Gebete erhört werden und mein Wirken früher oder später einen Unterschied darstellen wird. Immer tiefer versinke ich im Zentrum meines Seins, lasse mich fallen und vertraue darauf, dass alles seine Richtigkeit hat. Ich habe es in der Hand ob ich meine, dass das Leben mit Anstrengung und Mühsamkeit gleichzusetzen ist, oder ob ich es als Abenteuer, als Wunder und als ein Spiel mit unzähligen Möglichkeiten anerkenne. Ich verfüge über einen freien Willen und kann steuern, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Ja, ich verfüge über einen freien Willen. In meinem Geiste kann ich im Unsichtbaren erschaffen, was noch nicht in der Realität vorhanden ist. Alles ist gut, alles wird sich früher oder später fügen.

21:24 Uhr
Ich glaube es ist gut, dass ich mich jetzt während Ramadan in diesem muslimisch geprägten Land befinde. Es ist eine andere Stimmung, die Menschen sind mehr mit sich selbst beschäftigt, hier im Hostel hört man jeden Nachmittag und Abend einen jungen Mann laut Gebete sprechen. Ich fühle mich ausgezehrt und gleichzeitig bricht durch mich etwas Neues hindurch. Vieles hat sich verändert. Ich weiß, dass Vieles dem Wandel unterlaufen ist, wenn ich nach Deutschland zurückkomme.

Hidden – Freitag, 22. März 2024

15:04 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Now on the third day I finally discovered the Kasbah. Sitting in the Café à l’Anglaise next to the tabor square is a different Tanger than what I experienced so far in this short amount of time. I like to leave the hostel into the morning without having a clear goal of what is happening. So today my only goal was to go to the ATM to get some money. I went to the . I am sitting in front of the Gran Socco to take 1.000 Dirham and felt quite uncomfortable as it is a busy location. So I was feeling this mistrust that anyone would watch me getting money and then following me into a small street with a knife wanting to rob me. Heading back to the hostel surely nothing happened. Right next door of where I yesterday ate two sandwiches in an Imbiss there were two women baking fresh bread. I bought two of them still being warm and sat down on a public square with a beautiful view upon the slightly stormy sea. On my left side there was the Continental hotel and in front of me the harbor. For six Dinhar it was a cheap snack. To settle down a bit I went to the hostel and rested in front for a couple of minutes. I did not have internet connection nor did I find myself accompanied by cats. So I just opened maps.me and looked up for the direction to the Musée de la Kasbah. I immediately found it and was overwhelmed. The first painting which is exhibited (probably temporary) is called “The Conference of the Fish” by Mohammad El-Rawas. Other works I noted were:

  • “Sans Titre, 1943” – Ramsès Younan
  • “Enfants, oiseaux et la ville” – Elias Zayat
  • “The Woven Stone” – Kevork Mourad
  • “Paysage” – Etel Adnan
  • “Love” – Nasser Al Aswadi
  • “Time Trap” – Sami Halaby
  • “Figures in the City” – Assadour

More artists were Salah Enani or Samir Rafi. But not only paintings were present also sculptures “Le Cheval de Guernica” by Chakouni Choukini or video installations “My City Web” by Zena Assi. There was one video I had tears in my eyes. The name is “The Great March of Return” by Steve Sabella. It was created out of more than 1000 of photographs that have been collected since 2018 by Palestinian journalists. I realized how much I do feel and how many things are out of shape in this nowadays world. Still I tried to accept of who I am and what I do.
Art is an universal language without any barriers, it is inclusive and open to all kinds of citizens no matter the age, the religion, the color or the state of income. So deeply listening inside of myself I realize of how much more I should focus on being who I was meant to be. Slowly but surely I will find my way and continue do do all of the necessary steps in reality.

Ein Briefkasten am Gran Socco – Samstag, 23. März 2024

01:26 Uhr
Ein langer Tag neigt sich dem Ende zu. Es war eine schöne Zeit auf der Dachterrasse mit sehr inspirierenden Gesprächen. Auf einer gewissen Ebene spüre ich, dass letztlich alles relativ ist, alles könnte nicht gemacht werden – doch die Dinge und Ideen in der Realität umzusetzen – das stellt letztlich den Unterschied dar. Es waren viele interessante Begegnungen. Ich probiere sie festzuhalten: Erik aus Dresden, studiert Verfahrenstechnik, hat ein Erasmussemester in Sevilla gemacht, kann Kampfsport und Olympic Weightlifting, Natascha aus Paris, 29 Jahre alt, professionelle Tänzerin, hat Wurzeln die auch marokkanisch sein könnten (einzig dem Aussehen nach zu urteilen) – ich finde sie attraktiv, Ai aus den USA, über 40 Jahre alt, lebt jetzt in Nebraska, ist Busfahrer, hat in San Diego als Freiwilliger in einem Hostel gearbeitet, hat von einer Plattform namens Worldpacker erzählt, ist nicht einer Religion zugehörig sondern sieht schlichtweg Gott als universelles Wesen (hat mir Spinoza empfohlen); Paul aus England, über 60 Jahre alt, wuchs in London auf, hat mit 20 Jahren da er zuhause ausziehen wollte nur begrenztes Geld gehabt und dann am Kanal Boote zu verkaufen gesehen und zugeschlagen. Ist seitdem vorwiegend darauf unterwegs gewesen. Olivia aus Freiburg, macht Yoga, hat viel Gitarre gespielt und gesungen, gemeinsam haben wir das Rainbow-Lied „I Find My Joy“ gesungen – sie ist eine sehr besondere Person. William aus North-Carolina, ist 90 Tage in Marokko unterwegs und reist danach nach Tunesien und Italien. Pink Floyd-Fan, Autoliebhaber und öffentlicher Nahverkehrbefürworter, Anfang 20 Jahre alt.

Morgen ist ein neuer Tag. Ich bin gespannt, was mich erwarten wird. Alles ist gut. Gott ist bei mir, die Energien sind besonders. Ich habe eine starke Verbindung zu meinem Körper, zu meinen Spirits, zu Afrika und dem menschlichen Sein. Alles hat seinen Raum. Alles ist gut so wie es ist. Wieder spüre ich hier die Macht der Gebete, diese nicht greifbare Energie, diese Freiheit und den unendlichen Spielraum.

17:19 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Now I find myself at the harbor Tanger Med in front of the GNV ferry. All of the motorbikes, the loaded cars and vans are leaving the ship that brought them from Barcelona here to Africa. It is a special place – completely different than an airport. It’s the same that people come and go but what varies is that they take there cars over the water. I take my bicycle over the water. Today was my first more or less proper cycling day in Africa. It was a 40 kilometers ride but with heavy headwind and three little mountains. At times I was wondering why I do this, I was hating myself for this idea – but in the end I am standing here at the ocean knowing that I cycled from Marseille to Saint-Jean-Pied-de-Port to Santiago de Compostela to Lisboa to Tarifa and then headed over to the other continent. It was a short time here in this beautiful country. I mainly get to knew Morocco by the telling of the other travelers, by their traces upon the vast land in the northwest of Africa. They left there marks with there words, with the stories they shared, with the ease and peace that they were carrying within themselves. I truly believe that we live in a peaceful society. Our normal natural state of being is careing for each other, living in tune with Mother Nature and in harmony with god. We are joy, god and love. We are peace and freedom, greatness and infinity. We are human. We have our wounds and our fears, our worries and our problems. But god, the creator or the universe is everpresent. It might not flow through us 100 percent all of the time – but this is why we are alive. This is why we feel lost and insecure at times. We need each other. We need to listen to our needs and inner-observations. We need to love. We only have this one planet called earth which is our home.
My journey is coming to an end. I have tears in my eyes. In Barcelona I will step out of the ferry as a new human on a Monday morning. I learned upon this trip that nothing is impossible. I have realized that this voice in my head that I will not make it will always be present. But I can continue to move on, I can observe the sun upon the sky, I can interact with other souls, I can give and I can take care. I can step out of the saddle and push my bike or even pause. I am free to choose if I go left or right, if I return or if I continue to move on. I am a human being. Within my chest there is a beating heart. Truly I can move mountains and walk upon the water. Nothing is impossible. Not today and never within the future. Everything is possible. Believe is everything. We are the greatest beings that ever where born.

18:48 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Right now still waiting. All of the people who arrived upon the water are gone. The sun disappeared within the clouds beyond the sea above Andalusia in front of me. It truly is a special moment. I am excited of how it will be and as whom I will arrive. Moments like these don’t happen every day.

22:14 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Finally on the ship until half an hour. Through some nice circumstance I am in a cabin with a bed now instead of my seat on the ninth floor. Everything seems to be alright. Tomorrow waking up I will be on the water with hundreds of other people. Steve another cyclist is the reason of why I do sleep in this room.

Deck 6 im Barbereich – Sonntag, 24. März 2024

Nun befinde ich mich hier auf der hohen See mit Blick auf die Küste Spaniens zu meiner Linken. Die Nacht war besser als ich vermutet habe – zwar ging es immer wieder leicht auf und ab, doch es war ruhig und entspannend. Jetzt befinde ich mich auf Deck 6 im Barbereich an einer Steckdose, trinke einen großen Cappuccino mit Sojamilch, weiß, dass ich in unter 24 Stunden in Barcelona sein werde und bin froh. Zwar befinden sich in mir gemischte Gefühle – wieder ist es eine neue Reise, es geht auf zu neuen Ufern in eine unbekannte Richtung – doch die Rüstwerkzeuge habe ich in der Hand, die Rüstwerkzeuge wende ich jeden Tag an, sie werden kontinuierlich optimiert. Alles hat seine Richtigkeit. Hier befinden sich hunderte anderer Gäste – viele von ihnen reisten mit Motorrädern, Geländefahrzeugen oder Wohnmobilen durch Afrika, unternahmen Reisen oder Expeditionen, die möglicherweise weitaus länger und umfangreicher waren denn meine. Aber es ist zwecklos nach links und nach rechts zu schauen. Ich befinde mich immer dort wo ich mich befinde.

10:24 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
We are finally on the sea. There is no sun today, it is cloudy with a little bit of a rough sea. I am dreaming of the Atlantic and the Pacific Ocean. It is a strange feeling to be on the water in this huge ship with all of the vehicles in the bottom. Slowly the people do wake up. I am having my coffee no. 2, occupying the power outlet and just being alright with this kind of tranquility mainly being created by the waves. Each single one of the passengers they have their own stories and pasts, their own dreams and hopes. You can not influence the pathway of life – can you? In a little bit more then one week I will be back home. Still I am not closer to the answer of what home means to me. Yes – I guess that home is a place that I feel to always want to come back, I have a lot of memories connected to it and I know that there are people waiting for me.

17:06 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
I am tired and hungry. Everything that I ate so far today were two croissants. I had one glass of orange and two cups of coffee with soy-milk. I am not quite sure if I will eat anything today. Maybe I will just go to sleep. Tomorrow I will have a big bowl of cereals, almond milk and fruits. I am alright. The slow movement of the sea is soothing me. I am dreaming of her being by my side right now. The future is this unpainted picture with an infinite amount of possibilities. We can leave it blank or we can use each available color to make a difference, to ignite, to leave a sign. Everything is possible. At times you need to leave a continent and settle down to start a new beginning. You need to be able to let go of what you thought would be right. You need to move and pray. You need to say goodbye and start a new beginning. You need to be gentle with yourself. You need to be courageous and there.

17:21 Uhr
Die Zeit verstreicht langsam und mein Hunger lässt nach. Die Geschwindigkeit mit der wir uns vorwärts bewegen ist lächerlich im Vergleich zu der Fahrt im TGV durch Frankreich. Wird es in der Zukunft Hochgeschwindigkeitszüge über die Meere geben um Kontinente via Ozean zu verbinden? Was ist das Patentrezept für das Glück? Wer steuert das Glück? Warum ist mein Magen so unruhig?

Discovering Sarrià – Mittwoch, 27. März 2024

17:33 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Sitting in the Centre Cívic Casa Orlandai in the neighborhood of Sarrià enjoying the free internet of the city I still realize that my journey isn‘t finished so far. I enjoy to rest a couple of days here in the beautiful landscape around Barcelona. The weather is a lot colder than in Andalusia and Tanger, it feels almost as winter has come again. The ferry ride was long and a little bit exhausting, I had a weird energy afterwards. Cycling the 15 kilometers from the port to my temporary place ment passing 400 meters of altitude and getting to know the bicycle infrastructure of the capital of Katalunia better. With a loaded bike the two direction separate bike lanes were a little bit difficult, a lot of rapid E-Scooter user approached me, in the crossing the bike lane mainly took a 45 degree angle closer to the pedestrian passing meaning that it was necessary to slow down and be careful not to be mistaken to be in charge of the right of way with a lot of traffic lights. I had a not so nice experience with a bus driver, several times the traffic lights were red for a pretty long time so that I illegally ignored them. I thought that Barcelona would be a nice cycling city, it probably may be, still there are a lot of things that need to be fixed to seriously do that justice.
Since monday morning I finished the digitalization of journal no. 60, cleaned the bike with the gearshift, dismantled the chain, washed my clothes by hand, corrected „Against the Wind“ for the ECF, went grocery shopping by foot on 25 degree steep pathways and ate a lot. Also there was some wood chopping today for the chimney. I am lucky as I finally tried the Calçots. They are a typical Catalan food only available until the beginning of April – some onions cooked on the fire that are served with a delicious red dip.
In two days I will be on my bike again. The next destination is called Toulouse. But against my first plan reaching the French city via Andorra I might take the route more southwards to Perpignan avoiding a lot of meters of altitude.
It is difficult to answer the question what my future brings. But within the last weeks or more than two months I learned that it is never an option to give up. You always might feel as you want to give up, you can‘t imagine continuing your journey, but then some things happen that aren‘t within your power. It isn‘t relevant to believe in god or a higher force yet exactly this will bring you closer to some superficial state of being.
In front of me there is a green postcard with a white dove and the words: „Aspirem a la pau, al millorament social damunt la base de la germanor Christiana.“ by Dr. Pere Tarrés. They mean: „We aspire to peace, to social improvement on the basis of Christian brotherhood.“ It might seem strange to write these words shortly after I left the Muslim embossed region of Tanger. Nevertheless we all have the duty to empower ourselves, to be greater than we do think we are, to shine a light to those who do not dare to shine. In the end it will not be relevant what we didn‘t achieve but what we did try and what we did enable. We are the society and we have the right to think for ourselves, to speak for ourselves to decide for ourselves and to act for ourselves in accordance with a flourishing well-being of humanity.

Andorraalternative – Freitag, 29. März 2024

20:43 Uhr – Palafrugell
Es war eine gute – die richtige – Entscheidung nicht via Andorra, sondern via Perpignan zu fahren. Am Morgen klingelte der Wecker vor 06:00 Uhr, ich wachte neben Ma. auf, um 06:44 Uhr begann ich meine Etappe. Unendlich viel ist passiert. Unmittelbar bei den ersten Metern spürte ich, dass die Schaltung nicht optimal eingestellt war und die Kette immer wieder ohne mir ersichtlichen Grund sprang. Für die ersten 20 Kilometer benötigte ich 1,5 Stunden, ich verfuhr mich des Öfteren und ich konnte nur in einem sehr niedrigen Gang fahren. Ich stellte ein weiteres Mal das gesamte Vorhaben in Frage, hatte tiefe Selbstzweifel und war stark niedergeschlagen. Ich könnte stolz über meine Leistung sein und mich daran erfreuen aber nein, da gibt es etwas tief in mir, dass all das Errungene klein machen und schlecht reden muss. Aber ich akzeptiere es, ich habe ja keine andere Wahl. Am Ende werde ich über 4.000 Kilometer auf dem Sattel zurückgelegt haben. Es mag eine reife Leistung sein – aber wer richtet? Es kostet mich Kraft die Internetseite zu pflegen, die Aufrufe sind verschwindend gering, macht es überhaupt einen Sinn? Nach meinem Glück hier in dem Städtchen mit der Unterkunft habe ich mich zurückgezogen in das Zimmer. Aus irgendeinem Grund ist die Heizung übernatürlich heiß. Ich aß Haferflocken mit veganer Milch, die zwei verbleibenden Schokomuffins von Ma. und recht viele Müsliriegel. Ich bin müde, freue mich auf den Schlaf und das morgige Frühstück. Mein Geldvorrat neigt sich dem Ende zu.

Die Pirinexus – Samstag, 30. März 2024

21:20 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Finally in Perpignan. It was at first difficult to jump on my bike yesterday morning in Barcelona and was about giving up after a couple of kilometers as the new chain with the cleaned shifts didn’t work as expected. Now I have two gear options which work quite well (pretty high or pretty low). The route in Catalonia was good but signalization is often missing.
I just had a work around the center of Perpignan. The cathedral as well as the historic heart is beautiful, at some places there were illuminations. My intention was to find an open supermarket but after 8 pm this might have been too late. So I found a nice Kebap-place and took Falafel, French fries and a Turkish ayran drink for 8 euros. It was a good and tasty deal. Back in the youth hostel I made a cup of ginger tea which I consumed with a banana and a couple of chokolate cookies that I bought before the Pyrenees in Capmany before 2 pm in the cafe with a small shop at the Plaça Major. I also ordered there my last “Café con leche” in Spain for this time with a Bocadillo (cheese, olive oil and tomato) which turned out to be half a baguette. I also had a “postre dulce” and an apple. Getting above the Pyrenees was harder than expected. A lot of cyclists encountered me today. Most of them had gravel bikes (50 percent without luggage and 50 percent with frame panniers). The Spanish side of the EV8 / Pirinexus from la Jonquera (112 meters above sea level) to the Col de Panissars (325 meters) directly at the border was a nightmare. The landscape was beautiful but the official route was at points too steep (up and down) that it was quite dangerous to cycle or push the bike because of bigger stones or sand. It almost took me one hour for the 10 kilometers. Then on the French side it was a completely different route. Nice signalization combined with continuous concrete plates were inviting me to this beautiful country. All in all I need to say that cycling in Spain was nice because of the landscape, the vastness of food and culture as well as the kindness of the people. But a connected network of cycling infrastructure with solid signals is missing. I hope that within the future cycling will be improved with the national support enabling all kinds of people to actively move for leisure or commute on a bike.
Tomorrow will be a new day, I still need to check the wind and probably book the same hostel in Carcassonne where I was staying in the end of January. I am excited what Narbonne looks like. And thanks god my mother told me that tonight the time will be changed meaning that there is one hour less to sleep. Yet for cycling it’s better as there is light for one hour longer in the evening.

Nahe Ho-Chi-Minh-Stadt – Sonntag, 31. März 2024

21:41 Uhr – Carcassonne
Nun befinde ich mich also zum zweiten Mal auf dieser Reise in Carcassonne in der gleichen Unterkunft. Es war ein langer Tag, vor 08:30 Uhr saß ich wieder auf dem Sattel und war gegen 13:00 Uhr in Narbonne. Am Vormittag traf ich an einer Passage entlang eines Bahndamms ein Paar aus der Nähe von Frankfurt am Main, die von Avignon aus in Richtung der spanischen Grenze unterwegs waren. Sie hatten ihre Campingausrüstung mit dabei und waren sehr positiv. Ich erzählte ihnen, dass ich zwei Mal kurz davor war diese Tour abzubrechen. Aber nun habe ich fast 4.000 Kilometer in den Beinen. Was bleibt von der Reise? Morgen geht’s noch bis nach Toulouse – es ist ein Kinderspiel 100 Kilometer entlang des Canal du Midi. Vorausgesetzt, es kommt kein Orkan oder ein nicht vorhersehbares Ereignis. Endlich habe ich die Burg von Carcassonne gesehen. Ich habe dabei gemischte Gefühle. Greyerz zum Beispiel war deutlich spektakulärer. Es gab ein paar recht nobel aussehende Restaurants – gleichwohl gab es Menüs für teils um die 18 Euro. Ich telefonierte mit einem alten Schulfreund, der jetzt nach Berlin umgezogen war und ging dann hungrig wieder zurück gen Hostel. Bei der einen Pizzeria waren mir zu viele Menschen, ich ging in ein kleines vietnamesisches Fast-Food-Restaurant in welchem ein Gast saß. Der Inhaber machte mir einen großen Teller mit Nudeln, Ei und Gemüse. Leider gab es die Nachtische der Karte nicht, ich nahm einen Espresso und erhielt eine Mandarine und eine Banane geschenkt. Beim Zahlen lege ich ihm 12 Euro für den Betrag von 9,50 Euro auf den Tresen – er fragte warum und gab mir als Dankeschön für das Trinkgeld eine kleine Wasserflasche und einen Softdrink in einer Plastiktüte. Wir unterhielten uns recht lange, er besucht jedes Jahr nach dem chinesischen Neujahr (also nach Februar) seine Familie 200 Kilometer entfernt von Ho-Chi-Minh-Stadt am Wasser. Er reist gerne und hat zum Beispiel Brüssel, Porto, Barcelona, Paris, Marseille oder Thailand gesehen. Ich meinte zu ihm, dass wenn er nach Deutschland kommt, ich ihn zum Essen einlade. Freilich koche ich. Die Tour neigt sich dem Ende zu, ich bin etwas melancholisch, was kommt danach? Immer wieder denke ich an das Nordkap. Alles hat einen Sinn. Früher oder später werden die zentralen Fragen eine Antwort haben.

„La Petite Auberge de Saint-Sernin“ – Montag, 01. April 2024

21:21 Uhr – Toulouse
Endlich bin ich angekommen. Ich bin verwirrt. Ich sitze im Aufenthaltsbereich des Hostels „La Petite Auberge de Saint-Sernin“. Vor mir auf dem Tisch das dicke gebundene Buch des Gründers Didier Riquet mit dem Titel „Chemin faisant… – De Toulouse à la Pointe Saint Mathieu.“ Wohin wird mich meine nächste Reise führen? Nordkap? Australien? Diese Sehnsucht Portugal und Marokko kennenzulernen ist zumindest nicht mehr so stark ausgeprägt. Die Welt ist noch so groß, 40 Länder durfte ich bereits kennenlernen. Wie geht es weiter? In mir ist diese starke Unruhe, diese Untriebigkeit, die Notwendigkeit weiter das Neue in Erfahrung zu bringen. Der Inhaber des vietnamesischen Restaurants meinte gestern zu mir, dass man den Ort an dem man sich befindet oder da man wohnt lieben muss. Sonst schaut man im Außen an anderen Stellen nach etwas das man selbst bereits vielleicht hat. Mein Schreiben hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Heute am Canal du Midi hatte ich eine sehr spirituelle Bewusstseinserweiterung. Ich sah all die frischen Blätter an den Bäumen, fuhr unter den mächtigen Platanen durch und sie streckten ihre Äste in den Himmel. Am Ostermontag waren die Leute bei prächtigem Wetter an der frischen Luft. Das Wasser glitzerte. Die Sonne strahlte. So viel Leben überall. Alles hat sich verändert. Alles befindet sich in einem kontinuierlichen Wandel. Ich habe mich verändert. Oft dachte ich bereits zu wissen wer ich bin doch wurde danach immer eines Besseren belehrt. Aber so wie ich hier auf dem gediegenen Ledersessel in der Büchernische sitze spüre ich dieses kostbare Gefühl. Jeden Morgen werden wir erneut mit Leben beschenkt. Wir hängen da alle mit drin. Es gibt keine Abgehängten oder Verlierenden. Wir können als Gesellschaft einzig so stark sein wie das schwächste Glied. Es gibt immer ein Weiter. Eine Türe schließt sich, eine andere Türe öffnet sich. Vorhin ging ich ziellos in Richtung des Zentrums von Toulouse. Die Garonne schimmerte mindestens so traumhaft wie ein Fliederbusch. Das Ufer war von unzähligen Menschen bevölkert. Und dann stand ich vor der Basilika Notre-Dame de la Daurade. Mein Blick fiel auf das „18:00 Uhr Gottesdienst“-Schild. Im Innen eine magische Atmosphäre. Die Kerzen brannten, Einzelne saßen mit leuchtenden Augen auf den Holzbänken – etwas lag in der Luft. Heute wurde mir bewusst, dass ich den Schlüssel zu der geheimen Kammer angefangen hatte zu drehen. Einen Großteil meines Lebens dachte ich, dass das Schloss verrostet sei und ich niemals in diesem irdischen Körper Zugang zu dem Zimmer erhalten würde. Aber da gab es diesen Vorgeschmack. Ich weiß nicht exakt, wodurch er initiiert wurde. Vielleicht ist es das Gefühl des Frühlings. Nun trägt mich deutlich mehr Energie. Alles befindet sich im Fluss. Jede Reise hat ein Ende. Doch alles ist miteinander in Verbindung. Wir sind ein ewiglicher rießiger Organismus. Ich freue mich darauf, wieder zu zelten. Ich freue mich darauf, wieder ein Lagerfeuer zu machen. Ich bin gewachsen. Ich bin im Frieden. Ich bin im Reinen. Ich bin die Liebe. Bei Ma. in der klitzekleinen Kirche mit den 22 Stühlen las ich die Worte „El amor es la luz del alma.“ Die Musik spielt und die Vögel singen. Ich bin meinem Schicksal nicht ausgeliefert. Ich bin der Schöpfende meiner Realität. Am Ende des Tages ergibt alles einen Sinn. Auch wenn dieser Tag Gott gehört und die Dauer eines Lebens hat. Immer noch fehlen mir ein paar Seiten von „Ein Spaziergang im Hindukusch“. Ich habe mir den Bildband „Earth from Above – La Tierra Vista Desde El Cielo“ von Yann Arthus-Bertrand vom Regalbrett geklaubt. Atemberaubende Aufnahmen der Landschaften. Am 03. Mai 2024 werde ich mich im Zeppelin in der Luft befinden. Wann stehe ich am Nordkap? Was ist morgen? Ich kann noch die gesamte Dauer meines Lebens damit verbringen mir über diese Frage den Kopf zu zerbrechen. In der vergangenen Nacht träumte ich sehr intensiv.
Ohnehin verschmilzt die Realität immer mehr mit meinem Unterbewusstsein. Oft hatte ich den Eindruck Momente oder Orte bereits erlebt zu haben. Man mag sagen, dass das mit einem gesunden Menschenverstand nicht realistisch ist. Aber ich bin der Zeuge, dass es die Wahrheit ist. Ich bin in meinem Element. Ich bin ich. Diese Erkenntnis kann die Hölle oder der Himmel, ein Fluch oder ein Segen sein. Mein Leben liegt vor mir wie die Straße auf der ich fuhr. Manchmal verschwand sie, war ein schmaler Pfad oder eine Sackgasse. Aber es ging immer weiter. Es gab immer einen Weg. Die Zukunft hat einen Namen: Sie ist möglich. Sie kann Schritt für Schritt ausprobiert werden. Sie ist Freund und Begleiter. Alles zurück auf Anfang.

#paris2024 – Dienstag, 02. April 2024

Zug Toulouse – Paris Austerlitz
Ich fahre einmal quer durch Frankreich. Leider sitze ich nicht in einem TGV sondern in einem Intercité. Vermutlich muss ich mich damit anfreunden, bis 17:00 Uhr auf diesem Platz zu sitzen. Die Landschaft zieht an mir vorbei – Frankreich zieht an mir vorbei. Die Pyrenäen sind bereits weit entfernt, Marseille ebenso. Das nächste Zwischenziel ist Paris, dann eine Nacht in Straßburg, wieder einmal kurz die Westfassade, dann Richtung Remstal. Das Fahren im Zug ist nicht das Gleiche wie das Fliegen. Es ist anstrengender und langwieriger. Gleichzeitig hat es etwas, wenn das Sonnenlicht gepaart mit den Schatten auf die Seiten fällt, die Feldwege, Äcker, Haine, Bachläufe, Blütenfelder, Teiche, Straßen, Gehöfte und Dörfer am Fenster vorbeiziehen. Wir befinden uns im Jahre 2024 nach Christus. Alles hat sich verändert. Am Morgen im Hotel laß ich die sechs Seiten „Entstehungsgeschichte“ der Jugendherberge. Der Gründer reiste bis an das Nordkap und wollte von dort aus bis nach Toulouse. Er kam bis nach Oslo – eventuell auch etwas länger. Dann eröffnete er einen Ort für die Gemeinschaft. Ich schlief im Zimmer namens Seoul. Es gab auch Venedig, Prag, Hamburg, Sevilla oder Quebec. Welcher Mensch bin ich, wenn ich nach Deutschland zurückkommen werde? Was geschieht mit mir? Ich sitze hier eingequetscht auf Sitzplatz no. 4 in Fahrtrichtung links am Fenster in Wagen no. 2. Der Platz neben mir ist frei. Außer mir gibt es noch ein anderes Fahrrad in Wagen no. 3. Die Frau befindet sich direkt dort und hat ein sehr üppiges Dekolletee. Wie ich vorhin schaute ob mein Rad noch korrekt steht unterhielt sie sich mit einem anderen Mann. Ich war etwas enttäuscht. Ich habe Kopfweh. Das vegetarische Sandwich und die zwei Pain-aux-Chocolats, die ich kurz vor dem Bahnhof bei der bezaubernden Verkäuferin erwarb sind bereits verschwunden.

14:10 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
It is time to head back. After more than two months on the road I will reach Germany for another time. I am excited what will happen within the next days and weeks. Within myself there is some kind of chaos. Toulouse was great but truly short. It‘s a city you can spend a couple of days or a lifetime. I left there after a some hours. What will it be like to stand in Straßburg in the evening tonight?
Who am I and who I decide to be. The landscape passes alongside the window of the train and I am wondering why the hell I at some point decided to write in English for the small Polarsteps-chapters. I invested time and energy- does it make any difference. Where will my next trip lead me. Norway must be a good choice. There were various situations within the last one to two weeks where I was shown by the universe that the Northcape will be my dream destination. For sure it willl take some mental and physical preparation. I need to repair my bike and to get some proper rest. I need to apply for a job, work for a couple of weeks, safe some money and quit the job again. Will I continue like this my whole life long? My CV is a mess. But to be honest my CV is the mirror of my life. It might seem to be chaotic but throughout the last couple of years I figured out that all of the pieces are connected by a bigger picture. Everything makes sense. Yes- probably I need to be 68 years old to be wiser. Yet I can say that I left the safe Harbour, that I did what once scared me, that I did step out of my comfort zone and that I know that nothing is impossible. There was a time back then that I thought this term „impossible“ is true but I wasn‘t able to properly experience it by myself. Now I have some kind of proud of who I am and of what I am able to achieve. I guess this feeling and knowing is one of the most profound and powerful insights and forces of the world. We are all connected, everything is connected.
My body is grateful for the rest, I need to gain weight and muscles again, I need to have walks in nature without forcing myself to go beyond my limits. I need to talk with my parents and find something in my olds children’s room that I couldn‘t find so far. I need to finish this chapter and start another one. Everything is connected. I need to find peace within myself. I wish that one day I can say that I took the Southwest Chief Train from Los Angeles all the way to Chicago, that I visited Machu Picchu for four or five times, that I have been to Senegal and Algeria, to Libya and to the Sudan. I touched the black stone in Mekka and was hiking in Jerusalem, I cycled to the Northcape and climbed upon a 6.000 meter high mountain. I completely forgot who I was to completely find myself. I needed to break several mirrors to finally find myself, to look myself in the eyes as deep as possible to realize that this person completely is responsible for wherever to go. I need to be in charge, I am the captain of my ship, I need to say to myself to go left or right, to turn around and to go back, to slow down or to hurry up, to marry a woman or to be a free man. I can decide if I want to have empty pockets but drink a lot of coffee, read a lot of books and travel with a heart full of memories. I can escape the state of insignificance to chance myself and probably someone’s else’s perception of their life’s. I would rather see a billion sunrises than to be blinded by the thick walls of security. I would rather die upon the open road in the midst of a thunderstorm with my journal and the fountain pen in my backpack than to quietly die out of inner emptiness. I would rather open up my hands and arms to take new possibilities rather to hold on to what might comfort my mind. I need to wake up each day and take action.
Your life is not a game. Your life is the purest reality. It can‘t be any purer. You need to find what fulfills you. No one can give it to you. You need to focus on your personal development rather than blame others for your situation. You need to get up and work for your dreams. You need to develop momentum to achieve your goals. You need to have deep talks with the gods, with the spirit and the everlasting sense of deep transformation. You are so much more than you think you are. You are an infinite being full of love and light, full of hope and excitement, full of adventure and willpower. You only need to believe in your own beauty and give more power to the pictures within your mind than to the bright pictures of the outside.
You need to flourish as the flowers do in spring. They do not care how cold or dark it was yesterday. They only focus on the natural process of life and of growth. They do not need to think about how to grow. It simply happens if they are provided with light, water and the other necessary informations.
We do live in a world full of possibilities. We are the richest species that can be found within the universe. We are the children’s of god. We are peaceful warriors. We have our own talents. We do what we need to do. And sometimes we need to do what we don‘t want to do to finally sooner or later do what we ever wished to do. There is no past and there will never be a future. There is only now. And this now is written again and again and again and again in each present moment. There is only now and now and now and now. Everything happens now. You need to shift your awareness to find yourself and the full power of your inner capabilities. You need to shift your perspective and release what is holding you back from fully being yourself. You completely need to step into the person that you wish to be. It is possible. There are no boundaries. Setbacks are necessary for your own personal growth. Discouragement is necessary to find true inner courage in the life.
If something is meant to be for you you will receive it sooner or later. You don‘t need to know within your small limited mind how to get there or how to achieve it. You will receive it as you are blessed and holy.

14:48 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
There never is a second moment. There is only every moment once. So each decision that you make will inevitably have consequences. You are not only responsible for the decisions you make but also for the once’s that you don‘t make. Simply being on earth gives you credit to be as everyone is. But you at some point need to stand up by yourself to order the chaos that you do find yourself in. You might identify you with chaos or failure. But you are not. It is a temporary state of having incorrect information about yourself. You need to update / release your mind. You need to step into the vastness of life to be. As the sun comes out each morning you are waking up each morning at new. You will be born thousands of times within your life. You have your own story. Every carries their own story. You are powerful beyond your own imagination. You are a hero being dressed as everyone else is. You are dreaming all of the time and as you do grow you will live on the level of your dreams. Do not worry about what might happen. Everything somehow will happen. You don‘t need to know how. Let universe perform the miracles. Focus on your own things. You can‘t be responsible for everything. You need to share trust and believe. You need to see the potential in others, you need to encourage, you need to support. You are a big creation machine. You will only stumble and fall to focus your energy, to let your questions become deeper and more intense and then you will find the strength to get back up. You might think that you are loosing but you are not loosing but instead receiving informations that are essential for your own process of development. If you are being discouraged it is simply because you can‘t deal with disappointment. But it is possible for your own energy, for the river of life flowing through you. Your own mind is a powerful machine. You observe and you receive information but it is up to you what you are going to do with these informations. This is the choice of the free will. You are always free to choose. This can be heaven or hell. Hell is not external but only internal. You might be tempted by the outside but it is just a test to see your strength and you can actively act how you wish to do.
The world could be peaceful. The world is peaceful. But there will be always events happening, people saying things and informations being shared that might state different. But the reality is that the world is peaceful. You are peace. You are the most powerful being on earth. You are the personification of god. You are everpresent. You are magic. You are love. You are light. You are holy. You are blessed. You are greater than you think you are. You are peace. You are inspiration. You are life. You are movement. You are joy. You are adventuresses. You are will-power. You are forgiveness. You are the source of innovation. You are creating within each and every single moment. You are not dependent on someone’s else approval. You can give yourself credit. You are the richest person on earth. You are believe. You are faith. You are dedication. You are liberation. You are in synchronicity.

18:43 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
It was quite a mess to switch from Paris Austerlitz to Gare de l‘Est. There was heavy rain and as it was evening a lot of commuters where on the streets. I did find my way alongside the Seine river through all of the pedestrians, the other cyclists, the taxis, busses and cars. At the beginning I thought that one hour is a lot to change trains but regarding the fact that I needed to go out of the train two times (one for the panniers and one for the bike) with the other passengers, putting on the rainjacket, stopping two times to check the right direction on the phone and waiting at all of the red lights I arrived 20 minutes before departure at the station. It is an incredibly long train, I walked for maybe 10 minutes to reach the wagon no. 11 which is immediately the first one. This means that I am the first passenger sitting into the direction of travel. I am hungry, luckily there is a Kebap Imbiss right Next to the station in Metz where I need to switch trains one last time for today. Tomorrow I will need to get four trains to finally come back home. In Paris I felt really small and a lot of insecurity coming up. I couldn’t imagine that I did cycle 4.000 kilometers. The last and only time I was staying in the hostel in Strasbourg I am staying tonight was on my Paneuropa-journey no. 2 with the intention to reach Paris, Brussels and then Londres. But heading from Fribourg to Strasbourg I had this accident with the small animal 30 kilometers before arrival and was laying in the hostel bed with incredible pain barely being able to move.

19:00 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Now the TGV accelerated to above 300 kilometers per hour, the suburbs of the big metropolitan area Paris are far away, Germany comes closer. It’s incredible that humankind invented the technic to create a transport vehicle for a lot of people with such a speed upon the earth.

19:49 Uhr – TGV Paris – Metz
Mit 315 km/h brausen wir durch die Landschaft. Dieses Leben ist intensiv, ein Traum, ein Wunder. Doch um auf den Geschmack zu kommen muss man den Mut haben die Türe zu öffnen und in das Unbekannte zu gehen. Was dort wartet, das lässt sich schwer plan oder eher: es lässt sich ausgesprochen einfach planen – aber was dann in der Realität geschieht, das ist nicht die Sache deines eigenen kleinen beschaulichen Selbst. Habe ich bereits erwähnt, dass ich Züge liebe? Stuttgart – Hamburg, Berlin – Basel, Wien – München – Basel, Marseille – Mulhouse, Bordeaux – Stuttgart, Los Angeles – Albuquerque, Cusco – Aguascalientes und und und. Dieses Leben ist ein Wunder. Es mag beizeiten ausgesprochen schnell vorbeifliegen, doch in Wahrheit geschieht auf einer unsichtbaren Ebene verdammt viel. Also ist alles so wie es sein soll. Heute und auf Ewigkeiten.

23:11 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Finally I am in my bed in the hostel in Strasbourg. It’s kind of strange to be here again. At times I feel this strong passive aggressiveness within me especially if other people are loud or don’t care. Within the last weeks I used cycling as a Ventile. But what will be within the next days and weeks. I am pretty scared of what’s going to happen. But the most important thing I believe is to have confidence and a positive mindset. Then everything else will flow in synchronicity with it and be alright.
I am tired of cycling and am glad to get some rest within the next days. I think I will eat a lot and simply be who I am. I don’t want to switch of the light as I am still a bit hungry and am scared of worrying. But I accept it and have faith. I am alright.

„Perpetuum Publishings“ – Mittwoch, 03. April 2024

23:17 Uhr (Polarsteps-Eintrag)
Finally I lay in my bed. It is quiet, the last weeks passed by so quickly. Yesterday Toulouse, Paris and Strasbourg- the blink of an eyesight. Today I met Amy originally from China now living in Belgrad. Anyway the train rides were inspiring, I observed the people and how they interact and became aware that everything is connected.
Back home I washed the clothes and sorted my things and went to my desk to sort the papers and to open “Perpetuum Publishings”. I have a lot of new ideas but in essence my main dreams and goals are the same. I write them down again and again, find synchronicities and similarities, sort them and print out the paper, add new thoughts by pen and rearrange them, I open a new document and write them down again to throw the old one in the bin. Now the rain is falling down on the roofs, my legs are hurting as I was running for maybe one hour – everything is different.
Who am I and who am I going to be? Who cares? Who was I yesterday?

„Fatu Hiva“ – Montag, 08. April 2024

16:32 Uhr
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wieder länger an einem Fleck zu sein, wieder zu Hause zu sein. Ich lese viel, Thor Heyerdahls „Fatu Hiva“ hat Eric Newby abgelöst, ich habe mir online „Der letzte Eskimobrachvogel“ bestellt und aus der Stadtbibliothek am Mailänder Platz in Stuttgart „Across Europe – Caspar läuft – 5.250 KM quer durch Europa“ von Jan-Caspar Look, „Der Weg ist mein Zuhause – Zu Fuß von Gibraltar ans Nordkap“ von Philipp Fuge, „Einsame Weltreise“ von Alma M. Karlin, „Juri Gagarin – Das Leben“ von Ludmila Pavlova-Marinsky, „Die Eroberung des Himmels – Das Leben des Flugpioniers Alberto Santos-Dumont“ von Nancy Winters als auch „Himmel über der Wüste“ von Paul Bowles ausgeliehen. Ich bin innerlich sehr unruhig, habe viele zweifelnde Gedanken – es erscheint mir rätselhaft, wie ich noch vor einer Woche auf dem Fahrradsattel sitzen konnte. Die Internetseite ist aktualisiert, doch mir fehlt der Mut den Beitrag „Ein neuer Weg“ zu veröffentlichen. Was hat es ohnehin für einen Sinn, was ich mache? Ich weiß, dass die Frage nicht konstruktiv ist und am besten gar nicht auftauchen sollte. Aber sie ploppt immer wieder auf, sie wegzudrücken ist keine gute Sache – also darf ich sie akzeptieren und den Glauben stärker werden lassen, dass ich eine Antwort früher oder später erhalten werde.

Meine Schreibmaschine steht immer noch in dem Karton, ich dachte mich packt unmittelbar etwas, sie ans Tageslicht zu bringen – aber nein…

23:00 Uhr
Soeben waren meine Mutter und ich noch in der Dunkelheit spazieren. Zu was wären wir fähig, wenn wir unser volles Potential entfalten? Die Apfelblüten verströmten einen betörenden Duft, ein lauer Wind zog über die Äcker. Vieles geschieht in mir, immer noch habe ich die Phasen da ich meine zu zerreißen, zu verschwinden oder mich in Luft aufzulösen. In mir geht so vieles vor, wie lange war der Inkognito-Tab mein Ventil? Trotz dem Chaos in mir war es ein langer Tag, morgen werden die Karten wieder neu gemischt, ich fahre mit dem Rad zu meinem Vater, wir werden gemeinsam frühstücken, alles beim Alten.

Die Nordkap-Route – Dienstag, 09. April 2024

21:39 Uhr
Das Notizbuch will nicht fertig werden. Ich darf mich immer weiter aus meiner Comfort-Zone herauswagen. Vieles gibt es, was ich gerne noch machen möchte in meinem Leben – viele Träume trage ich in meiner Seele. Das Leben ist ausgesprochen kostbar. Ich denke an die Worte der älteren Dame aus der S-Bahn heute morgen: „Ich wünsche Ihnen das Glück dort wo sie es brauchen.“ Sie hatte einen sehr besonderen und wachen Blick. Sie hatte mir viel mitzuteilen. Jetzt bin ich wieder hier im Remstal; wie verwurzelt fühle ich mich mit diesem Ort, wie sehr bin ich ein Teil von allem, von der Gemeinschaft, von den Menschen? Wohin gehe ich? Was mache ich aus meinem Leben? Was wird morgen geschehen?

22:00 Uhr
Heute habe ich bereits etwas konkreter damit begonnen, die Nordkap-Route am PC zu planen. Die Strecke von hier bis nach Örebro via Hannover, Hamburg, Schleswig und Kopenhagen habe ich als GPS-Datei unter Berücksichtigung der jeweiligen vorhandenen Radwege erstellt. Ich freue mich bereits auf diese nächste längere Reise.

Zwischen Tanzkurs und Badminton-Verein – Freitag, 12. April 2024

22:23 Uhr – Remstal
Meine Energie verändert sich, seit einer gefühlten Ewigkeit liege ich wieder einmal hier. Ich bin hundemüde. Besser als mausetot. Aus einem mir nicht näher ersichtlichen Grund habe ich recht viel gegessen. Ich denke an die schöne Weihnachtszeit in Ecuador mit den zwei venezolanischen Familien. All die Erlebnisse aus meiner Kindheit prasseln auf mich ein. Ungefiltert, mit aller Macht. Da wäre die Zeit im Kindergarten, der Besuch in der Wilhelma, die Schule samt dem Sportunterricht, der Tanzkurs und der Badminton-Verein, die Klarinettenstunden und das Jugendsymphonieorchester, das vereinzelte Schach-Lernen und -Spielen bei Nachbarn, das Kappeln mit meiner Schwester und das dauerhafte Konstruieren mit Klötzen, Holz oder Legosteinen. Lange hat es gebraucht um wach zu werden.

Mondzunahme – Samstag, 13. April 2024

22:58 Uhr – Remstal
Das Leben stellt mich gerade auf die Probe. Mein Zahn schmerzt, ich muss zum Arzt gehen. Ich traue mich nicht, meinen Kontostand anzuschauen. Es bedarf schlichtweg des Vertrauens, dass alles gut werden wird. Irgendwie bin ich im Vergleich zu den vergangenen Jahren deutlich entspannter geworden. Es fühlt sich schön an, so sehr in mir zu ruhen, so sehr mit mir in der Verbindung zu sein. Ich weiß, dass in den kommenden zwei Wochen recht viele Herausforderungen auf mich warten werden. Es geht darum der eigenen Stimme immer tiefer hinein in dieses unbekannte Land zu folgen und gleichzeitig noch im Außen gemeinsam mit den Anderen im Austausch zu sein und Freude zu empfinden. Es ist eine sehr schöne Phase des zunehmenden Mondes. Meine Arbeitsintensität steigt – gleichzeitig fällt es mir schwer, mich für einen längeren Zeitraum auf eine Sache zu konzentrieren. Aber ich darf das Vertrauen behalten, dass alles in die richtigen Bahnen gelenkt wird. Alles ist gut. Ich spüre meinen Atem und meinen Körper – meine Energie fließt durch mich – immer weiter komme ich an auf diesem blauen Planeten. Alles ist gut. Ein weiteres Teelicht brennt. Kühle Luft zieht von draußen herein. Ich bin der Friede in Person. Ich wachse mit einem jedem Atemzug. Das Morgen gehört mir und möchte Schritt für Schritt erobert werden. Der Erfolg ist eine langfristig orientierte Einstellung.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert